Wie man eine Schleuder baut

Kiefern, Birken, Dörfer aus Klinkerhäusern. Um von Zeit zu Zeit jäh herausgerissen zu werden durch Anblicke, die kolossaler nicht sein könnten. Wie die „Biotürme“ von Lauchhammer, die wie gemauerte Rätsel aus dem Nichts auftauchen. Wie die F60, ein liegender Gigant, der über dem Wald aufragt. Wir halten auf Lichterfeld zu. Eine Ausschilderung erübrigt sich. Die Besucherbrücke ist weithin sichtbar.

„Groß“, sagt eine Hamburgerin, die vor uns die Stiegen der Brücke erklimmt. Mit „groß“ meint sie die Aussicht. Und sie hat Recht. Was aus der Ameisenperspektive flach und einförmig wirkt, gewinnt plötzlich Raum. Der Klettwitzer See glitzert unter uns, am Horizont drehen sich Windräder, eine Brise kühlt unsere Nasen. „Von hier oben sieht unsere Landschaft schöner aus“, scherzt die Gästeführerin mit dem blauen Helm.
Groß ist die Brücke und groß ist die Leistung, die die F60 möglich machte. Am Anfang stand die Idee von ein paar Visionären. Von einer Landschaftsarchitektin, ein paar Ansässigen und der Gemeindevertretung Lichterfeld Schacksdorf. Die Idee war, aus dem gigantischen Bergbaugerät ein begehbares Denkmal zu machen. Ohne jegliche Erfahrung brachten sie ein erfolgreiches Projekt auf den Weg, unterstützt durch die IBA und den Mut zum Unmöglichen. „Am Anfang hat man mich nur mitleidig angeschaut“, erzählt Michael Nadebor, früherer Bergmann und heutiger Geschäftsführer des Fördervereins, den wir später in der F60-Gaststätte “Glückauf” treffen. Heute sprechen die Zahlen für sich: Rund 80.000 Besucher lockt die F60 pro Jahr nach Lichterfeld. Elf reguläre Arbeitsstellen bietet sie, dazu kommen Gästeführer und der kleine Gaststättenbetrieb. Die F60 sei aus dieser Gegend nicht mehr wegzudenken, bestätigen auch ein Gastwirte und ein Tankwart am Weg, als wir weiterfahren.
Durch Kiefernwälder führt uns unser Weg am aktiven Tagebau Welzow vorbei. An einem Ende dieses gewaltigen Tagebaus “frisst noch der Bagger”, hatte der Tankwart gesagt, während an seinem anderen Ende schon wieder aufgeforstet wird und neue Landschaften entstehen. Wo Pflanzen wachsen, kann auch Energie gedeihen, war die Idee eines IBA Experiments. Wir treffen Gerald Kendzia, den Betreuer des Experiments, in seinem Büro in der Cottbuser Hauptverwaltung der Vattenfall Mining AG. Er erklärt,  das Projekt stecke noch in den Kinderschuhen. Die Frage sei clever: Wie man nämlich die nährstoffarmen Böden, die ein Tagebau in Hülle und Fülle hinterlässt, für Energiepflanzen nutzen kann. Gemeinsam mit der TU Cottbus und unterstützt von der IBA habe man eine Fläche von 160 Hektar aufgekauft, um Anbaumethoden für schnellwachsende Gehölze zu erproben. Robinien, Weiden und Pappeln. Dabei soll am greifbaren Beispiel getestet werden, ob etwa Agroforst-Systeme langfristig nicht nur ökologischer sondern auch wirtschaftlicher sind. Auf 66 Hektar Sand wolle man  in Agroforsten bald auch Energiepflanzen anbauen. Von der Kohle zum Energiegarten. Allerdings, räumt Kendzia ein, sei der praktische Nutzen der Experimente bislang gering. Weshalb? Die Förderprogramme für die Landwirtschaft seien bislang nicht auf “Energiegärten” zugeschnitten. Es sei ein Feldversuch. Aber als solcher brächte er Ergebnisse für die Zukunft.

Wir fahren weiter. Die Bilanz, wenn man sie in nackten Zahlen liest, sieht ernüchternd aus. Im Jahr 1989 arbeiteten in der Lausitz nach Angaben der LAUBAG rund 79.000 Menschen im Braunkohlebergbau. Die Kohle war alles, gab alles und bedeutete alles in dieser Region. Heute fahren wir viele Kilometer weit von einem Projekt zum nächsten. Das eine singt von Zukunft, vielleicht, irgendwann. Ein anderes erzählt von Vergangenheit. Selbst das Erfolgsprojekt F60 nimmt sich vor dem, was war, winzig aus.
Aber geht es nicht vielleicht um anderes? Muss man anders fragen, wenn man erkennen will, was sich durch die Experimente verändert hat? „Von hier oben sieht unsere Landschaft anders aus“, hatte die behelmte Gästeführerin an der F60 gesagt. Und alle nickten entschlossen. Auf halber Strecke, noch nicht am Ziel aber schon weit draußen, tun sich neue Ausblicke auf. Vielleicht kommt man weiter, wenn man nach neu gewonnenen Sichtweisen fragt. Nach Möglichkeiten, wie man neue Wege erschließt.  Solche, auf die man in der „Experimentalregion“ angewiesen ist.
„Wenn ich sagen soll, WIE wir das geschafft haben“, sagt F60-Geschäftsführer Michael Nadebor, „kann ich Ihnen das im Detail gar nicht mehr wiedergeben. Aber das meiste gelang, weil ständig Leute miteinander am Tisch saßen, die sich sonst nicht miteinander kurz schließen würden.“ Schließlich war nicht einmal klar, ob eine Besucherbrücke nun eigentlich ein Haus oder eine Maschine sei – und ob sie daher unter Baurecht oder unter Bergrecht stehen sollte. Wären nicht eine Reihe hoch ungewöhnlicher Verabredungen zustande gekommen, hätte man die Idee beerdigen müssen. Eine davon war, die Brücke unter Bergrecht zu belassen. Damit sie zwar wie ein Haus begehbar ist, aber weiterhin die Sicherheitsstandards einer Bergmaschine erfüllt. Ein weiterer Schritt zum Erfolg war, dass die Akteure schon sehr bald im Sinne einer weiteren Entwicklung dachten. Die Gemeinde Lichterfeld Schacksdorf, die Eigentümerin der F60 ist, bestimmte von Beginn an den Wandel vom Tagebau zur Tourismuslandschaft mit. Sie kaufte früh künftige Wassergrundstücke, damit sie Gestalter und nicht Spielball der touristischen Entwicklung werden würde. Auf einem dieser Grundstücke steht nun das Bergbaudenkmal. Und hier finden inzwischen nicht nur Führungen, sondern Konzerte, Festivals und Licht-Klang-Installation. Die Besucherzahlen der kulturellen Veranstaltungen steigen jährlich.

Ein anderes Projekt, das vom findigen Weggeschlagen durch bürokratisches Dickicht erzählt, ist die Tauchschule am Gräbendorfer See. In dieser Gegend, in der die Tagebaulöcher täglich ein wenig mehr zu einer Seenlandschaft werden, versuchte sie so Avantgardistisches wie Unmögliches. Nicht genug damit, dass die Schule als “Schwimmende Architektur” an den Start gehen wollte – was stets die Frage aufwirft, ob ein Objekt als Gebäude oder als Schiff registriert werden muss. Die Idee schoss den Vogel ab, weil die Schule auf einem Tagebausee schwimmen sollte, der noch nicht einmal als Gewässer galt. Sondern als ein Tagebauloch in Flutung. Die Gespräche auf dem kurzen Dienstweg, die Elefantenrunden und Gesprächsmarathons suchten ihres Gleichen. Und sie gelangen! Nicht, dass eine Tauchschule die Region retten könnte. Doch sowohl ihr Gründer – ein früherer Marinetaucher aus Cottbus – als auch die örtlichen Behörden sind um eine Erfahrung reicher. Man lernte, dass Dinge möglich werden, wenn man andere Verbindungen herstellt als jene, die üblich sind.
Die Zeit des Experimentierens hat Wirkung gezeigt. Allerdings geht es um qualitative – nicht um quantitative Veränderungen. Veränderungen im Denken, im Herangehen, im kreativen Hantieren mit dem, was nun einmal vorhanden ist.

Der Effekt sei marginal, mag man dem entgegenhalten. Doch wer sehen will, mag den Kopf heben. Blickt man von der F60 aus 80 Meter Höhe nach unten, sieht man einen kleinen Planwagen, den zwei tapfere Pferdchen Richtung Tagebau Klettwitz  ziehen. Eine junge Frau kutschiert ein Dutzend Besucher und wird ihnen gleich die Geschichte des Tagebaus nahe bringen, derweilen den Wagen lenken und eigene Marmeladen zum Kosten anbieten, kurz gesagt, ihre eigene Existenz aufbauen. Diese ist mit einiger Mühe verbunden – aber sie funktioniert. Das Erstaunliche ist, dass Susanne Tausche, gelernte Pferdewirtin, in die Region zurückgekehrt ist, nachdem sie ihr wegen Arbeit und Ausbildung längst den Rücken gekehrt hatte. Weshalb? Nachdem sie auf einer Nordsee-Hallig für einen Gastwirt einen Kremser kutschiert hatte, wollte sie sich selbstständig machen. „An der Nordsee hast du keine Chance, jede Nische ist schon vergeben“, sagt sie. In dieser Region sei zwar die Zukunft ungewiss, dafür stünden aber die Wege offen. Einfach war es nicht. Sie brauchte Sondergenehmigungen, im Tagebau zu fahren, sie brauchte Findigkeit und Unterstützung, um in der touristisch noch kaum entwickelten Gegend genügend Gäste zu finden. Nicht nur Tagebautouren, auch Kindergeburtstage bietet sie an. Bei diesen Touren wird denn auch mal überraschend die Kutsche überfallen. Wer über Neuland kutschiert, muss sich etwas einfallen lassen.
Wenn die IBA als Experimentalregion zu verstehen ist, ist nicht allein entscheidend, ob die IBA-Projekte selbst gelingen. Von mindestens ebenso großem Interesse ist, was links und rechts von ihr entsteht. Die IBA trat von Beginn an nicht als Retterin sondern als Katalysator an, die Pläne aufgreift, unterstützt und möglich macht, bestenfalls ein Bespiel gibt. Entscheidend ist nicht der große Wurf, sondern „Humusbildung“. Indem die Erfahrung, neue Wege zu beschreiten und dabei weiter zu kommen, hier, da und dort gemacht wird. In kleinen wie in größeren Unternehmungen, von denen die eine oder andere glückt. Kein Gründergeist wird dabei entstehen, vielleicht aber Wissensbildung. Ein kollektiver Erfahrungsschatz, wie diejenigen, die trotz allem bleiben oder trotz allem kommen wollen, hier etwas schaffen können – indem sie mehr Wagemut aufbringen als gewöhnlich, mehr Netzwerkkompetenz beweisen als ein Dutzend Manager und mehr Vorstellungskraft haben als die Entdecker Amerikas.

Im Städtchen Großräschen liegt am Rande des Tagebaulochs, das gerade geflutet wird, das IBA-Besucherzentrum “IBA-Terrassen”. Aber den Staffelstab hat die IBA schon weitergereicht: an die Bodenbereiter, die bleiben und weitermachen. Ein Schild bietet noch in großen Lettern „IBA-Tours“ an. Doch „IBA-Tours“ steht schon nicht mehr für „Touren der Internationalen Bauausstellung“, sondern für das Unternehmen von Sören Hoika, der Bergmann und Klempner war. Jetzt ist er Reiseleiter und Firmengründer. Begonnen hat alles, als Hoika nach der Wende mit einem Sanitärbetrieb pleite ging und nach neuen Möglichkeiten suchte. Er kaufte einen grünen Kleinbus und dockte beim Besucherzentrum „IBA-Terrassen“ in Großräschen an. Als erster zeigte er Fremden das “Lausitzer Seeland” – all die Tagebaulöcher, die sich in Wasserlandschaften verwandeln –
die zu dieser Zeit noch aussahen wie eine Kraterlandschaft. Er holte Sondergenehmigungen ein, direkt am Ufer zu fahren, und zeigte die neuen Ausblicke. In Großräschen begann die „Reise zum Mars.“ Hoikas Ich-AG war alles andere als eine startende Rakete. Er ging Schritt für Schritt, und nie weiter als die Kräfte zuließen. Aber als die IBA ihre Zelte abbrach, war sein Unternehmen gerade groß genug, um die IBA Touren zu beerben.
Er holte seinen Sohn ins Boot – weil er nicht sicher war, ob er es allein bewältigen würde. Gemeinsam gründeten sie „IBA-Tours“. Jetzt heißt es „Ihr besonderer Ausflug“. Auch jetzt tun sie keine großen Sprünge, sondern kalkulieren vorsichtig. Ihre Stärke liegt darin, dass sie alles und jeden verbinden. In diesem Raum, in dem die Strecken zwischen den Besucherhighlights weit sind, wo die Gastronomie erst am Anfang steht und die Planung einer Zwei-Tages-Tour mit Übernachtung noch eine Herausforderung ist. Ihre Touren planen sie so, dass sowohl die Besucherriesen wie die F60 auf der Strecke liegen – als auch seltene Schönheiten. Orte, die so selten besucht werden, dass Führungen nur nach Absprache stattfinden. So können Hoikas „Geheimtipps“ anbieten – und die Betreiber können mit festen Gästen rechnen. Die Experimentalregion ist ja durchaus reich an Besonderheiten. Nur mangelt es an vielem. An Hotels zum Beispiel, die wiederum um kalkulierbare Belegungen ringen. Es ist wie ein Spiel, in dem Teile fehlen. Nur wer klug kombiniert, kommt weiter. „Natürlich konkurrieren wir um Gäste“, sagt Sören Hoika. „Nur haben wir verstanden, dass wir gerade hier sehr gut miteinander kooperieren müssen. Sonst haben wir überhaupt keine Chance.“

Die IBA wird bald Geschichte sein. Was bleibt, sind ihre Erben. Bevor es Abend wird, fahren wir noch einmal nach Welzow. Ein Mannschaftstransportwagen holt uns ab, und mit dröhnendem Motor geht es los – mitten in die Landschaften, für die die Lausitz in den letzten Jahren bekannt geworden ist. Die bizarren Bergformationen, jähen Schluchten, sandigen Weiten. Die lokalen Akteure heißen hier „Excursio“, der „Bergbautourismusverein“ von Welzow. Eine Hand voll Ansässiger hat ihn gegründet. „Wir wollten Welzow entwickeln, als wir vor sechs Jahren begannen“, erinnert sich Vorstandsmitglied Gundula Stede. „Und fragten uns: Was ist Welzow, wenn man den Tagebau nicht sieht?“ Excursio legte einen steinigen Weg zurück, um dort anzukommen, wo sie heute sind. Im aktiven Tagebau, neben laufenden Baggern, führen sie Touren. Was keiner für möglich hielt, geht.
Allerdings ging es ihnen nicht um Mondlandschaften sondern um Technik. Stede, die ihr Leben lang bei LAUBAG, dann bei Vattenfall gearbeitet hatte, war die Schönheit von Halden so fremd wie einem Lebenslustigen der Tod. Wenn die Bergleute über  Maschinen reden, meint man lebendige Geschöpfte zu sehen, die arbeiten und Erde umwühlen. Die Restlöcher und toten Halden sind ihnen nur das, was übrig bleibt. „Krank“, sagte Stede, als das IBA Büro von „einzigartiger Landschaft“ sprach und „Wanderungen zum Mars“ anbot. Ein Treppenwitz, dass sie es waren, die die Mars-Wanderungen beerbten. Als nämlich in Großräschen das Wasser schon hoch stand, waren Tagebausafaris nur noch in Welzow, im aktiven Tagebau möglich. Während das Seenland immer mehr zum Wasserland wurde, gewannen die Welzower Tagebau-Exkursionen immer mehr an Einzigartigkeit. Die Höhen, die Täler, die Abraumgebirge – hier sind sie noch zu sehen. Heute kann man hier Touren mit Jeeps und mit Fahrrädern durch die „Canyons“ buchen. „Dass Menschen in dieser Dünenlandschaft einmal Fahrrad fahren würden“, sagt Stede, „das hätte ich mir anfangs nie vorstellen können.“ Genauso wenig wie ein Picknick, an einer langen Tafel, weiß eingedeckt, mitten im Sand.

erschienen im Abschlussband der IBA Fürst-Pückler-Land 2000-2010: “Verwundete Landschaft neu gestalten. Die IBA Werkstatt in der Lausitz”, Jovis Verlag 2012

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