Aurith Oder Urad

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Das Dorf Aurith liegt am Ufer der Oder - an der Grenze zu Polen. Es ist ein Dorf am Deich, eine Gegend am Rand der Welt. Östliches Brandenburg. Deutschland sieht hier nur hin, wenn die Handvoll Häuser in den Oderfluten untergeht. Wenn ein “Jahrhunderthochwasser” Katastrophengeschichten erzählen lässt. Sonst ist es hier so still, dass man ein Fahrradpedal quietschen hört. Strukturschwach wird diese Gegend in den Zeitungen genannt. Es gibt 20 ordentliche Häuser, eine Dorfstraße, zwei Gasthäuser und einen Spazierweg am Deich.

An manchen Tagen fühlt man sich am Aurither Oderufer wie an der See. Weil der Fluss so weit ist, wenn er viel Wasser führt. Weil er bei starkem Wind so viele Wellen treibt. Und weil man nicht auf die andere Seite gelangt. Ein Fähranlegesteg ragt hundert Schritt weit in die Oder. Man kann bis zur Spitze gehen, die Jacke enger um sich ziehen und hinüber sehen. Drüben zeigt ein anderer Fährsteg weit in den Fluss. Er sieht aus wie das Spiegelbild der Bühne, auf der man steht. 50 Meter fliegt ein Stein, den ein guter Werfer herüberschleudert.

Früher hat eine Fähre Menschen, Kühe, Pferde und Wagen über den Fluss gefahren. Diesseits der Oder bestellte man die Felder, weil die Böden tiefer lagen, im Frühling oft Land unter standen und im Herbst bessere Ernte trugen. Drüben kaufte man ein, feierte Hochzeit und begrub die Toten. Ein silbergraues Dach, das man hinter den Pappeln erkennen kann, gehört dem Dorfschulhaus. Heute ist die andere Dorfhälfte ein anderes Dorf in einem anderen Land. Hier ist Deutschland, drüben ist Polen. Das polnische Dorf hat man Urad genannt, das deutsche Dorf behielt den Namen Aurith.

40 Kilometer muss man heute mit dem Auto fahren, wenn man von Aurith nach Urad gelangen will. Erst legt man 20 Kilometer Richtung Norden zurück, passiert in Frankfurt/Oder den Grenzübergang und fährt dann ebenso viele Kilometer in die entgegengesetzte Richtung. Irgendwann erreicht man das Schulhaus mit dem silbergrauen Dach. Nicht weit davon sind die Kirche und ein Lebensmittelgeschäft, vor dem im Sommer die Männer ihr Bier trinken. Auch Urad liegt am Rande der Welt - nur von Polen aus gesehen. Die Häuser stehen seltsam verstreut, als habe ein Kind begonnen, aus Bauklötzen ein Dorf zu bauen und hätte auf halbem Wege keine Lust mehr gehabt. An sandigen Straßen sind die Höfe wie Perlen auf einer Kette aufgereiht, doch dann und wann öffnet sich ein freies Feld, groß wie ein Fußballplatz. Kleine Trampelpfade mäandern darüber. Ein Weg führt ans Ufer, an den Fährsteg, von dem kein Boot mehr ablegt. Möwen kreisen.

Wenn in Urad die Hunde bellen, schlagen auch in Aurith die Hunde an. Die beiden Dörfer sehen sich, hören sich und spüren sich. Aber kaum jemand ist je auf der anderen Seite gewesen. “Was soll ich bei den Polskis”, sagt Thomas Jurke, der in Aurith in seiner Garage gerade sein Auto repariert.

Moddern und Wildern

Als Heinz Thurian 1946 nach Aurith kommt, wagt er nicht, an den Fluss zu gehen, denn das Ufer wird von russischen Reitern bewacht. Er hatte sich auf Aurith gefreut, das sein neues zu Hause werden sollte.

“Zu Hause” war bis vor kurzem Saude, ein Dorf in Schlesien. Nun ist Saude polnisch geworden, und der 14-jährige Thurian lief mit seiner Mutter, den Geschwistern und der Großmutter eine weite Strecke, um schließlich im Sammellager Fünfeichen zu sitzen, wo die neuen Heimatorte zugeteilt wurden. Man konnte sich leise die Namen vorsagen und sich vorstellen, wie es dort aussehen würde. Aurith, Ziltendorf, Vogelsang. Die Orte seien leer, hatte es geheißen. Alle früheren Bewohner seien geflüchtet. In Aurith gebe es ein Gutshaus, und die Oder fließe direkt vor der Tür. Thurian hatte sich in einem Fluss schwimmen sehen. Die Sonne kitzelte ihn im Gesicht und trocknete kleine Wassertröpfchen.

Es wird nichts aus der Idee, baden zu gehen. Die Reiter haben Pistolen und sehen unfreundlich aus. Eine Fähre ist gesprengt, das Gutshaus ist abgebrannt. Von Aurith ist nicht mehr als eine Halde Ziegel geblieben, und das Land ist beinhoch mit Disteln bewachsen. Zu Hause muss man sich selbst bauen.

Thurian ist heute 75. Er sitzt im “Bauernstübchen”, wo hinter ihm eine Gerichtsshow im Fernsehen läuft, und trinkt ein Bier und einem Klaren. “Eine Einheit”, sagt er dazu. Sein weißes Haar sieht immer aus wie gerade gekämmt und dennoch störrisch, und er strahlt eine gelassene Heiterkeit aus. “Ging alles”, sagt er. Und “Gehungert haben wir nie.”

Er berichtet, wie sie anfangs im Keller einer Ruine wohnen. Wie sie alle gemeinsam das Feld bestellen, und auch die einarmige Großmutter auf dem Acker herum läuft und Disteln aus dem Boden zieht - auf dieser Arbeit habe sie immer bestanden. Er erinnert sich, wie sie bei Niedrigwasser halb bewusstlose Fische aus den schlammigen Schwemmseen holen - moddern nennen sie es. Wie sie Schlingen legen, um Rehe zu fangen. Wie sie das Chaos der Nachkriegsjahre nutzen, und die Ernte in der Scheune behalten, statt sie plangemäß abzugeben. Es sind Geschichten aus einer anarchischen Zeit, die von Raffinesse und kleinen Finten handeln, den schlechten Zeiten ein Schnäppchen zu schlagen. Nie geht es um die verlorene Heimat - und immer wieder geht es um das Improvisieren.

Thurians reparieren ein Haus mit Brettern und Steinen, die sie auf den Trümmerhaufen sammeln. Das Dach decken sie teils mit Schilf und teils mit Ziegeln. Regendicht ist es nicht. “Ging alles”, sagt Thurian, und nimmt einen tiefen Schluck aus dem Glas. “Ging alles” ist sein Lieblingsspruch. Thurians Freund Karl lebt in einer Holzhütte, um die seine Eltern zur besseren Wärmedämmung Erde geschichtet haben. Es sieht aus wie ein keltischer Grabhügel, und oben ragt ein Schornstein aus Granathülsen heraus. Während sie an ihren Provisorien basteln, hören sie immer wieder, wie es am anderen Ufer poltert und kracht. Und manchmal sehen sie Höfe einstürzen. Thurian schüttelt den Kopf, als könne er es heute noch nicht fassen.

Als das so genannte “Neubauernprogramm” aufgelegt wird, dürfen sich die Siedler aus den Steinen der Ruinen neue Häuser bauen. Für Mörtel und Baumaterial erhalten sie einen günstigen Kredit. Die Siedler - ein Dutzend Familien, die alle aus schlesischen Dörfern kommen - zerlegen alles, was von der alten Domäne Aurith übrig ist. Sentimental sind sie nicht. Sie bauen gemeinsam ein schlesisches Dorf.

Goldgräberdorf

Stanislaw und Zofia Kapica kommen im April 1946 in Urad an, weil sie aus der Bahn falsch ausgestiegen sind. Sie sind aus Baranowicze angereist, das heute in Weißrussland liegt. Mehrere Tage haben sie im Zug verbracht, haben geschwiegen, Scherze gemacht und sich immer wieder versichert, dass es ihnen egal sei, wie es da aussähe, wo sie siedeln würden - sie würden ja zurückkehren, sobald es möglich sei. Das Haus in Baranowicze war eben fertig geworden, als die Stadt sowjetisch und das Haus enteignet wurde. “Alles nicht von Dauer”, dachten sie und packten ihre Sachen.

“Alles nicht von Dauer”, denken sie noch immer, als sie mit diversen Tieren und einigem Mobiliar auf einer kleinen Bahnstation weit im Westen stehen. “Urad” ist auf dem Bahnhofsschild zu lesen. Eigentlich wollten sie nach “Rzepin” fahren. Urad oder Rzepin. Es ist ihnen gleich, und die örtliche Bürokratie nimmt es dieser Tage nicht sehr genau. Sie bekommen ein kleines Haus zugewiesen. Das Übergabeprotokoll lautet:

Registrierte Habseligkeiten: Bettwäsche, Geschirr, ein Tisch, zwei Betten, ein Schrank, zehn Stühle.
Lebendes Inventar: Eine Kuh, ein Kalb, zwei Ferkel, sieben Hühner.
Übergeben wird: ein Haus, 0,3 Hektar Land, ein Schweinestall, eine Scheune, ein Brunnen, eine Dreschmaschine (kaputt).

“Das alte Land der Piasten kehrt zum Mutterland zurück”, steht darunter.

“Zofia war das, was man eine Schönheit nannte”, sagt Kazimiera Kapica nicht ohne Stolz. Kazimiera war das erste polnische Kind, das im Dorf zur Welt gekommen ist. Heute ist sie selbst eine zierliche ältere Dame mit einer großen Brille aus den siebziger Jahren. “Da ist Mutti 30 Jahre alt” - Kazimiera deutet auf ein altes Foto ihrer Eltern: “Pechschwarzes Haar, blasses Gesicht, das Kleid hat ihre Schneiderin genäht. Und Stanislaw - Feuerroter Haarschopf, und dieser Schnurrbart, der an den Enden gezwirbelt ist - in Baranowicze ist das in dieser Zeit très chic.” In Urad wirkt es deplatziert.

Zofia und Stanislaw hassen Urad - das hört Kazimiera in ihren Kindertagen mindestens drei Mal am Tag. Zofia hasst es, noch bevor sie alle unbefestigten Straßen des Dorfes gesehen hat. Dieses Goldgräbernest. Diese westliche Provinz, in der Vertriebene aus allen östlichen Teilen Polens, Hasardeure, Glücksritter und arme Leute mit der Hoffnung auf ein besseres Leben zusammen kommen. Alle angezogen von der Werbetrommel der Regierung, die die neuen Gebiete besiedeln will und sie wie ein Gelobtes Land anpreist. Viele von ihnen besitzen nichts außer leichtem Gepäck. Sie finden Arbeit bei der Firma “Hen”, die der Gemeinde beschädigte Häuser abkauft, die Abrissarbeiten übernimmt und die Steine verhökert. Weil dies ein gutes Geschäft ist und die Gemeinde bettelarm ist, werden in Urad ein paar Gebäude mehr abgerissen als unbedingt nötig gewesen wäre. Täglich sacken Häuser in sich zusammen, es poltert und staubt, und die Tagelöhner sammeln die Ziegel auf. Die Steine - das werden die Urader nicht müde, zu erzählen - würden in Warschau beim Wiederaufbau gebraucht. Mit der Zeit wirkt die Bebauung in Urad seltsam licht.

Kapicas schieben einige ihrer Koffer einfach unter das Bett, ohne sie jemals anzurühren. Stanislaw repariert die kaputten Fensterrahmen nur notdürftig, mit Nägeln. So etwas hätte er als Zimmermann unter anderen Umständen niemals getan. Zofia Kapica geht, um ihrer Verachtung angemessenen Ausdruck zu verleihen, nur aus dem Haus, wenn es unbedingt nötig ist. An den Grenzfluss geht sie schon gar nicht. Die Oder friert winters zu, im Sommer bringt sie die Mücken. Mehr nicht.

Den Sozialismus verwirklichen

Inzwischen leben die Aurither auf der deutschen Seite ruhig auf ihren Neusiedlerhöfen. Man hat ähnliche Erinnerungen, spricht den gleichen schlesischen Dialekt, selbst die Höfe ähneln sich. Ein Neusiedlerhof wird stets nach ein und demselben Bauplan gebaut. Eine Haushälfte ist Wohn- und Schlafstube, die andere der Stall. Die Höfe stehen, sauber aufgereiht zu beiden Seiten der Dorfstraße. Ein Konsumgeschäft verkauft Brot, Weißkraut und Brausepulver. Im “Tanzsaal”, den die jungen Männer aus den Steinen gebaut haben, die das “Nationale Aufbauwerk” eigentlich für den Bau einer Friedhofsmauer bereitgestellt hat, feiert der Anglerverein von Zeit zu Zeit Anglerbälle. Sonst geschieht nicht viel.

Im Frühjahr 1960 kündigt sich die moderne sozialistische Welt in Aurith an. Das Felderbestellen soll in eine Landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaft übergehen - in eine so genannte LPG. Die Aurither sind ausgesprochen wenig begeistert von dieser Idee. Die meisten von ihnen haben, nachdem ihnen einmal alles entglitten war und sie alles verloren hatten, ein starkes Bedürfnis entwickelt, ihre Sache selbst in der Hand zu behalten. Und “Landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaft” klingt nicht so, als sei man sein eigener Herr. So erlangt Aurith als Trutzburg gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft regionalen Bekanntheitsgrad. Während alle anderen Orte im Landkreis diesen Schritt längst vollzogen haben, weigert sich das 50-Seelendorf bis in die siebziger Jahre hinein, im sozialistischen Großbetrieb aufzugehen. Schließlich sagt Heinz Thurian, der mittlerweile ein angesehener Neubauer ist: “Ich glaube, es geht nicht länger. Wir müssen überlegen, was wir tun.” Er organisiert eine geheime Wahl im Saal. “Wir geben auf”, kommt heraus.

Am anderen Ufer hadert derweilen auch Zofia Kapica mit der anstehenden Einführung einer Agrargenossenschaft. Zofia hat ein aufbrausendes Temperament. “Ich habe den Krieg und die Bolschewiken überlebt” tobt sie, und Stanislaw - der ruhende Pol in ihrer Ehe - zieht es vor, zu schweigen. “Ich sitze in Urad, um der Kolchose zu entgehen und lasse mir gar nichts vorschreiben. Ich will eine selbstständige Bäuerin sein!” Zofias Meinung nach schuftet man in der Genossenschaft wie ein Sträfling - und bekomme am Ende vom Ertrag nichts ab. Die beiden boykottieren die ungeliebte sozialistische Errungenschaft - und werden zur Strafe dazu verdonnert, Borke von gefällten Stämmen zu schälen.

Wie Zofia prophezeit hatte, ist die Urader Genossenschaft alles andere als ein Erfolgsmodell. Zu viele Bauern misstrauen ihr. Sie haben schlechte Erfahrungen mit sowjetischen Ideen und lieben es, nach eigenem Gutdünken zu wirtschaften. So wird die Genossenschaft abgeschafft, bevor sie noch wirklich in Gang gekommen wäre. Die Urader zerlegen das Genossenschaftsbüro, verkaufen Eisenträger und sämtliche Dachziegel und vertrinken den Erlös in einer Nacht. Sie singen bis es dämmert und die ersten nach Hause torkeln.

Es ist selten, dass die Urader sich so einig sind. Die Siedler im Dorf sind Bergbauern aus den Karpaten, frühere Großbauern aus der heutigen Ukraine und Belarus, ehemalige Häftlinge aus Lagern in Sibirien. Bei Festen im Feuerwehrhaus geraten die Familien in Streit und prügeln sich. Nur bei der Heuernte helfen sie einander, weil die Arbeit sonst nicht zu bewältigen ist, und als es die ersten Fernsehapparate gibt, sehen sie gemeinsam fern.

Über den Fluss fahren

Während an den beiden Ufern des Flusses mit unterschiedlichem Erfolg der Sozialismus verwirklicht wird, fließt die Oder mit ihren Strudeln und Strömungen still und gemächlich wie eh und je. Wenn sie tief steht, riecht es nach Schlamm. Wenn sich das Hochwasser ankündigt, kriechen die Schnecken die Bäume herauf. Die Fährstege liegen verlassen da, und fast scheint es, als hätte die eine Seite für immer vergessen, dass es eine andere Seite je gegeben hat.

Bis eines Nachts ein Boot durch den Fluss gleitet, die Ruder tauchen ganz leise ins dunkle Nass. Die Stelle ist günstig, weil der Fluss sich hier windet und ungebetene Beobachter nicht alles überblicken können. In der folgenden Nacht fährt das nächste Boot. Die Boote haben kein Licht. Sie fahren Waren, Schnaps und Zigaretten und manchmal Fahrgäste aus östlichen Ländern ans Aurither Ufer.

In Urad hat sich völlig unverhofft die ganze kleine Welt verändert, deshalb rudert Leszek Bartoszewski*, der kräftige Arme hat, nun bei Dunkelheit über die Oder. Immer hat Leszeks Mutter auf die Kommunisten geschimpft, die Schuld daran waren, dass man nichts kaufen konnte. Dann haben Mutters Tiraden mit einem mal aufgehört - und seither hat sie die Kommunisten nie wieder erwähnt. Stattdessen sprachen sie darüber, dass sich die Gänsezucht nicht mehr lohnte, weil die staatlichen Abnahmestellen, die immer einen zuverlässigen Preis für das Federvieh zahlten, geschlossen hatten. Ebenso ist es nun mit der Milch, dem Fleisch und den Eiern. Die Bartoszewskis schafften die Gänse ab, und etwas später die Schweine. Jetzt leben sie von der Ausgleichsrente, die seine Eltern erhalten haben, als sie einen Teil ihres Landes an den Staat abtraten, Diese Rente wird noch immer bezahlt, sie beträgt monatlich 300 Zloty.

Leszek besorgt ein stabiles Schlauchboot. Dann trainiert er auf einem See. Lädt das Boot mit Sandsäcken voll und rudert so schnell er kann. Das Übersetzen muss rasch gehen. Sie nutzen die Stunde des Schichtwechsels beim Grenzschutz. Leszek taucht das Ruder ein. In der ersten Zeit fährt er Wodka und Zigaretten. Alle tun es. Tomasz tut es, Radek tut es, und Adam tut es auch. Er zieht die Ruder auf sich zu. Atmet. Es ist kühl auf dem Fluss. Es riecht nach Wasser. Im Boot sitzen zwei Männer und eine Frau, ihre Gesichter verschwimmen im Dunkeln. Die Zigaretten und der Schnaps lohnen bald nicht mehr. Zu wenig Gewinn. Tomasz, Radek und Adam haben aufgehört. Leszek macht weiter - Leszek verdient mit dem Fahren keinen Kasten Bier für den Feierabend, sondern das Geld für die Familie. Er schnauft. In der Mitte des Flusses ist die Kraft des Wassers am stärksten, Leszek arbeitet gegen die Strömung an. Er fährt jetzt nur noch Menschen. Kasachen und Afghanen. 1.000 Zloty bekommt er pro Fahrt. Es ist “leicht verdientes Geld”, wie man so sagt. Leszek zieht das Ruder heran, er schwitzt. Ob er Angst hat? Ja. Es ist eine routinierte Angst. Keine, die sich löst, wenn es vorüber ist, und einer kleinen Freude weicht, über einen kleinen Sieg. Die Angst hockt irgendwo, wie ein kleiner Zeck, verkrochen, lauernd. Es ist mehr eine Ahnung der Angst, die plötzlich ganz groß wäre, wenn wirklich die Hunde bellten, und man wüsste, dass sie gleich da sind. Da gibt es den Kollegen mit der zerbissenen Hand. Aber jetzt, in diesem Moment ist es still, so dass man einen aufliegenden Vogel hört, den man am Tag nicht sehen würde. Es ist, als würde Leszek das Grau in Grau der Uferböschung mit dem nächsten Ruderschlag ein Stück näher an sich heranziehen. Leszek horcht. Er kennt das Ufer blind. Jeden Stein. Jede Sandbank. Wie ein Nachttier ist er. Er sieht nicht. Er fühlt und riecht und hört.

Er weiß nicht, dass die Aurither, die nah am Deich wohnen, die Nummer des Grenzschutzes in ihren Handys gespeichert haben.

Silkes Traum in Grün

In Aurith kündigt sich das neue Zeitalter an, als der Schichtbus nicht mehr fährt. Der Schichtbus hat alle Bauern zur LPG gebracht. Die LPG hat man zwar nicht geliebt, doch sie war immerhin ein Garant dafür, dass die Dinge ihren Platz haben und der Weg zur Arbeit die Dorfstraße entlang durch die Niederung führte, bis zur “Rinderproduktion” im benachbarten Wiesenau. Jetzt ist der Bus eingestellt, und die ersten sind arbeitslos. Die LPG wird zwar nicht geschlossen, doch sie wird modernisiert. Es wird entlassen. Früher gab es das Wort “arbeitslos” nicht. Nun ist man arbeitsloser Dispatcher, arbeitsloser Traktorist, arbeitsloser Facharbeiter Tierproduktion.

Silke Thurian ist arbeitslose Wurstverkäuferin. Sie hat ihren Beruf nie mit Leidenschaft ausgeübt, doch sie ist eine vitale Frau, und nun langweilt sie sich. Sie lebt direkt hinter dem Deich, und wenn sie viel Zeit hat und am Küchenfenster sitzt, kann sie den Spaziergängern auf dem Deichweg beim Promenieren zusehen. Seit der Wende sind es mehr geworden. Sie nennen die Weiden am Ufer jetzt “Flusslandschaft” und “Naturschutzgebiet” und sausen mit ihren Inlineskates über den Asphalt. Rechts die Oder, links die Auen.

“Wenn du in einem Laden Wurst verkaufen kannst, kannst du auch aus unserer Garage heraus Wurst verkaufen”, sagt Schwiegerpapa Heinz Thurian eines Sonntags, als die Touristen die schöne Natur - und die Thurians die Touristen betrachten. Sie räumen die Garage aus, stellen einen Tisch und eine Kochplatte hinein und besorgen Wurst und Schrippen. Auf ein Schild schreiben sie: “Bockwürste, Wienerwürste, Knacker”. Dann stellt sich Silke hinter den Tisch und verkauft.

“Eine Bockwurst bitte.” “Bitte.” Silke ist eine große, füllige Frau Ende 30 mit rötlich gefärbtem Haar, die Fremde mit einem geraden Blick ansieht.

Pling. Geldstücke fallen in Silkes Kasse. Sie fingert nach Wechselgeld. Die Bockwürste schwimmen in einem großen Topf, rasch werden es weniger. Es läuft gut. Die Kunden kommen aus Eisenhüttenstadt, aus Frankfurt und manche sogar aus Berlin. Jetzt fehlt nur noch eine Genehmigung vom Amt.

Beim Gewerbeamt heißt es, der Imbiss werde nur genehmigt, wenn der Plan bestünde, ein Restaurant zu eröffnen. Silke stellt sich ein Restaurant vor. Sie sieht sich Gäste bedienen, lächeln. Sie wäre die Wirtin. Doch sie hat Zweifel, ob es gehen kann.

“Geht alles”, sagt Heinz Thurian. “Wenn du Würste aus unserer Garage raus verkaufen kannst, kannst du auch ein Gasthaus führen.” Der Schwiegervater, der erlebt hat, dass man aus allem etwas machen kann, schlägt vor: “Wir haben doch den Hühnerstall, wo jetzt die Gartengeräte drinstehen. Den baut ihr aus. Das wird das Restaurant.” Silkes Mann Olaf ist Maurer, und Silke ist aus demselben Holz gemacht wie der alte Thurian. Auch sie glaubt, dass alles irgendwie geht. Aber erstmal rechnet sie. Es geht nicht, kommt heraus. Es fehlt am Geld.

Silke geht zur Bank. Sie erklärt, dass sie arbeitslose Wurstverkäuferin sei, jetzt Wurst aus einer Garage heraus verkauft, dass sie ein Restaurant aus einem Hühnerstall bauen möchte, dass ihr Mann Maurer sei, und dass sie alles genau ausgerechnet hat - sie benötige nur noch einen geringen Kredit. Sie könne gar kein Restaurant führen, heißt es bei der ersten Bank. Silke wird wütend und sagt: “Das werden wir sehen.” “Der Kredit ist zu niedrig”, heißt es bei der nächsten Bank. “Ja, wie”, fragt Silke, “Wenn ich einen Kredit über eine Million beantragen würde, den würde ich wohl kriegen?” - “Mit Handkuss”, sagt die Dame hinter dem Schreibtisch süffisant. Silke lernt etwas Wichtiges, aber Ungutes über die Welt und geht. Sie fühlt sich klein und hilflos und schlecht behandelt. Sie möchte nicht, dass ein Plan, der für Silke groß, in den Augen der Bank aber zu klein ist, einfach vom Tisch gefegt werden kann. Sie will es ihnen zeigen.

Die ganze Familie wirft jetzt ihr Erspartes zusammen, und sie bauen gemeinsam den Hühnerstall aus. Olaf ist die Woche über auf Montage und am Wochenende mauert er. Silke packt mit an und besorgt Baumaterial. Es dauert sehr lange, weil sie immer nur bauen können, wenn Geld vorhanden ist. Aber schließlich ist es soweit. Sie streichen das Haus grün und nennen es “Bauernstübchen”.

Olaf kleidet die Wände mit Holz aus, so dass es aussieht wie in einer finnischen Sauna. Es ist gemütlich. Von der Decke herab hängen kleine Stoffhexen. Wenn das Wetter gut ist, braten sie Berge von Schnitzeln, mit vielen Zwiebeln, Champignons und Rahm. Olaf steht in der Küche. Silke rennt. Mit strammem Max, Ragout Fin und frisch gezapftem Bier. Die Gäste sitzen im Grünen. Herrlich, sagen sie. Die Weiden, die da halb im Wasser stehen. Wo die Biber nagen und die Rebhühner brüten. Es ist ein Idyll. Eins um das Thurians kämpfen würden, wenn es nötig wäre. Der Grenzfluss liegt für sie hinter dem Deich. Es gibt keine Brücke - und das ist gut so. Sie würden das Knattern von Mopeds fürchten und die Preise von Urader Gastwirten.

Alicjas Traum in Grün

Im Halbliterglas steigt Bierschaum auf. Der Zapfhahn tropft ab. Zwei Bier, bitte. Alicja Knebel, eine Frau mit blondiertem Haar und erhitztem Gesicht reicht zwei Gläser über die Theke und zwei Teller hinterher. Zwei Bigos - Sauerkraut mit Speck und Fleisch vermischt.

Im Gastraum der “Bar unterm Birnbaum” in Urad flimmern Fische grün im Aquarium. Männer in Arbeitshosen, in T-Shirts und Jeansjacken essen und reden. Das Bier ist gut. Der Bigos ist gut. Die Männer reden gegen den Lärm einer Verfolgungsjagd im Fernsehen an. Autos krachen. Teure Autos - Schrott. Die Sehnsucht der Männer: Ferraris schrotten, jederzeit neue haben können. Ihre zweite Sehnsucht: Bier.

Alicjas Sehnsucht ist ein Hotel. Es wird “Hotel Alicja” heißen. Irgendwann einmal wird es soweit sein, sie wird das nötige Geld zusammenhaben und investieren können. Sie wird hinter einer Rezeption stehen, die Frisur wird immer sitzen, die Fingernägel werden gepflegt und lackiert sein, vielleicht in blassrot. Sie legt einen Hundert-Zloty-Schein sorgfältig ins Geldfach der Kasse. Pling.

Pling macht Alicjas Kasse. Zwei Bier, zwei Bigos, zwölf Zloty. Die Geldstücke fallen ins Fach. Alicja rechnet. Das Leben ist: Bier und Bigos einkaufen. Bier und Bigos verkaufen. Zloty ausgeben, Zloty in die Kasse füllen. Es ist wie atmen. Ein und aus. Und langsam wächst etwas. Am Anfang war eine Bretterbude, dann ein Wellblechcontainer, jetzt ist es ein Restaurant aus Stein. Es ist grün gestrichen. Nicht mattgrün, sondern sattgrün. Grün ist die Farbe der Hoffnung. Es liegt direkt an der Fernstraße, die nach Slubice und zur Grenze führt. Die Autos fahren schnell, die Lastwagen sind riesig und haben mehrere Hänger.

“Sebastian!” ruft Alicja. Sebastian ist Alicjas Sohn, er ist 25. Er ist fast immer da, ein guter Junge. Er hat schon mit zwölf Jahren Würste über einen selbstgebauten Tresen verkauft. Damals musste er auf einer Kiste stehen, damit er an alles herankam und souverän Geld wechseln konnte. Sebastian kommt. Er war nur eben an der Tankstelle hinter dem Haus, die die Knebels seit einem Jahr zusätzlich betreiben. Sebastian wollte immer etwas mit Autos machen. Was man machen will, muss man irgendwie ins Familienbiznes integrieren.

Alicja erzählt: “Wir hatten kein Geld, nichts. Das einzige Kapital, das ich hatte, war ein Arbeitsunfall. Kein Witz. Ich habe in Frankfurt an der Oder in einer Bierabfüllfabrik gearbeitet. Dann: Hand in die Maschine gebracht, Sehnen gerissen, aus. Ich konnte lange nicht mehr arbeiten. Es gab dafür eine Abfindung, nicht viel, aber die habe ich gespart. Es hat für einen Container gereicht.” Der Container: Ein Baustein zum Glück.

Sebastian unterbricht: “Langsam Mama, du bist immer so schnell. Am Anfang hatten wir eine Wiese mit Schafen und eine alte Scheune. Das alles lag an dieser großen Straße, wo die vielen Trucker fahren.” Ein Freund, Jan Kapica, der Lastwagen fährt, hatte die Idee: Ein Fernfahrerimbiss. Eine Holzbude, wo es Kleinigkeiten zu essen gibt. Das sieht man jetzt immer öfter, und das läuft bestimmt gut.

Die Familie Knebel rodet ihr Grundstück von beinhohem Unkraut, schlachtet alle Schafe und trägt die Backsteinscheune ab. Dann bauen sie die Bretterbude, alle zusammen. Sie haben jetzt ein hübsches Plätzchen, wie Alicja sagt. Eine Sitzgruppe aus Baumstümpfen, Sonnenschirme, gefühlvolle Musik aus einem Kassettenrekorder.

Sie verkaufen 40 Kilo Würstchen täglich. “Das Geschäft lief super”, sagt Alicja. Schmuggel und Billigkäufe liefen auf Hochtouren. “Man war unterwegs und hat Geld verdient.” Alicja beschließt, dass ihre Kinder jetzt keine Klamotten, Video und so weiter brauchen, alles, was andere Familien nach ´89 anschaffen. Alles, was sie verdienen, wird für später gespart. Alicja will ein Fernfahrerrestaurant.

Im Winter 1992 bauen Knebels das erste Mal an: einen Wellblechverschlag um den Imbiss, so dass eine Art Gastraum entsteht. Im nächsten Sommer investiert Alicja die Abfindung für ihre kaputte Hand in einen Container, den sie an das Vorhandene anbauen. Alicja gibt immer nur Geld aus, wenn welches da ist. Niemals würde sie einen Kredit aufnehmen, sie hätte Angst, die Sache liefe schief. Schließlich nehmen Knebels die Steine, aus denen die alte Scheune bestanden hat, und mauern sie um das Ganze herum. Jetzt ist es da, das Restaurant. Sie nennen es “Bar unterm Birnbaum”.

“Mein Sohn hat goldene Hände”, sagt Alicja und meint, dass Sebastian alles kann - Dielen verlegen, eine Heizung zum Laufen bringen. Er kann auch Autos lackieren. Sebastian sagt über seine Mutter, dass sie in der Gegenwart immer sehr sparsam sei, weil sie an die Zukunft denke. Er selbst denkt so gut wie nie an die Zukunft, sondern immer an die Gegenwart. Die Gegenwart ist das Familienbiznes. Die “Bar unterm Birnbaum” hat nonstop geöffnet, 24 Stunden Bier und Bigos, die Fische flimmern grün. Pling macht die Kasse.

“Ich stelle mir die Zukunft so vor”, sagt Alicja, “wir bauen immer weiter aus, und irgendwann haben wir ein Hotel.” Zuletzt haben sie einen Springbrunnen gekauft und ihn in den Garten gestellt, und dann haben sie in den leuchtend grünen Anstrich investiert. “Das ist hübscher als gelb oder weiß, und man sieht die ›Bar unterm Birnbaum‹ jetzt schon von weitem.”

Durch den Strom schwimmen

Über Auriths Häusern mit ihren gepflegten Vorgärten senkt sich der Abend. Es ist ein Sonntag im Herbst, und die Dorfbewohner sind mit sich allein. In Silke Thurians Bauernstübchen sitzt als einziger Gast ein verfrorener Grenzpolizist, der einen Tee bestellt hat. Draußen ist es still und novemberfeucht, wie es nur in Ostbrandenburg auf dem Land und am Ufer der Oder möglich ist. Die Autos auf der Dorfstraße sehen aus wie für immer dort abgestellt. Hinter Fenstern flackern Fernsehgeräte.

Nur Isabel, Silke Thurians Tochter, ist draußen. Sie steht auf dem Deich. Drüben ist der Urader Fährsteg zu sehen. Er ist leer.

Isabel hat sich breitschlagen lassen zu zeigen, wo sie damals durch den Fluss geschwommen ist. “Dahinten war es”, sagt sie. “Man muss schräg schwimmen, wegen der Strömung, die treibt einen ab. Immer. Auch wenn man ein guter Schwimmer ist.” Dann schweigt sie wieder. Man kann ihr nicht nachsagen, dass sie geschwätzig sei. In ihrem langen schwarzen Mantel und den Turnschuhen mit Plateausohlen sieht sie aus, als habe sie sich für etwas anderes, Aufregenderes zurecht gemacht, als um hier am Aurither Deich auf und ab zu gehen. Aber Isabel schüttelt den Kopf. Sie habe nichts vor. Hier passiert nicht so viel. Abends trifft sich die Dorfjugend in einem alten Bauwagen und sie trinken Bier. Im Sommer, wenn es warm ist, sitzen sie auf dem Deich, essen Eis und baden.

Es war eines Tages im Sommer hier auf dem Deich, als Isabel Bogdan kennen lernte. Er stieg aus dem Wasser und hatte nur Badehosen an. Bogdan kam aus Polen. Er hatte noch einen Freund dabei: Daniel. Die beiden lachten, als hätten sie ihnen einen Streich gespielt. Und die Aurither lachten mit. Dann saßen sie gemeinsam im Gras und ließen sich in der Sonne wärmen. Bogdan und Daniel hatten eine Mutprobe abgelegt - einmal durch den Fluss zu schwimmen - und zurück.

Bogdan und Daniel kamen nun öfter. Bogdan besuchte Isabel und Daniel ihre Freundin Caroline. Die Mädchen kokettierten mit den komischen Jungs, die trotz aller Gefahren von Strudeln oder Grenzschutz zu ihnen kamen. “Schon gut irgendwie”, fanden sie. Mehr war nicht.

Irgendwann überredeten Caroline und Isabel ihre Eltern, mit ihnen einmal nach Urad zu fahren. Ein Wochenendausflug - das wäre doch eine nette Idee. Die Eltern gaben nach, und so kam es, dass Caroline und Isabel eines Nachmittags im polnischen Dorf auf der Oderstraße standen und herumalberten und warteten, ob Bogdan und Daniel zufällig des Weges kämen. Sie kamen tatsächlich. Dann spielten sie in einem Feuerwehrschuppen Tischtennis und Isabel fragte Bogdan, ob er ihr ein Foto von sich schenken könne. Bogdan gab ihr eins. Isabel hängte es in einem herzförmigen Rahmen in ihrem Zimmer auf.

Dann wartete sie, dass Bogdan wieder einmal Mut beweisen würde und Caroline und sie die umworbenen Mädchen wären. Aber Bogdan kam nicht mehr.

Um die Zeit abzukürzen, beschlossen die Mädchen, ihren Mut zu erproben. Sie schwammen und kamen im Badeanzug am polnischen Ufer an. Die Mütter erfuhren es, irgendwie. “Was?” fragte Isabels Mutter entsetzt. “Du hast was getan?” “Das Wasser war ganz niedrig, Mama”, beschwichtigte die Tochter. Sie will nicht mehr gern über die Sache reden.

Sie wendet sich ab vom Deich. Es genügt, die Geschichte ist erzählt, sie muss nicht mehr diesen Fährsteg anstarren, der vom polnischen Ufer in Richtung Deutschland ragt. Das Foto in dem Herzrahmen hat sie irgendwann wieder abgenommen, sagt sie, schon im Gehen begriffen. Ihre Mutter wartet mit dem Abendbrot auf sie. Nach dem Essen wird sie noch im Bauwagen vorbeischauen, vielleicht etwas trinken, ein bisschen quatschen. Es ist wie immer in Aurith.

“Wenn ich die Schule fertig habe, gehe ich weg von hier”, sagt Isabel. “Ich werde Friseuse. In Frankfurt/Oder. Vielleicht auch in Eisenhüttenstadt.”

Auch in Urad wird es dämmrig. Aus den Schornsteinen kräuselt sich Rauch, es riecht nach Holzfeuer und modrigem Laub. Der November liegt wie ein Schleier aus feinen Tröpfchen über dem Dorf und hüllt die Häuser ein. Es ist die gleiche Feuchtigkeit, die über Auriths Häusern liegt.

Wer auf der Straße geht, tut dies mit eiligen Schritten. Niemand wartet an der Bushaltestelle, niemand will vor dem Laden sitzen und Bier trinken, niemanden zieht es an die Oder, wo der Nebel über die Sandbänke kriecht.

Nur Bogdan und Daniel stehen auf der Fährbuhne, breitbeinig, Bogdan hat sein Mofa dabei. Er hält mit einer Hand den Lenker, mit der anderen zeigt er hinüber zum deutschen Fährsteg. “Da drüben waren wir”, sagt er. Seine Stimme klingt rau. Er ist 16, trägt das Haar kurzgeschoren und feixt aus wachen braunen Augen. Er knufft Daniel in die Seite: “Mach weiter. Du kannst besser deutsch als ich.” Daniel schiebt die Hände tiefer in die Taschen und sagt nichts, er sagt fast nie etwas, wenn Fremde dabei sind. Er blickt übers Wasser und schweigt.

“Angst vor dem Grenzschutz? Quatsch”, sagt Bogdan. Gar nicht. Er erzählt von Isabel und Caroline, beiläufig. Als wäre es nichts, durch den Fluss zu schwimmen. Es war ja Sommer, und das Wasser sei niedrig gewesen. Bogdan tritt das Mofa an, es säuft ab, er versucht es noch einmal. “Einmal kam dann das BGS-Auto”, erzählt er, während der kleine Mofamotor immer wieder aufheult und verstummt. “Jemand hat wie verrückt etwas durch den Lautsprecher gebrüllt, wir verstanden nicht, was. Dann sind wir abgehauen. Geflüchtet.” Aber das habe sie natürlich gerade gereizt. Als ob der deutsche Grenzschutz ihnen was zu sagen habe. Bogdan lacht und Daniel wiehert, als habe sein Freund einen genialen Witz erzählt.

“Eines Tages”, erzählt Bogdan weiter, “standen Isabel und Caroline in Urad auf der Oderstraße.” Einfach so. Die Mädchen kicherten, und Bogdan wusste nicht recht, ob er das gut finden sollte. Dann spielten sie Tischtennis und Isabel schenkte Bogdan ein Foto von sich. Bogdan deutet über den Fluss. Am anderen Ufer zeichnen sich die Umrisse eines Hauses ab. Ein kleiner Giebel, verschwommen im Dunst. Unter dem Dach hat Isabel ihr Zimmer, mit einem zerwühlten Bett, mit Starplakaten und Jeanshosen, die sie in eine Ecke gefeuert hat. Bogdan hat sie dort nie besucht.

Isabels Foto liegt irgendwo bei ihm zu Hause, in einer Schublade - oder in einem Pappkarton. Vielleicht würde er es finden, wenn er suchen würde.

Bogdan hat sein Mofa jetzt anbekommen. Daniel setzt sich hinter ihn und sie knattern los. Sie fahren zum Feuerwehrschuppen, wo sich die Urader Jungs fast jeden Abend treffen, um Bier zu trinken und Karten zu spielen, um Geld.

Wenn Bogdan mit der Schule fertig ist, das weiß er schon, geht er aus Urad weg. Er will Biznesmen werden. In Amerika.