Und das rote Kreuz bringt uns dann einen Eimer Wasser vorbei

Die Kanzlerin kommt. Auf dem Stendaler Kornmarkt soll sie gleich aus ihrer Limousine steigen, um mit den Stadtvätern im Rathaus über einen sperrigen Begriff zu reden: den demographischen Wandel. „Der demographische Wandel“, erklärt uns ein Junge mit kurzen Haaren, „ist das, was man vor ein paar Jahren noch ‚Schrumpfung’ nannte und was die Altmark schon jetzt so bitter trifft, dass die Kanzlerin heute mit ihrem Hubschrauber hier landet.“ Worum soll es gehen? Darum, ob auf dem platten Land die Kinder weiter zur Schule kommen, die Kranken zum Arzt gehen können und der Bus weiterhin fährt. Was eine Selbstverständlichkeit sein sollte, wird in vielen ländlichen Gebieten von Deutschland bald keine mehr sein. In der Altmark, einer Gegend zwischen dem Wendland, dem Harz und dem Havelland ist es das teilweise schon heute nicht mehr. Und so weiß man auch nicht recht, ob Merkels Hubschrauberlandung mehr an einen Staatsbesuch oder an einen Katastropheneinsatz erinnert. Vor dem Rathaus sammeln sich immer mehr Leute. Ein Dutzend Sicherheitskräfte sperren den Kornmarkt ab. Die Sonne scheint zum ersten Mal seit Wochen, weshalb fast alle etwas zu dick eingepackt sind. Eine Blonde neben uns, die für das helle Licht etwas zu viel Wangenrouge trägt, lächelt fortwährend, so als käme die Kanzlerin eigens ihretwegen vorbei. Ein Herr in Beige dagegen wettert: „Unmöglich ist das. Die Fuzzis wollen uns da draußen das Wasser abdrehen!“ „Was für ein Quatsch“, hält die Blonde dagegen. „Aber ja“, besteht der Beigefarbene auf seinem Wissen, das er angeblich aus der Zeitung hat. „Sie drehen uns das Wasser ab und jegliches, wofür die Kommune zuständig war, sollen dann Ehrenamtliche richten. Die Ehrenamtlichen bringen uns dann einen Eimer Wasser vorbei.“ Die Blonde sieht den Mann an, als hätte er sie persönlich beleidigt. Aber dann kommt auch schon die Kanzlerin. Sie winkt, lässt sich mit dem Volk ablichten und verschwindet mit den Sicherheitsleuten im Rathaustor.

„Das ist nicht ganz falsch“, sagt eine Frau im Jackett, die uns eine Stunde später in ihr Auto bittet. Sie sitzt auf dem Fahrersitz, beugt sich zur Beifahrerseite, schubst die Wagentür auf und wir steigen ein. Tatsächlich waren zum Kanzlertreffen als Inputgeber eine Handvoll Bürgerbewegter geladen. Eine von ihnen war sie. „Die Tendenz gibt es schon“, sagt sie, als sie den Wagen startet. Wo sich der Staat  zurück zieht, tritt der Bürger auf den Plan. Er richtet Bürgerbusse ein, wo die Öffentlichen nicht mehr fahren, baut Bioabwassersysteme, gründet Kitamobile. Auch eben im Rathaus sei das Thema gewesen. „Schreiben Sie das mal auf und schicken es mir“, hätte die Kanzlerin hier und da gesagt. Ob das schlecht sei, wollen wir wissen. „Im Grunde nein“, sagt sie und legt die Kupplung ein. Sie heißt Mohr. Marion Kristin Mohr. Trägt das Haar entschieden schwarz gesträhnt, rote Brille, weißes Hemd, Jeans und robuste Stiefeletten – und hat etwas Energisches an sich, auch dann, wenn sie nur einen Wagen lenkt. Sie gibt Gas. Draußen ziehen Äcker vorbei. Sattes Land, zu Furchen gepflügt, aus dicken Erdklumpen bricht erstes Grün hervor. Der Motor zieht, und Mohr erzählt. Wie sie vor acht Jahren ihr erstes Selbsthilfeprojekt gründete. Zu Ostzeiten war sie Maschinistin gewesen, nach der Wende wollte sie nicht arbeitslos sein und fuhr, mitte zwanzigjährig, mit Versicherungspolicen über Land, um sie den Leuten in der Altmark zu verkaufen. Mohr redet gern. Damals wie heute. Sie lernte immer mehr Leute kennen und je mehr kleine Dramen einer schrumpfenden Region sie kannte, desto dringender wollte sie was Nützlicheres tun. Sie wusste: Sie konnte das. Wäre Mohr nicht gelernte Maschinistin sondern Betriebswirtin, würde sie sagen, sie hätte Führungskompetenzen. So sagt sie: Ich kann gut Menschen zusammen bringen. Das tat sie – und gründete keine GmbH und keine Co.KG, sondern ein Netzwerk. Die Idee war so simpel wie handhabbar: In einer Gegend, die schrumpft, gibt es einerseits Leerlauf, Übriggebliebene, für die nicht mal das Abwandern lohnt. Auf der anderen Seite bleiben immer mehr Alte allein, wenn  die Kinder wegziehen, der Arbeit hinterher. Mohr hatte die Idee, diese beiden Gruppen zueinander zu bringen. Man braucht dazu nicht mehr als ein Büro und ein Zeitungsinserat. Und schon wächst etwas: Ein Netz von Wahlfamilien. In Stendal gibt es mittlerweile Hilfsgemeinschaften, die von sich Sätze sagen wie „Wir sind jetzt seit sechs Jahren zusammen“. Wie alte Eheleute. Oder: „Wenn er so deprimiert ist, bringe ich Blumen mit.“ Das ist rührend. Und nützlich. Und wurde so erfolgreich, dass Mohr dafür das Bundesverdienstkreuz bekam.
„Ist doch super“, sagen wir. „Vom Versorgungsstaat zur Selbsthilfegesellschaft. Erfolgreiche Praktikerin berät Kanzlerin.“ Aber Mohr schüttelt entschieden den Kopf und meint: „Nö. So einfach geht das nicht. Warten Sie. Ich zeig Ihnen was.“

Wir biegen ab, passieren das Ortschild Wendemark. Mark heißt „äußerste Grenze“. Die Elbe ist nicht weit, das Dorf ein Straßendorf. Vor dem letzten Haus steht auf der Treppe Frau Koevel. Leuchtend pinkfarbener Pullover, weinroter Anorak, rötliches Haar. So laut und vital wie ihre Farben ist auch sie. „Na?“, fragt Mohr. „Wie ist es gelaufen?“ „Nicht gut“, erwidert Koevel geradeaus. Das hätte man sich gleich denken können. Den Papierberg hätte keiner verstanden. Auch wir verstehen nichts. Aber Koevel fährt jetzt auch erst mal ihr Auto vor. Wir müssten zum Kindergarten. Und dahin ist es weit. Die Gegend heißt „Wische“, ein Sumpfgebiet – eine gräserne Weite, in der wie auf Inseln Weiler liegen. Kopfweiden, sattes Grün. „Ist das die Gegend, wo die Fuzzis demnächst das Wasser abdrehen?“ Wasser haben wir genug, sagt Frau Koevel und erzählt davon, wie sie früher mit der FDJ die Gräben vom Schlamm befreiten. Jetzt erobert die Natur die Kulturlandschaft zurück. Höfe stehen leer, Gärten überwuchern. „Schauen Sie“, sagt Frau Koevel und zeigt auf einen, Weg, der von der Straße abzweigt. „Diese Wege hier führen zu Höfen, die kilometerweit abseits liegen. Wer da hinten wohnt und nicht fahren kann, sitzt absolut fest!“ Weil Koevel Frührentnerin ist und viele freie Tage hat, fasste sie einen Plan. Sie wollte einen Bürgerbus gründen, ehrenamtlich. Aber am nächsten Schritt scheiterte sie. Denn bis so ein Bus rollt, müssen hunderte von Gesprächen geführt werden, müssen Tonnen von Papier bewegt werden, muss man juristische Kniffe kennen. Zum Glück kennt sie Mohr. Und Mohr, die inzwischen zur freiwilligen Managerin, Fädenzieherin und Koordinatorin, sämtlicher Ehrenamtsprojekte landauf und landab geworden ist, kannte die Wendemärker noch aus ihrer Versicherungszeit, kannte den Bürgermeister des Gemeindeverbands und kennt einen Bürgerbusverein, der wiederum weiß, wie das alles geht. Und so fährt Mohr nun am Feierabend in die „Wische“ und berät, so wie früher. Hat wie früher hat Ordner und Formulare im Gepäck. Nur anders als früher winken keine Vertragsprovisionen. Wir sind am Kindergarten angelangt. Er hat längst geschlossen, wurde umgebaut und ist jetzt ein Altentreff. Mohr wirft die Autotür zu. Geht forsch voran. Koevel, die Kleinere, wieselt hinterher. Den Altentreffkindergarten wollen sie langfristig zu einem Dorfzentrum machen. Hier draußen, wo es keine Post, keine Geschäft und kein Café mehr gibt, könnte dies ein Ort werden, der all diese Funktionen vereint. Wie früher der Dorfladen. Nur ohne Geld. Am besten wäre es, sagt Mohr, wenn man zeitweise auch eine geriatrische Fachkraft einsetzen könnte. Koevel steht neben Mohr, die redet. Sie hat die Arme vor der Brust verschränkt und guckt leicht skeptisch. Die Sonne senkt sich schon. Man riecht den Fluss.
„Ehrenamt ist keine simple Lösung“, sagt Mohr, als sie sich auf den Heimweg macht. „Schauen Sie, das braucht Geld. Es braucht Räume und Ausstattung, Ausbildung, Ermutigung und einen, der eins mit dem anderen verbindet. Es braucht Kopf und Strategie.“ Darüber würde bis jetzt viel zu wenig nachgedacht. „Einfach die Segel einrollen, dem Bürger das Boot überlassen und sagen ‚mach mal’, das kann es nicht sein.“

Als der Abend verblaut, kehren wir ein. Am Ufer der Elbe, im letzten Städtchen der Altmark: Werben. Die Kneipe heißt Elbestübchen. Im Radio kommt gerade Meldung vom Kanzlerinnenbesuch. Die Gäste des kleinsten Bierstübchens im kleinsten Hansestädtchen passen alle um einen Tisch herum. Sie bitten auch uns mit dazu. Wir kommen aufs Ehrenamt zu sprechen. Einer, der zwanzig sein mag, und sich als Wolo vorstellt, sagt: „Ehrenamt? Ich mach Ehrenamt. Ich lösche Brände. Das Urehrenamt der Deutschen. Aber mit unserer Feuerwehr haben wir Schwierigkeiten. Soll ich Ihnen sagen, warum?“ Er legt eine Kunstpause ein, trinkt und sagt: „Weil wir zu wenige sind“. Auf den Dörfern seien die freiwilligen Feuerwehren nur noch zur Hälfte einsatzbereit. Wenn Feuer ausbricht, brennen die Bauernhäuser, die weit draußen stehen, herunter wie Zunder. Ehrenamt als Heilmittel in schrumpfenden Regionen. Die Männer am Tisch schütteln den Kopf. „Das geht so nicht weiter“, meint Wolo. „Ich sage Ihnen: Wenn noch mehr Leute wegziehen, brauchen wir eine Berufsfeuerwehr.“

erschienen in der taz

- Die Altmark verliert nach einer Prognose des Statistischen Landesamts zwischen 1990 und 2025 etwa ein Drittel ihrer Einwohner. Schon jetzt ist sie eine der am dünnsten besiedelten Räume Deutschlands.
- Die Gemeinschaft zwischen Beschäftigungslosen und Hilfebedürftigen in Stendal heißt BIS e.V. , Hefen und helfen lassen und hat 348 Mitglieder