Draußen in Istanbul

Es geht weiter. Die unbekannte Stadt ist für Esen das, was man gemeinhin als Peripherie bezeichnet. Im Fall Istanbuls ergibt der Begriff wenig Sinn. Der größte Teil der Stadt, die je nach Erhebung zwischen zehn, zwölf oder 16 Millionen Einwohner hat – die Zahl genau zu bestimmen, wurde inzwischen aufgegeben (stimmt das? hat eiin istanbuler autor bei mir kürzlich geschrieben: man würde inzwischen nur noch hochrechnen und schätzen …) – ist „Peripherie“. Siedlungen, die beständig weiter wachsen und keinem Plan folgen. „Acar Republic“ wurde – wie viele andere Gebilde ihrer Art – ohne Genehmigung in ein Landschaftsschutzgebiet gebaut. Die Stadtplaner bemerkten sie und änderten gegen einen kleinen Obulus nachträglich den Flächennutzungsplan.  „Nachholende Stadtplanung“ nennt man es in Istanbul lakonisch. Der Bus rollt über den Highway, rechts und links ragen Häusermeere auf, erst am frühen Abend werden wir die Stadtgrenze Istanbuls erreichen. die  Sonne glüht. Dennoch sind sämtliche Plätze des Busses belegt. „Leute vom Fach“, Architekten, Urbanisten und Neugierige schließen sich Esens Bustouren und Stadtwanderungen, obwohl sie den Ruf haben, mörderisch zu sein. Esens Anliegen ist, tatsächlich die Stadt der Gegensätze zu zeigen. „Wenn die Touristen von der gewaltigen, labyrinthischen Stadt am Bosporus schwärmen, wo sie sich die Füße wund gelaufen haben, haben sie meist keine Ahnung davon, dass sie nur ein Gebiet durchstreifen, das im Verhältnis zum Rest so groß ist wie ein Stecknadelkopf“, sagt Esen. „Sie wissen nichts von der Metropole Istanbul.“
Tatsächlich hat man nach einigen Stunden das Gefühl, nichts zu wissen. Über Istanbul. Vielleicht auch über das Leben und den ganzen Rest. Wie Pilzkolonien schießen entlang der Autobahn Häuserformationen aus dem Boden. Flächige Häuserreihen, Hochhäuser für Arme, für Reiche, für den Mittelstand. Fast alle umringt von Mauern, „Gated Communities“. Am Eingang je ein bewachtes Tor. Gebilde, die aussehen, als hätte jede für sich entschieden, die Welt neu zu gründen. „Hier sehen Sie eine Gated Community, die innerhalb ihrer Mauern den Boden kollektiviert hat.“, spricht Esen in sein Mikrofon. Die Wohnflächen sind privat – die Gartenflächen gehören allen. Ein Blick über die Mauer zeigt, dass die Kommunarden entschieden haben, auf dem kollektiven Boden Familiengärtchen und Grillecken anzulegen. In einer anderen „Gated“ kultivieren die Bewohner Schrebergärten. Und irgendwann gelangen wir in eine Gegend, in der niemand wohnt. Die Straßen säumen einstöckige Gebäude, vor ihnen auf Terrassen stehen Tische, Regale und Couchgarnituren. „In diesem Teil der Stadt werden ausschließlich Möbel produziert – und verkauft.“ Eine Möbeldiscounterstadt, mauerumfriedet, und wie alles hier draußen scheinbar endlos. Sie trägt den Namen „Modoko“. „Dies ist die asiatische Seite“, erklärt Esen beiläufig. „Wenn Sie wissen möchten, wie die europäische Seite jenseits der alten Stadt aussieht: genauso. Leider schaffen wir heute nicht mehr, hinzufahren.“ „Wann erreichen wir die Getränkediscounterstadt?“, fragt einer.“ „Wir kehren gleich ein.“

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