Das Lächeln des Juri Gagarin

… Ich hänge den Hörer ein und verfluche den Deutschen Herold.

“Juri!” sage ich. Juri lächelt aus seinem glänzenden Helm heraus. “Juri, es ist furchtbar.” Juri lächelt. Juri lächelt eigentlich immer. Er hängt hinter Glas über meinem Bett. Unter dem Bett stehen meine Weltraumstiefel. Ohne Juris Lächeln wäre ich wohl nicht Astronautin geworden, wo man es dieser Tage so schwer hat in diesem Beruf, Unfallrisiko, Weltraumpannen, Columbia, Discovery. Und dann als Freiberuflerin. Ich spreche oft mit Juri.

- “Du brauchst keine Berufsunfähigkeitsversicherung”, sagt Juri zu mir. “Warum nicht?” - “Weil das etwas für Waschlappen ist. Die Menschen heute haben den Traum der Kosmonauten vergessen.” Juri hat Recht. In den Fernsehberichten über die Raumfahrt geht es überhaupt nie um einen Menschheitstraum sondern immer um Sicherheit. Da filmen hochsensible Kameras schadhafte Hitzeschutzkacheln in der Außenverkleidung der Raumschiffe. Da schreibt eine bekannte Wochenzeitung, “die Geschichte der Nasa” sei eine “der kaputten Kabel, der bröckelnden Schutzschilde und der im Sicherheitsbereich liegen gelassenen Schraubenschlüssel.” Das Unfallrisiko ist so unglaublich hoch, dass man sich, sobald man an unsere Raumfahrer denkt, die ganze Zeit Sorgen machen muss. Manche denken laut darüber nach, dass man überhaupt keine Raumfahrer mehr ins All schicken sollte.

Als man Juri Gagarin ins All schoss, rief er “Pojechali!” Los geht´s! und hatte keine Ahnung, ob sein Fluggefährt nicht binnen Minuten wie Ikarus Flügel verkokeln würden. Er wusste auch nicht, wie viele Kacheln von seiner Sojus bereits abgefallen waren, als er im Weltall herumkreiste. Und als er landen wollte, betätigte er einfach eine Art Schleudersitz und schlug unsanft auf einem Kartoffelacker auf. Juri stand auf, klopfte sich lächelnd den Staub aus den Hosen und sprang frohgemut davon. Kein Mucks über die unsanfte Landung.

Juri war aus dem Stoff, aus dem Helden gemacht sind. Er war als Bauernkind in einer Erdhütte aufgewachsen, die Familie hatte gehungert und Juri hatte gelächelt und den Eltern Hoffnung geschenkt. Dann wuchs er heran, erlernte den ehrlichen Beruf des Gießers, entdeckte seine Leidenschaft für die Fliegerei und sattelte um. Dank seines Lächelns gewann er ein Casting für den ersten Flug ins All. Nun lächelte Juri für Millionen von Menschen, und die Menschen liebten ihn dafür, dass er zu den Sternen flog und ihnen den Glauben an das Unmögliche schenkte. Wenn Juri unbeschadet im Kosmos herumflog, dann konnte es ebenso gut sein, dass die sozialistische Wirtschaft ausreichend Schuhe produzieren würde oder dass Gott auf die Erde zurückkehren würde, oder dass ein Kosmonaut selbst Gott werden würde. Juri war unsterblich, das wussten die Menschen. Keine Allianz, kein Deutscher Herold hätte ihm eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlagen. Als es sieben Jahre später hieß, Juri sei mit einem Flugzeug abgestürzt und gestorben, wussten die Leute, dass der russische Geheimdienst die Geschichte erfunden hatte. Ihr Juri, der im Kosmos gewesen war, lebte.

Natürlich war Juri nicht tot. Juri lächelt noch immer, für die, die ihn verstehen. “Die heutige Raumfahrt, die hat ein kranker Esel beim Scheißen verloren”, sagt er zu mir und freut sich über seine bäurisch, markige Ausdrucksweise. “Diese Möchtegern-Kosmonauten machen sich ins Hemd, sobald draußen mal ein Stück Außenverkleidung in den Weltraum fliegt.” - “Juri, du übertreibst.” - “Ich übertreibe nie. Ist dir aufgefallen, dass die Vögel erst herunterkommen, seit sie überall Sicherheitskameras haben?” - “Die Columbia?” - “Der Trick ist: Du musst glauben, dass du unsterblich bist, sonst geht die Sache schief.” - “Ach so?” - “Ja. Nach den Sternen greifen musst du, nicht im All herumdümpeln.” - “Ich verstehe.” - “Nichts verstehst du. Merk dir: Vergiss die Allianz. Vergiss den Deutschen Herold. Bauernregel Nummer eins: Unsterblich sein. Bauernregel Nummer zwei: Nach den Sternen greifen! Anders geht es nicht. Das gilt vor allem für Freiberufler.”

Juri lächelt. Unter dem Bett stehen meine Weltraumstiefel.