Der Mann hat schon so einige Rettungen erlebt

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„Die Idee mit dem Schild war meine Rettung“, sagt Uwe Krüger. Ein langer, gebeugter Mann mit großen Händen, das Gesicht zerfurcht, pergamentfarben, die Bäckerschürze nicht ganz sauber. Der Mann hat schon verschiedene Rettungen erlebt.

Das Schild ist aus Metall und steht an der großen Straße, die unter den LKWs erzittert. Brot: 1 Euro, lesen die Fahrer, die aus Löcknitz kommen und Richtung Szczecin fahren. Chleb: 1 Euro, lesen die Fahrer aus Szczecin. Das Schild ist wie eine Charakterstudie, die Uwe Krügers Wesen offenbart: Es ist schlicht bis hin zur Schrifttype, Arial, serifenlos.

Hinter dem Schild ist der Eingang zu Krügers Bäckerei. An der Wand sein Meisterbrief, in einer Ecke ein Kachelofen, in der Auslage liegen Bienenstiche und runde weiße Torten ohne Zierrat aufgebahrt, dazu LPG-Kuchen, schnapsgetränkter Biskuit mit Buttercreme, ein DDR-Rezept. Vor der Auslage drängeln sich Leute, als gäbe es was umsonst. „Ein Brot zu einem Euro bitte.“ Ein Euro, nicht 99 Cent.

Die Geschichte des Bäckers Uwe Krüger in Bismark hinter Löcknitz begann so. Es war kurz nach der Wende, 91, wenn er sich recht erinnert. Er, der heute hier auf dem platten, waldigen Land als „echter Ost-Bäcker“ einen guten Ruf genießt, kam aus Westfalen, die Liebe hatte ihn hierher verschlagen. Nach „Dunkeldeutschland“, wie seine westdeutschen Verwandten sagen. Die Liebe heißt Andrea. Sie steht neben Krüger. Erhitzt, hat eben ihren Kampfplatz an der Theke verlassen. Sie erzählen im Duett. Die Bäckerei war bald hundert Jahre alt, damals, 91 also, der Altmeister war krank, sie fragten ihn, ob der Laden zu pachten sei. Der Alte sagte: ‚Jou. Dat gait lous.’, dann renovierten sie. Nicht mehr als das Nötigste. Reserven hatten sie nicht, und der Ofen tat es noch, der Spiralkneter und die Rundwirkmaschine auch.

Dann ging es los. „2004 kam die Insolvenz“, sagt Uwe Krüger. „Dabei waren wir ziemlich erfolgreich, wir hatten Filialen aufgemacht, eine nach der anderen“, sagt Andrea. „Aber ich konnte das gut, Filialen führen. Ich muss meine Arbeit vor Augen haben“, sagt er. „Das muss man dann einsehen, wenn man was nicht kann.“ Er spricht von diesem Scheitern ohne Umschweife.

Ein Insolvenzverwalter kam ins Haus, der den Wert der Firma beziffern sollte. Weil er Uwe Krügers Backtechnik aus den 50er, 60er und 70er Jahren als Schrott bewertete, blieben der Spiralkneter, die Rundwirkmaschine und der Backofen stehen. „Ja“, sagt Uwe Krüger gedehnt, westfälisch. „Das war unser Glück.“ Sonst wäre ja jetzt alles weg.

Aber Uwe Krüger war jetzt ein Bäcker ohne Tagewerk. Er konnte keine Waren bestellen, weil er keine Bonität besaß. Und sobald Geld aufs Konto gegangen hätte, hätte ers abführen müssen. Das einzige, was ihn hätte retten können, wäre ne Summe Bargeld gewesen, sagt er, die sich auf der Straße fand.

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