Sturm und Zwang

23. Juli 1986 19.00
Wir saßen auf unserer Picknickdecke und aßen schweigend ein sparsames Abendbrot. Jeder an eins der Fichtenregale gelehnt. Wie bei langen Zugfahrten, bei denen die Reisegefährten sich nach vielen Stunden leer geredet haben, war unser Kellergespräch verstummt.

23. Juli 1986 23.00
Ich träumte von einem Mann im Schutzanzug, der das Gesicht von Hannes Wader hatte, mit meiner Mutter tanzte, ihr dabei einen Atom-No-Button in Wange steckte und dabei die ganze Zeit lauthals lachte. Meine Mutter sprang um ihn herum und juchzte vor Freude. Ich schreckte auf. Der Stoff der organgenen Vorhänge, aus denen unser Lager bestand, piekste. Björn schnarchte. Jans alter Kindertopf, den wir in einer Umzugskiste gefunden und seiner alten Verwendung zugeführt hatten, stank.

24. Juli 1986 10.14
Ein durchdringender, schriller Ton riss uns auf. Eine Pause. Es schellt noch mal, länger, fordernder. Wir starrten entsetzt ins Halbdunkel. Aus „The Day After“ wussten wir, dass nach der Katastrophe marodierende Überlebende über Land ziehen würden, auf der Suche nach Schutz und Nahrung. Man hörte Schritte. Die Schritte entfernen sich, es waren schwere Fußtritte wie von einer stark übergewichtigen Person, die das Haus umrundete. Sie kamen wieder näher. Auf dem Gitter über dem Fenster waren für einen Augenblick die Sohlen von rosa-gelb-grüngestreiften Gummistiefeln zu sehen. „Das sind die Gummistiefel von Frau Kienzle von nebenan“, bemerkte Björn. Es war überflüssig. Wir hätten sie auch so erkannt. Frau Kienzle trabte weiter, schwer atmend. „Heidemarie!“, rief sie. Heidemarie hieß meine Mutter. „Heideemariee!“ Sie habe ein Paket mit Klamotten, aus denen ihr Kleinster rausgewachsen sei, Polohemden, Adidasschuhe. Vielleicht sei für Jan was dabei. Ihre Stimme wurde leiser. Sie stapfte davon.

24. Juli 1986 11.30
Die Zeitung, die Björn aus dem Briefkasten holte, berichtete von einem Tornado, der sich am 23. Juli um die Mittagszeit im Enztal gebildet hatte. Er habe zwischen den Orten Calmbach und Höfen an der Enz auf einer Strecke von zehn Kilometern 150 Hektar Wald abgeholzt und sei anschließend in ein Wohngebiet gerast. Wie durch ein Wunder sei niemand verletzt worden. Die Trombe habe sich in der Siedlung auf einer nahezu geraden Bahn die Flößerstraße entlang bewegt, dabei ein Haus teilweise abgedeckt habe sich vor dem Haus Nr. 16 aufgelöst.

Chronik kleiner Pannen rund um die Pershing in den achtziger Jahren:
2. Mai 1984: In Brüggen, Nordrhein-Westfalen fällt beim Verladen in einen Laster eine Atombombe vom Typ WE 117 auf den Asphalt und „verbeult“.
11. Januar 1985: In Heilbronn, Waldheide, brennt bei einer Übung die erste Stufe einer Pershing-II-Rakete ab.
5. Mai 1987: Bei einem Verkehrsunfall nahe Heilbronn kommt ein Raketentransporter von der Fahrbahn ab. Eine Pershing landet im Straßengraben und wird nach der Evakuierung der Bevölkerung geborgen.

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