Sturm und Zwang

23.Juli 1986 13.20
Das Kreischen von Wind ebbte abrupt ab. Es war still.

23.Juli 1986 14.50
„Ich hab Hunger“, sagte Jan. Wir saßen, jeder an ein Fichtenregal gelehnt, auf Decken. Darauf verteilt lag Kinderspielzeug und der ausgeschüttete Inhalt des Recyclingmüllbeutels. Es sah eher aus wie ein Picknick als wie ein Atomkrieg, draußen glühte unschuldig ein Hochsommernachmittag. „Ich hätte gern eine Trockenaprikose.“ -„Erst den Schafskäse“, belehrte mich Björn. „Trockenfrüchte sind das Haltbarste, die heben wir auf bis zum Schluss.“ -„Ich hasse Schafskäse. Und überhaupt, was für ein Schwachsinn! Wir haben kein Wasser. Der Mensch kann nur einen Tag ohne Wasser leben. Bevor der Schafskäse vergammelt, sind wir verdurstet.“ -„Weil du Kuh kein Wasser abgefüllt hast!“ -„Weil wir dann runtergerast sind!“ -„Weil ich dachte, die Scheibe kracht und das Haus …“ -„Gar nichts ist gekracht.“ -„Der Sturm vor der Druckwelle hat Geschwindigkeiten von…“  -„Es war nach ein paar Minuten vorbei!“ -„Dann war die Welle halt durch. Sie war nicht so stark. Der Druck der Welle ist im  Verhältnis zur Bombe …“  -„Halts Maul!“
Ich war nicht sicher, ob wir es gemeinsam in diesem Keller überhaupt nur drei Tage aushalten würden – gesetzt den Fall, wir hätten statt Naturreis und Hülsenfrüchten Wasser mitruntergenommen. Und gesetzt den Fall, wir würden aushalten –  hatte ich nicht den Hauch einer Idee, was wir danach machen sollten. In „The Day After“ saßen irgendwann alle Überlebenden, die aus ihren Bunkern gekrochen waren, wie die Urmenschen in Lumpen gehüllt, draußen, und der Präsident sprach über das Radio zum amerikanischen Volk. Aber ich zweifelte, ob das hier genauso laufen würde.
„Wir haben sowieso keine Ahnung, was draußen eigentlich los ist.“,  sagte ich nicht, sondern dachte es nur. Denn diesen oder einen ähnlichen Satz äußerte etwa im Zehn-Minuten-Takt einer von uns. Um dann die eben entglittene Wirklichkeit Argument um Argument wieder aufzubauen. Die Merkmale dieses Sturms, die auf einen schweren Tornado oder auf diesen Wind vor einer Druckwelle hinwiesen. Schwere Tornados aber gene es in unseren Breitegraden nicht. Also könne es nur dieser Sturm vor der Druckwelle sein. Ich konnte es nicht mehr hören. Wir wussten nichts. Wir hatten kein Radio. Wir hatten so ziemlich alles oben vergessen, was wirklich wichtig gewesen wäre. „Ich hab Hunger“, sagte Jan. Unsere Mutter hatte den Kopf wieder auf die Knie gelegt und begonnen, leise zu schluchzen. „Scheißatom.“ Jan hatte die Tüte mit den Trockenfrüchten aufbekommen und aß. Wir griffen zu.

23.Juli 1986 15.20
Wir versuchten jetzt, sachlich zu sein. „Bei einer Katastrophe ist die schlimmste Gefahr der Mensch selbst“, sagte Björn. Er hatte viel über das Verhalten von Menschen in Extremsituationen gelesen. „Wenn eine Gruppe eine Katastrophe überleben will, muss sie sich zwingen, sachlich zu sein, nachdenken und die richtigen Schlüsse ziehen.“ Wir hatten uns reihum zur Schnecke gemacht, wie wir es nicht mal an Weihnachten schafften und schämten uns ein bisschen, weil draußen möglicherweise Atomkrieg war und es um wichtigeres gehen müsste. Also versuchten wir nun, sachlich zu sein.
„Wenn es was Nukleares ist, müssen wir hier länger durchhalten. Dann muss jemand rauf gehen und Wasser holen.“, sagte Björn. „Andererseits: Wenn es was Nukleares ist, können wir auf keinen Fall rauf gehen.“, sagte meine Mutter. Ich fühlte, dass es nichts wurde und ergänzte: „Wenn es nichts Nukleares ist, können wir einerseits raufgehen und brauchen andererseits kein Wasser zu holen.“ Wir verhedderten uns in Logikschleifen.
„Wir können auf keinen Fall hochgehen, weil wir nicht wissen, was oben los ist.“, beharrte meine Mutter. „Wir werden niemals erfahren, was oben los ist, wenn wir hier hocken bleiben.“, sagte ich.
Der Nachmittag stand in der größten Hitze und schickte uns durch das Gitter über dem Kellerfenster ein paar Lichtstrahlen auf unsere beigefarbenen Fliesen. Es war und blieb still. So still, wie eigentlich immer in unserer Siedlung. Oder still wie in einer verwüsteten Welt. Es gab mir zu denken, dass man es nicht unterscheiden konnte.
„Unser Keller ist sowieso nicht strahlensicher.“, sagte ich. „Andererseits …“
Niemand von uns wusste, ob man im Fall der Fälle unten nicht doch geschützter als oben sei. Immerhin hatte die Druckwelle das Haus nicht umgerissen: Wir mussten ziemlich weit weg von Ground Zero sein.

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