Restaurant Evropa

Selbstverständlich ist die Ukraine, das Land hinter der Schengenmauer ein wichtiger Teil Europas. Denn nirgendwo auf der Welt wird so deutlich wie hier, dass alles und jegliches ein variables Produkt von Interpretationen ist: auch die Idee von Europa selbst. Eine wichtige Botschaft an das alte Europa, das an vermeintlichen Gewissheiten krankt. Europa wird in der Ukraine kyrillisch buchstabiert. Im Restaurant Evropa werden Mitbringsel aus fernen, anderen Teiles Europas aus dem Reisegepäck geholt, dem eigenen Magen einverleibt und auf eigene Art gedeutet. Ein Evro-Taxi bezeichnet einen Taxibetrieb, in dem feste Preise gelten. Eine Evro-Renovierung verspricht ein gefliestes Bad mit Massageduschkopf. „Evropa“ wird als ebenso beliebtes wie ungeschütztes Lable verwendet, um zu vermitteln, dass man für Qualität, Verlässlichkeit und ein Wohlgefühl bürgt. Evropa heißt Hoffnung, Verheißung. Es gibt Evro-Gesundheit und sogar Evro-Sozialismus. Vielleicht war die Ukraine, der jahrhundertealten Erfahrung der Überlagerungen wegen, immer schon postmodern und erfindet ihr eigenes zwar eklektizistisches aber umso unversehrteres Europa. Das sich freilich in das bunte Mosaik der übrigen Zeichen einzufügen hat. Europa hinter den Waldkarpaten ist Brahms auf einer Huzulenflöte gespielt. Es ist ein vielfach gebrochenes, polyphones Europa, in dem der galizische Zungenschlag, das Surshyk und der neapolitanische Dialekt einer heimgekehrten Bartänzerin zusammen klingt.

Zweifelsfrei mutet die Weltgegend zwischen den Waldkaparten und dem Donezbecken der westeuropäischen Vorstellungskraft ein hohes Maß an Unwägbarkeiten und Unsicherheiten zu. Aber darin läge die Chance. Nicht zu einer politischen Erweiterung – weder die Ukraine noch die EU wären dazu zurzeit in der passenden Verfassung – aber zu einer geistigen Erweiterung. Das alte Europa hat nach 1989 die Gelegenheit verpasst, sein Anderes, seinen vergessenen Teil, mithin seinen unkalkulierbaren, nie eindeutigen Teil zu finden. Es bedarf nicht immer einer Eingemeindung. Ein erleichterter Grenzverkehr würde genügen, damit die Ukraine nicht vom westlichen Europa abgetrennt bleibt. Denn die Europäer des Zwischenlands müssen sich unbedingt bewegen können. Damit die Ukraine das sein kann, was sie immer war: ein offener Raum.

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erschienen im “Dialog – Deutsch-polnisches Magazin”


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