Kann man am Berliner Hauptbahnhof küssen?

Die Morgensonne scheint freundlich durch Gerkans berühmte Glasdachkonstruktion. Eine Brünette, die vor uns auf der Rolltreppe fährt, versucht gleichzeitig ein Gebäckstück zu essen, einen meterhohen Koffer vor sich auf der Metallstufe zu balancieren und gleichzeitig per I-Phone mit ihrem Mann zu klären, wer die Wäsche aus der Maschine holt, die sonst anfangen würde, zu „müffeln“.

Aber was ist das, ein richtiger Bahnhof? Was wäre das heute? Schon Mitte des 20. Jahrhunderts haben die Bahnhöfe ihre Bedeutung als Verkehrsportale schlechthin verloren. Lagen in den Gründerjahren die „ersten Adressen“ noch an den Bahnhöfen, wurden Züge ab den 1950er zum Verkehrsmittel jener, die sich kein Auto leisten konnten. Heute fangen Reisen zu Sehnsuchtsorten meistens an einem Flughafen an. Aber dennoch. Berlins Bürger scheinen das „Mehr“, das die Bahnhöfe bieten, nach wie vor zu erwarten. Und zwar vehement.

Als vor zehn Jahren der Hauptbahnhof feierlich eröffnete, erreichten Zeitungen und Internetportale eine Flut wütender Kommentare und Leserbriefe. Er sei ein Nicht-Ort, mitten im Niemandsland. Ein Einkaufszentrum mit Gleisanschluss. Ein Platz, an dem man sich nicht aufhalten mag. Niemals würde dieses Glasding zu einem richtigen Ort öffentlichen Lebens werden. Kein Bahnhofsviertel, kein Bahnhofsmilieu. Nicht einmal Tauben. Wer wollte hier küssen? Wo sollte ein Obdachloser ein paar Münzen einsammeln?

Eines waren Bahnhöfe immer: Sie waren Orte von städtischer Öffentlichkeit.

Denn eines waren die Bahnhöfe immer: Sie waren Orte von städtischer Öffentlichkeit. Und Öffentlichkeit heißt immer auch: Reibung, Differenz und Ungleichzeitigkeiten. An den Bahnhöfen repräsentierte man – zugleich stiegen hier die Dienstmädchen vom Land aus den Zügen. Die Bahnhofsmission nahm sie in Empfang, damit sie nicht in die Hände von Zuhältern gerieten. Nach dem zweiten Weltkrieg erreichten an den Bahnhöfen die Kriegsheimkehrer die Stadt. Für Heimatlos gewordene gab es hier Suppenküchen. Er war Schauplatz von Schwarzmärkten, Treffpunkt von Gastarbeitern und Refugium der Kinder vom Bahnhof Zoo. Das Obdach der Bahnhöfe suchte, wer anonym sein wollte – oder spüren wollte, im Leben, in der Stadt und unter Leuten zu sein. Und manche, wie die Gastarbeiter, fühlten beim Einrollen der Züge vielleicht sogar eine Verbindung ins ferne Zuhause.

Heute – am Hauptbahnhof – wirken die Geschichten von den Dienstmädchen, von den Gastarbeitern, von Schwarzmärkten und Suppenküchen fast surreal. Die Rolltreppe setzt uns im ersten Oberdeck ab. Zwielicht umfängt uns. Geruch nach Schnittblumen und nach Mit-Käse-Überbacken. Menschen, die oben auf dem S-Bahnsteig noch eine rempelnde Menge gebildet haben, verstreuen sich, werden zu einzelnen Kofferziehenden. Die Brünette mit ihrem Riesenkoffer reckt den Kopf nach vorn, so als suchte sie etwas.

Auch wir suchen. Fragen, Antworten und die Bahnhofsmission. Denn was wäre, wenn die Bürger, die von allem, was neu ist, immer sowieso schon alles im voraus wissen, nicht Recht behielten? Städtisches Leben ist in der Geschichte schließlich nicht immer planvoll entstanden. Räume werden in Besitz genommen – weshalb nach einer Dekade nicht auch am Berliner Hauptbahnhof?

„Kennen Sie die Bahnhofsmission?“, frage ich die Brünette. „Hier?“, fragt sie zurück, „für wen denn?“, und guckt, als hätten wir sie nach einem Geschäft für Rinderpansen gefragt. Und wohin die Reise gehe? In den Urlaub? Vielleicht ein Sehnsuchtsort? Ne, sagt sie. „Stendal.“ In dem dicken Koffer sei Wintergarderobe, und die wolle sie im Haus ihrer Mutter in einem Schrank verstauen. Ob sie meine, dass man am Hauptbahnhof küssen kann? Jetzt lächelt sie kurz. Dann meint sie, dass sie hier normalerweise nie Zeit dazu hätte.

Tatsächlich wirkt niemand um uns herum, als hätte er Zeit – weder zum Küssen noch für Sehnsucht noch für die Bahnhofsmission. Denn der Bahnhof ist schon qua seiner Architektur kein Ort zum Verweilen, sondern ein Schichtsystem von Etagen, zahllosen Gängen, Treppen und Aufzügen, in dem alle zwangsläufig ständig in Bewegung sind. Nach rechts geht es zur DB-Lounge. Direkt vor uns kann man in die Tiefe schauen. Wir verirren uns – und finden die Räume der Bahnhofsmission schließlich tatsächlich zwischen Starbucks und Dunkin Donats in einem schmalen Gang hinter einer Glastür.

Im Labyrinth des Hauptbahnhofs haben sich Obdachlose ihren Raum genommen

Die Räume der Bahnhofsmission: ein lichtdurchflutetes Zimmer, momentan gerade menschenleer. Ein schmaler Mann mit hellem Gesicht, hellen Hosen und weichen Schuhen ist Mitarbeiter der Bahnhofsmission. Rainer König, Theologe. Er bietet an, uns mitzunehmen – zu seiner Morgenrunde. Jeden Morgen, sagt er, guckt er nach, „ob noch jemand von der Nacht übrig ist“. – Da sind manchmal welche? – Meistens eigentlich.

Weil König seine Runde im Tiefgeschoss beginnt, sind wir gleich wieder draußen auf Treppen unterwegs. König verzichtet auf die Rolltreppe, geht federnd. Er erzählt, dass er eine Zusatzausbildung als Seelsorger habe und auf seinen täglichen Runden Ausschau nach Menschen hält, die vielleicht Hilfe bräuchten. – „Auch Obdachlose?“

Wir erzählen ihm, dass wir im Vorfeld einen Tag lang am Bahnhof Zoo recherchiert haben, was Obdachlose vom Hauptbahnhof hielten. – Und? – Sie sagen, am Hauptbahnhof schmisse sie binnen kurzem der Wachschutz raus. Wir federn an Starbucks und Essanelle vorbei. Treppen. Wieder Treppen. Erstes Untergeschoss Tamaris, S. Olivier, Esprit leuchten ins Halbdunkel. Es ist so still, dass wir die eigenen Schritte hören. Obwohl inzwischen 300.000 Besucher täglich den Bahnhof passieren sollen, ist man hier unten noch immer beinahe allein.

„Hier ist jemand“, sagt König – und tatsächlich ist da jemand. Auf einer der wenigen Bänke sitzt aufrecht eine junge Frau. Dass sie schläft, wird erst klar, als wir näher treten. Auf ihrem Schoß ruht eine Ledertasche, darin gut sichtbar eine Wodkaflasche, ihre Arme hat sie schützend darüber gelegt. Mittellanges Haar, dunkel geschminkter Teint. Auf Königs Frage, ob ihr etwas fehlte, schnauft sie tief. Ein Wachmann der Bahn kommt dazu. „Bei ihr scheint alles in Ordnung soweit“, flüstert König gütig, an den Wachmann gewandt. „Ich komme später noch mal. Jetzt braucht sie erst mal noch etwas Schlaf.“ Auch der Wachmann scheint das zu finden. Er nickt, scheint zufrieden und geht weiter.

Auch wir gehen weiter. Tiefer in die Ausläufer des Untergeschosses, von dem Rolltreppen hinab zu den Nord-Südgleisen führen. Je weiter wir gehen, desto kühler wird es. Es riecht nach etwas, das entfernt an Parkhäuser erinnert. „Hier ist der Wartebereich der Deutschen Bahn“, sagt König, als wir ganz hinten angelangt sind, „weil es hier so kalt wird, stellt die Bahn hier im Winter inzwischen Heizpilze auf.“

Businessmen mit Vielfahrerkarten – die Gestrandeten der Bahnhöfe von heute?

Der Wartebereich ist durch Glaswände begrenzt. Im Innern Sitzschalen. Auf ihnen sitzen zwei Herren. Beide haben vor ihren Knien je einen Rollenkoffer stehen, darauf jeweils ein Laptoprucksack. Schon wieder beschleunigt König den Schritt. Der eine der Herrn, ein Chinese, hat eine Thermoskanne ausgepackt und ist eben dabei, etwas Tee in einen Becher zu gießen, als König ihn anspricht. Erschrocken hebt er die Schultern, scheint nichts zu verstehen. Auch König hebt die Schultern, entschuldigt sich, dreht ab und erklärt uns die Sache: Seit ein paar Jahren, sagt König, gebe es Menschen, die statt Wohnungen zu mieten, in Zügen lebten. Eine „Bahncard 100“ zu kaufen, sei inzwischen billiger als in den Großstädten Miete zu bezahlen. Wenn sie Vielfahrer sind und ausreichend Bonuspunkte sammeln, bekämen sie morgens in der DB-Lounge sogar noch einen Kaffee umsonst. Obdachlose Businessmen mit Vielfahrerkarten? Sind das die Gestrandeten der Glitzerbahnhöfe von heute?

Aber es scheint andere zu geben. Bis vor kurzem, erzählt König, hat im Bahnhofsgebäude zum Beispiel der „Barfüßer“ gelebt. Er schlief in einem Raum vor einem Fahrstuhlschacht. Dort wo sein Kopf immer lag ist heute an der Wand noch ein Fettfleck zu sehen.

Das frappierende ist – man meint ihn zu kennen, den Hauptbahnhof. Doch wen immer man fragt: Niemand hat hier jemals den „Barfüßer“ gesehen. Auch nicht die Bettler und die Straßenzeitungsverkäufer, die uns jetzt, mit König unterwegs, sehr wohl auffallen. Nicht den gepflegten, graumelierten Herrn, der hier täglich auf und ab geht, ein Aktenköfferchen in der Hand, und mit Wänden spricht. Auch nicht den Mann, der verfilzte Rastas trägt, im Rollstuhl sitzt und aus dem einen seiner Hosenbeine ein bläulich gefärbter Ballonfuß herausschaut. „Parlez vous francais?“, fragt er, als wir auf ihn zu kommen. Hinter ihm leuchtet eine Douglas-Reklame. Er sei gerade aus dem Krankenhaus gekommen. „Und was macht ihr so im Leben? Ich bin Fernfahrer.“ Aus einer längeren Rede geht hervor, dass er gern sobald möglich wieder mal nach Frankreich will.

„Meinen Sie, der kommt wirklich gerade vom Arzt?“, fragen wir, als wir weitergehen. „Gut möglich“, meint König. – „Und wie ist der überhaupt hierher gekommen?“ – „Keine Ahnung, die Leute schaffen es immer irgendwie an den Bahnhof.“ Und dann lächelt König und sagt wirklich die Sache mit dem Sehnsuchtsort: Der Ballonfußmann könnte deshalb hier sein, weil er das Gefühl haben wollte, er könnte noch mal in seinem Leben weit weg von hier.

Am Hauptbahnhof ist  Maciejs Arbeitsplatz – am Bahnhof Zoo gibt es Abendessen

Ganz andere Motive hat Maciej. Als wir endlich aus dem Tiefgeschoss wieder ans Licht aufsteigen, Herrn König verlassen und uns noch ein wenig ohne ihn umsehen, begegnen wir ihm. Er trägt blauverspiegelte Sonnengläser, stammt aus Polen und hat in Berlin eine Weile lang auf Baustellen gearbeitet. Warum er das jetzt nicht mehr tut, wird nicht ganz klar. Aber irgendetwas scheint ihm dazwischen gekommen zu sein, weshalb er heute davon lebt, am Hauptbahnhof die Passanten nach Kleingeld zu fragen - Warum sind Sie hier und nicht zum Beispiel am Bahnhof Zoo?, wollen wir wissen. „Weil es hier einträglicher ist”, entgegnet Maciej.

Ein Querschnitt der Meinungen von zehn befragten Kleingelderbittern ist: Der Hauptbahnhof sei die bessere „Arbeitsstelle“. Wegen der „Fluktuation“, wie es Rapper und Bahnhofsbewohner „The Bad Joe“ beschreibt. Die Suppenküche Berlins, die täglich hunderte der immer zahlreicheren Obdachlosen speist, befinde sich dagegen nach wie vor am Bahnhof Zoo. Auch „Abhängen“, Zusammensein, Feierabend realisiere man dort oder auch am Ostbahnhof. – Und der Wachschutz am Hauptbahnhof? Der sei strenger als anderswo, meinen die einen. Andere sagen, es sei in den letzten Jahren besser geworden. Seit Mehdorn weg sei. Der Ton sei anders – und auch die Toleranz.

Inzwischen geht es auf eins. Der Tag hat sich erwärmt. Sogar im Bahnhofsfoyer steht die Wärme, die nach Glas riecht so wie in einem Wintergarten. Vor dem Ausgang zum Washingtonplatz hat die Schüler-BigBand eines Baden-Württembergischen Gymnasiums Position bezogen und musiziert gerade „Can´t buy my Love“ von den Beatles. Ein Mädchen singt. Tauben gibt es keine. Auch küsst sich weit und breit kein Liebespaar. Dafür haben sich in einem Halbkreis rund zwei Dutzend Reisende eingefunden, die ihre Koffer zwischen den Beinen abgestellt haben und leicht unmusikalisch, aber umso entschlossener mitklatschen. Die meisten tragen Outdoorkleidung, beige oder kakifarben. Viele von ihnen sind Rentner.

Ob auch hier langsam so etwas wie städtische Öffentlichkeit entsteht? Wir sind nicht sicher – und entdecken Maciej. Weil kein Koffer zwischen seinen Beinen klemmt, hat er Bewegungsfreiheit und wippt begeistert. Dann tut er etwas, das uns den Stecker zieht: Er zählt von seinem erschnorrten Geld einen Euro ab und legt ihn den Schülern aus aus Heidenheim an der Brenz in ihren Instrumentenkoffer.

Wer wartet, vielleicht aufs Wegfahren, gewinnt eine Fülle von Zeit

Wir sind kurz davor, zu resümieren, dass der Hauptbahnhof in zehn Jahren alles mögliche geworden sei – aber eins ganz sicher nicht: Schauplatz von Fernwehszenen, so wie es sie vielleicht in alten Zeiten gab. Mit Menschen, die kommen, nur um auf Bänken zu sitzen, den Fernzügen zuzuschauen. Die Atmosphäre von Abfahrten und Ankünften zu genießen. Denn wo gibt es hier schon Bänke? Wo Atmosphäre?

Bevor wir gehen, fragen wir noch eine letzte Reisende, was ihr der Berliner Hauptbahnhof bedeute. Ob man hier küssen könne. Oder, naja – von der Ferne träumen. Die „Reisende“ ist eine zarte Dame in ihren frühen Sechzigern, Sommerkleid, dunkles langes Haar, die eben die DB-Lounge verlässt, einen Lederbeutel überm Arm wie beim Stadtspaziergang. „Ich verreise heute nicht“, klärt sie uns auf. Leider. Sie täte es gern.

Und dann erzählt sie tatsächlich, sie komme hier her, nur um in der Bahnhofslounge zu sitzen. Obwohl der Kaffee schlecht sei. Obwohl der Bahnhof so hässlich sei. Sie stamme aus Zürich, erzählt sie, habe hier und dort gelebt und sei heimatlos genug, um sich an Bahnhöfen zu Hause zu fühlen. „Allein, dass du im letzten Moment in einen Zug springen und losfahren kannst.“ - Also doch ein Sehnsuchtsort? Nach Heimat? Nach Ferne? - Nach der Möglichkeit all dessen. Die Glastür zur Lounge öffnet sich und dann schließt sie sich wieder, und die Züricherin, die es nicht eilig zu haben scheint, setzt nach: „An Bahnhöfen, egal an welchen, mag ich es ganz einfach, unter Wartenden zu sitzen.“ Wer wartet, vielleicht darauf wegzufahren, der gewinne eine Fülle von Zeit.

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