Sturm und Zwang

siedlung

23. Juli 1986 13.14
Ich stand im Wohnzimmer unseres Einfamilienhauses in Höfen an der Enz, Flößerstraße 16 und blickte aus dem Fenster auf etwas, das ich nie zuvor gesehen hatte. Der Himmel hatte sich verdüstert. Ein amorphes, brüllendes Element fegte in verschiedene Richtungen und bog einen Telefonmasten wie Nudelteig hin und her. Es sah aus wie trübes, wirbelndes Wasser, das gewaltige Mengen an Plankton und Treibgut mit sich trug. Hin und wieder schlug etwas Festes gegen die Scheibe. Der Lärm war apokalyptisch. Er klang hoch, schreiend, weniger wie ein Sturm als wie eine gewaltige Mähmaschine.
Bis vor zwei Sekunden hätte ich unterschrieben, dass wir alle Angst vor einem Atomkrieg hatten. Nun wusste ich, dass es nicht stimmte. Es war eher eine allgegenwärtige, dunkle Hintergrundmusik unseres Lebens gewesen, die einem manchmal auch auf die Nerven fiel. Tschernobyl war drei Monate her, die Pershings in Mutlangen waren noch taufrisch und meine Mutter redete begeistert und fast dauernd von unserer aller Angst. Mir ging der Angst-Talk auf die Nerven. Wir Neuntklässler mit unseren Polohemden erwarteten den Atomkrieg ebenso wie die älteren mit ihren Jutetaschen. Aber wir schwiegen lieber. Schweigen war cooler. Nun war der Atomkrieg da.

23. Juli 1986 13.15
Es gibt einen Moment, kurz vor der Panik, in dem man die Dinge wie ein entferntes Schauspiel wahrnimmt. Ich sah, wie sich meine Mutter und meine Brüder Björn und Jan nacheinander im Wohnzimmer einfanden und nach draußen starrten wie in ein Aquarium, in dem bisher unentdeckte Fische schwammen. Ich hörte meine Mutter sagen: „Das ist der Wind vor der Druckwelle. Wir müssen in den Keller!“ Ich sah, wie sie nicht in den Keller, sondern in die Küche lief, einen Müllsack aus Umweltpapier mit dem Aufdruck Recycling aus einer Schublade riss und begann, Lebensmittel hineinzuwerfen. „Wir müssen im Keller Essen haben,“ sagte sie. Ich wachte auf. „Unser Keller ist nicht strahlensicher.“, sagte ich. Björn hielt dagegen, egal was für ein Sturm das sei, im Keller würden wir immerhin nicht von Trümmern erschlagen. Wir sollten runtergehen. Gleich. „Es ist der Wind vor der Druckwelle“, wiederholte meine Mutter gereizt. Wir alle begannen, irgendwelche Sachen in den Recyclingmüllsack zu werfen. Schafskäse. Knäckebrot. Vitamin-B-Tabletten. -„Bist du bescheuert? Vitamin-B-Tabletten? Hast du überhaupt an Wasser gedacht?“ Meine Mutter fauchte zurück: „Dann füll´ Wasser ab, statt Sprüche zu klopfen!“
Es knallte. Ein großer, offenbar sehr harter Gegenstand schlug gegen die Fensterscheibe.
Björn brüllte: „Los jetzt, runter!“ Meine Mutter nahm Jan auf den Arm, obwohl er längst laufen konnte, presste ihn fest an den Körper und zerrte mit der freien Hand den Recyklingmüllbeutel hinter sich her. Wir liefen ihr nach. Auf der Kellertreppe riss der Beutel. „Wenn der blöde Beutel aus richtigem Plastik bestanden hätte, hätte er gehalten.“, sagte ich. Meine Mutter setzte Jan ab, und scheuerte mir eine. Es war eine gerade, saftige Mütterohrfeige, die Kinder sonst gewaltfreier Eltern einmal im Leben empfangen. Dann bewältigten wir die restlichen Stufen der Kellertreppe.

23. Juli 1986 13.19
„Angst“, wimmerte Jan leise. Er meinte nicht den Atomkrieg. Er meinte die Dunkelheit in unserem Keller. Wir hockten auf den kühlen Bodenfliesen, die beige waren, wie vieles. Badewannen. Duschbasins. Kacheln. Die achtziger Jahre waren ein Zeitalter der Beigetöne und Naturmotive. Meine Mutter hatte ihre Beine, die in beigefarbenen Bundfaltenhosen steckten, angewinkelt und ergeben den Kopf auf die Knie gelegt. Das aschblonde Haar fiel in schönen Wellen über das Leinen. „Das Licht ist kaputt“, sagte Björn. Es wäre nicht nötig gewesen. Wir hatten es auch so bemerkt. „Es gibt keine solchen Stürme in Deutschland.“, sagte er dann. Er war 14, Was-ist-Was-Wissenschaftler, Privatdozent. Meine Mutter sah auf. Sie flüsterte: „Es ist der Sturm vor der Druckwelle.“ Björn schwieg, worüber ich mich wunderte, und sagte dann: „Nicht unwahrscheinlich.“ Er machte eine Kunstpause. „Der Sturm vor der Druckwelle verhält sich ähnlich wie ein Tornado, er wirbelt, das liegt an den Termikunterschieden und erreicht Geschwindigkeiten von 300 Kilometern pro Stunde. Das gefährliche an diesen Stürmen ist das Zeug, das sie mit sich führen. Zerhäckselte Bäume, Trümmer und Körperteile, die wie Geschosse wirken.“ Meine Mutter blickte ins Dunkel. Wäre mehr Licht da gewesen, hätte ich ihren Blick deuten können. Üblicherweise, wenn Björn über Technik dozierte, missbilligte sie das, weil Technik uns alle bedrohte. Wenn er jedoch auf einschlägige Themen zu sprechen kam, schlug ihre Abneigung in reges Interesse um. Seit Tschernobyl war sie Bequerelle-Fan. Sie wusste alles über Halbwertszeiten, Alpha- und Gammastrahlungen. Der „Sturm vor der Druckwelle“ war bisher noch nicht ihr Thema, aber sie begann, Feuer zu fangen. Es entspann sich eine Fachdiskussion über das Verhältnis von Sprengkraft, Druckwellenradius und Windgeschwindigkeiten. Für beide stand so gut wie fest,  dass entweder die Raketenbasis Waldheide bei Heilbronn in 50 Kilometern Entfernung oder Mutlangen in 200 Kilometern Entfernung angegriffen worden sei. Die Vorwarnsysteme hatten versagt oder waren vom Feind ausgeschaltet worden. „Oder ein Unfall“, erwog Björn. „Ich denke, es könnte auch ein Unfall sein.“
Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Ich dachte, dass der Atomkrieg und die beigefarbenen Fliesen mit dem Ahornblattdekor nicht zusammenpassten. Jan hatte begonnen, Umzugskisten auszupacken, die noch in unserem Keller standen. Er förderte alte, orangefarbene Vorhänge aus den siebziger Jahren zutage, Babystrampelhosen, einen Hupfball, vergessene Teddybären.

weiterlesen »