Draußen in Istanbul

Der Bus rollt sanft in eine Einfahrt. „Evida“ heißt die Parallelwelt, die wir nun betreten. Eine Empfangslounge wie in einem Hotel, klimatisiert, eine Selbstverständlichkeit, dass man sich am Empfangstresen anmelden muss. Nesli Sarikaya, eine junge Frau, hat auf uns gewartet, sie führt in einen Garten. Er wirkt kühl, als wäre auch er klimatisiert, aber das liegt am frischen Gras, den Rasensprenklern und am Gefühl, mit der glühenden Hitze und dem Beton da draußen nichts mehr zu tun zu haben. „Das Bauprojekt ist einzigartig“, sagt Sarikaya, eine der Architektinnen. Evida ist als Hufeisen gebaut, die Fenster und Balkone weisen Richtung Garten. Die Nachbarn, erklärt Sarikaya, kaufen sich in Evida ein, um „anders“ zu leben. Nicht nebeneinander, sondern miteinander. Es gibt Gemeinschaftsaktivitäten, Sport, Bildung und Geselligkeit, von Evida organisiert. Ihre Rede wird eins mit dem silbrigen rieseln des Rasensprenklers, der Garten Evida ist der Garten Eden, ein Swimmingpool liegt glatt und unberührt, von geschmackvollen Liegen aus dunklem Holz umgeben. Darauf räkeln sich Frauen mit hohen Ansprüchen an die Gemeinschaft und sich selbst.
„Pflegen die Menschen aus Evida auch mit denen außerhalb des Tors Kontakt?“, fragt eine Mädchen aus der Reisegruppe.
„Nein.“, sagt die Architektin. „Die außerhalb von Evida, das sind die draußen.“
Draußen, ganz weit weg, liegt Istanbul, seine engen Gassen, die blaue Moschee.

erschienen im “Freitag”


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