Savoir vivre sagen


Zeit ist Geld. Sagen die Deutschen. Und meinen damit, dass Zeit Reichtum ist. Ein schwäbisches Sprichwort, schätzt mein Vater, aber schnöde, denn gemeint ist ja nicht der Zeit-Reichtum, sondern der Geldreichtum, mit dem die Zeit aufzuwiegen wäre. Egal, sage ich. Stell dir vor, einer kommt und schenkt dir Zeit:  Einen Sommer. Im Schwarzwald. Zwei Dachzimmerchen, in so einem Schwarzwaldstädtchen, und mitten drin, wie früher, wie Ferien, stünde die Zeit.

Was würdest du sagen?, sage ich. Dass ich´s simpler ausdrücken würde, sagt er: Nennt das Stipendium, das ich habe, den monatlichen Betrag und die Wohnadresse. Dabei guckt er betont trocken. Meint: Wir sind Schwaben, nicht Proust. Und als er die Wohnadresse nennt, nimmt er trotzdem meine Hand, denn diese Wohnadresse ist so nah bei seiner Wohnadresse wie schon lange nicht mehr. Wie seit Kindheit nicht mehr. Und nie mehr seitdem hatten wir zusammen eine so lange Zeit.

Und als diese Zeit beginnt, bin ich überwältigt. In einem so kopfsteinbuckligen, winkligen Städtchen mit Giebelchen, Stiegchen und Pflanzkübelchen hab ich noch nie gelebt. In meiner Kindheit nicht, später nicht, auch für einen Sommer nicht. Und geh schauen. Und trotz Russen und Bädern denke ich: Urdeutsch. Und befremdlich. So selbstvergessen und stillgefegt. Und warum halte ich diese Katzenschläfrigkeit eigentlich für deutsch. Und merke, wie´s mir langsam den Hals zuschnürt. Und will nach Hause. Bleibe aber, natürlich. Und zu Hause kann mir am Abend am Telefon sagen, warum sie urdeutsch sei, diese Katzenschläfrigkeit. Der Flow fehlt, sagt zu Hause. Diese deutsche Katzenschläfrigkeit sei ganz anders als so eine toscanische, umbrische oder provencialische Schläfrigkeit. Provencialische Schläfrigkeit heißt, dass man in der Mittagshitze statt zu arbeiten in einer Bar Pernot mit Wasser trinkt.

Deutsche Lautlosigkeit heißt, dass die Deutschen, statt in der Gasse zu sitzen arbeiten. - Wir, sagt zu Hause, als würde er beichten. Können nicht müßiggehen. Er sagt „Schwarzwaldstädtchen“ und schüttelt sich.  Ist aber neugierig, kündigt baldigen Besuch an und überlässt mich dann wieder mir – Baden-Baden und der Fülle der noch vor mir liegenden Zeit. Und die Zeit ist einfach da. Lümmelt in diesen Gässchen. Erwärmt sich mit dem aufsteigenden Tag. Und ich gewöhne mich dran. Die Sache löst sich. Löst sich einfach, ich weiß gar nicht, wo es hin ist, dieses Befremden. Vielleicht ist es das Grüßen, in Baden-Baden grüßt man ständig, Schöner Tag. Schöner Abend. - Wen, fragt zu Hause. Wen grüßt man, wo doch niemand da ist. Ja, doch. Da sind schon Leute. Wer den ganzen Tag da ist, trifft natürlich auch die anderen, die den ganzen Tag da sind. Vor so einem Milchschaumcafé, das auf Italien macht, stehen immer die selben Männer. Einer, der Ferienappartements vermietet. Ein anderer erzählt, er sei Architekt. Die Sache löst sich, vielleicht auch im Badischen Wein.

Vor meiner Haustür, im Katzenschlafgässchen, ist eine Kneipe. Wo man abends, die die Zeit dazu haben, draußen sitzt. Solariumindianische Badenerinnen, Handleser, Geisteswissenschaftler, der Appertementvermieter und der, der erzählt er sei Architekt. - Schreib das auf, sagt zu Hause, als er den Besuch wahr macht und wir auch dort sitzen. - Was, sage ich. - Das, sagt er. Dass die Wärme des Tages da noch in der Gasse schwebt. – Ich soll also schreiben, dass „die Wärme des Tages in einer Gasse schwebt“. - Genau, sagt zu Hause und merkt´s gar nicht. - Der Wein, diese Zeit, das ist Frankreich, sagt er. - Das ist Badischer Wein, sage ich. Aber zu Hause ist schon weg und holt noch zwei Achtel. Er kommt wieder, setzt sich und atmet genießerisch die lauwarme Nachtluft ein. Und ich hoffe nur, dass er jetzt nicht sagt: „savoir-vivre“..

gesendet in der Reihe: Denk ich an Deutschland am Morgen, was Schriftstellern in der Frühe zu Deutschland einfällt. SWR2

http://www.swr.de/swr2/savoir-vivre-sagen/-/id=7576/nid=7576/did=10239586/3l0t8n/index.html