Im türkischen Licht

“Wieso ungemütlich?”, fragt ein Schnauzbärtiger, nicht allzu großer Herr. Ich habe einfach gewagt, hineinzugehen. Draußen sind die Fenster bis auf Sichthöhe milchglastrübe, durch die oberen Scheiben kann man die unvermeidlichen Neonröhren sehen. Über der Eingangstür steht “Bahadin, Kulturverein”. Drückt man sie auf, gelangt man in ein Lokal mit glänzenden Holzfurniertischen, an denen Männer sitzen, in ein weißes kaltes Licht getaucht. Wieso ich “ungemütlich” sage, hakt der Herr nach, und es ist ihm anzusehen, dass er meine Antwort nur als Auftakt für seine Gegenrede braucht. “Weiß und kalt”, mache ich es ihm leicht. “Wir laden doch unsere Gäste nicht ein, mit uns im Kühlschrank zu sitzen.” “Blödsinn”, entgegnet der Herr, der sich als Hydir Eser vorgestellt hat. “Ich zeig´ dir was.” Er drückt die Tür auf, durch die ich eben gekommen bin und komplimentiert mich hinaus auf die Straße. Es sei kein Trick, mich loszuwerden, versichert er, er will mir etwas zeigen. Wir gehen ein paar Schritte und erreichen Esers Anschauungsstück: Das “Gemütliche Eck”, eine Berliner Eckkneipe, das Schaufenster von Gummibäumen überwuchert, durch Tüllgardinen sickert Schummerlicht. “Das ist eine deutsche Saufkneipe”, klärt Eser auf. Die Deutschen mögen es, Eser zufolge, der seine Ausführungen lebhaft gestisch unterstreicht, gern dunkel. Weil sie trinken wollten - um zu vergessen. Dabei sähen sie sich ungern ins Gesicht. Die türkischen Menschen hingegen liebten das Licht. Weil sie ein offenes Völkchen seien und nichts zu verbergen hätten. Sie spielten Karten, sie rauchten, sie tränken Tee oder Bier - aber niemals sieben Bier, acht Bier, neun Bier, wie die Saufbrüder in dem Loch nebenan. Ich fühle, dass dem nichts hinzuzufügen ist und schließe mich Eser an, der sich anschickt, zurückzukehren - heim ins türkische Licht.

Vielleicht haben sie wirklich nichts zu verbergen, im Kulturverein Bahadin. Und wenn sie es hätten, hätten sie es nicht leicht. Bahadin ist ein türkisches Dorf. Eser zeigt es mir auf einer Landkarte und auf Fotos, die an den Wänden befestigt sind. Schwarz-Weiß-Fotografien von Häusern und Menschen, von denen viele Eser ein wenig ähnlich sehen. Sämtliche melancholisch dreinblickenden Männer an den Wänden sind Abkömmlinge dieses Fleckens türkischer Erde. Sämtliche Männer an den blanken Tischen im Wedding ebenfalls. Eser kommt täglich um drei Uhr und öffnet die Tür. Dann bereitet er die Wasserpfeifen vor. Dann werden die Spielkarten ausgeteilt, die erste Partie beginnt. Das Dorf trifft sich in der Stadt. Im Licht, versteht sich, das bei Bahadin fast immer brennt, ob es draußen hell oder dunkel ist.

Eser erzählt. Er war 16, als er in den späten siebziger Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland kam. Sie kamen, sagt Eser, weil sie Aleviten sind, die in der Türkei verfolgt werden, und sie kamen der Arbeit wegen. Aber es war noch mehr, Eser hebt die Schultern und blickt zur erleuchteten Decke, als suche er etwas. “Glück”, sagt er. “Wir suchten Glück”, und unterstreicht es mit einer lächelnden Grimasse, die die dichten Brauen weit nach oben hebt. Weil es immer schwer ist, zu Anfang, lebten sie zu sechst in einer Zwei-Zimmer-Wohnung und meinten, dass es bald besser würde. Es wurde besser, aber niemals wirklich gut. Esers Arbeitsleben endete, als sein Bein erkrankte, weil er eine Maschine mit immer dem gleichen Fuß betrieben hatte. Plötzlich hatte er frei, spazierte durch den Wedding, fragte sich, weshalb die Deutschen auf der Straße stets mürrisch guckten und weshalb, zum Teufel, er nicht irgendwann zurückgekehrt sei. Nach Bahadin, dessen pittoreske Hütten auf den Fotos im Bahadin Kulturverein zu sehen sind.

Vielleicht ist er nicht zurückgekehrt, weil es Bahadin, das alte Bahadin, nicht mehr gibt. Während Eser, Erkan und Ali im Bahadin Café immer gewaltigeres Heimweh nach Bahadin bekamen, nach seinen Natursteinhäusern und Schafherden, verschwand Bahadin. Wegen des Geldes, das Eser und Erkan durch ihrer Hände Arbeit verdienten, das sie nach Hause schickten und von dem die Zurückgebliebenen stolz Straßen und Schulen bauten. Das Dorf wurde Eser fremd. Und die heutigen Bewohner Bahadins verstehen die seltsamen, sentimentalen Männer aus dem Wedding nicht. Bahadin teilte sich in zwei Dörfer. Eins ist eine Ortschaft in der Türkei. Das andere sieht aus wie ein Lokal mit Milchglasscheiben, die bis auf Sichthöhe undurchsichtig sind. Es ist eine Sehnsucht nach Bahadin.

“Willst du Tee? Oder lieber ein Bier?”, fragt mich Eser und erzählt mir, wie er im vorigen Jahr beschloss, sich die Welt anzusehen. Bahadin, immer nur Bahadin - das kann es ja nicht gewesen sein. Er begann damit, Deutschland zu bereisen. Am besten gefiel es ihm in Bayern, weil die Deutschen dort in Biergärten sitzen, im Tageslicht. Sie lächeln und sagen: “Servus” und “Grüß Gott”. “Grüß Gott” ist ein lustiger Gruß, findet Eser, er wendet ihn jetzt selbst oft an. Es ist ein Zauberwort. Wenn Eser “Grüß Gott” zu einem mürrischen Berliner sagt, dann lichtet sich plötzlich das Gesicht, und der Berliner fängt zu grinsen an.

“Servus”, sagt Eser, als ich gehe. Ich soll wiederkommen. Ich verspreche es.

 

erschienen im “Freitag”