Und Fred besetzt schon mal den Platz auf der Bank

Soldiner Kiez ist ein Name, der klingt, als würden seine Bewohner ihn gerade so hinspucken, allfeierabendlich bei einer “Molle” in einer Eckkneipe, wo die Tresendame “Atze” und “icke” sagt. Der “Kiez” ist der Ort in der Stadt, in dem man sich kennt. Seine Grenzen legen nicht die Behörden fest, sondern die Bewohner selbst. Es bedarf keiner Absprache und keiner Eintragung im Flächennutzungsplan, sie sind eine Selbstverständlichkeit. “Selbstverständlich” kommt von sich-selbst-verstehen. Im “Kiez” können sich die Bewohner auf etwas Grundsätzliches verständigen. Darauf, dass dies ihr Ort ist. So könnte es sein.

Wer Lokalhistorie schreibt, beginnt die Geschichte des Soldiner Kiezes stets im Jahr 1782 und kommt auf zwölf Bauern zu sprechen, die Friedrich der Große im Norden Berlins ansiedeln ließ, um für die Städter die Felder zu bestellen: die “Kolonisten”, nach denen die Koloniestraße benannt worden ist. Ein schönes aber wunderliches Bild entsteht: Gelbe Ären, über die der Sommerwind streicht - wo jetzt der Ein-Euro-Döner ist. So reizend es anzusehen ist, es verschwindet gleich wieder. Die eigentliche Geschichte des Soldiner Kiezes beginnt danach.

Auf den Namen stieß ich zum ersten Mal, als ich vom Roten Wedding las: Widerstand in einem Arbeiterbezirk. Kalle Winkel und Paule Junius sind Icke-Atze und machen eine Stadtteilzeitung für eine Handvoll Straßen: das Soldiner Echo. Sie tragen Arbeitermützen und arbeiten bei Borsig, Schwarzkopff, Woehlert, AEG.

Seit der Gründerzeit zog das billige Land im Norden der Stadt Industrielle an. Es lohnte sich, Fabriken hochzuziehen und die Berliner Mietkasernenstadt par excellence dazu zu mauern. Die Geschichten der Paules und Kalles spielen hier, vielstimmig, verdichtet, zusammengeballt. Wenn wir an den Wedding denken, riechen wir förmlich die Schlafstuben, in denen mindestens ein Dutzend Männer, Frauen, Kinder und Schlafburschen nächtigen, die alle aussehen, wie Zille sie zeichnet. Wir sehen den Wedding als Schwarz-Weiß-Fotografie, der Rote Wedding marschiert, historiengraue Arbeiter mit Schiebermützen. Es ist merkwürdig, dass wir uns immer diese Mützen vorstellen, wenn wir an Arbeiter denken, und nicht die Arbeit selbst. Vielleicht, weil die Arbeit, die Kalle und Paul verrichtet haben, längst nicht mehr im Wedding ist. Auch Karl und Paul sind nicht mehr da.

“Wenn du über´n Wedding schreiben willst, musst du über die Geschichte schreiben!”, hörte ich oft. Einmal übereignete mir ein älterer Herr sogar seine private Sammlung zur Wedding-Geschichte - zu meiner Verwendung als Stadtschreiberin. Dann lag der Ordner mit sorgsam ausgeschnittenen Zeitungsartikeln auf meinem Schreibtisch herum. Und wenn ich hinausging und an sie dachte, entstand ein seltsam leerer Raum zwischen dieser “Geschichte” und dem Jetzt. Als wäre die “Geschichte” zu laut, zu klar oder zu bedeutsam, um mit den ruhigen Straßen draußen in ein Zwiegespräch zu treten. Je länger ich nach einer Brücke suchte, desto befremdlicher wurde es. Vielleicht, weil ich Kalle und Paule auch im örtlichen Altenheim nicht fand. Die sich an ihr Leben erinnern konnten, erzählten wüste Geschichten, die meist in Schlesien, Pommern und Ostpreußen beginnen, im geteilten Berlin keine Ruhe finden und schließlich im östlichen Wedding stranden, wo es billige Wohnungen gibt.

Karl und Paul sind fort, und zwischen ihnen und uns ist eine unsichtbare Wand. Ihre Geschichte, die man sich lärmend und bewegt vorstellt, mit Maschinengedröhn und Geschrei auf den Straßen, wirkt nirgends unwirklicher als hier. Die Geschichte! In der die Geschichten der Einzelnen nur Variationen einer großen Geschichte sind. Die Geschichten, die jetzt hier spielen, haben keinen gemeinsamen Takt. Die jetzt hier wohnen, haben keine gemeinsame Bestimmung, keinen gemeinsamen Feind, keine gemeinsame Sprache. Sie stehen für nichts, was war und werden von niemandem als Avantgarde begriffen. Es ist, als ob etwas entgleitet. Wenn es in den Straßen solcher Gegenden zu einem Krach kommt, macht das Angst. Sie gilt nicht der Prügelei oder Schießerei. Wer sie hat, lebt meist nicht hier, und es ist unwahrscheinlich, dass er je in diesen Straßen Prügel beziehen wird. Die Angst gilt dem Entgleiten.

Es gibt viele Soldiner Kieze in Deutschland. Meist sind es frühere Arbeiterviertel, in denen heute arbeitslose Deutsche und Migranten leben - oder solche, die mit Gelegenheitsjobs über die Runden kommen. Um das “Abrutschen” aufzuhalten, wurde ein Programm “Soziale Stadt” aufgelegt, um ein Wir-Gefühl zu schaffen und dem Amorphen zu einer Identität zu verhelfen. Seither werden Namen wie “Soldiner Kiez” in Faltblättern und Broschüren gedruckt. Es befremdet, wenn die Bewohner von offizieller Seite angesprochen werden, und es geht um ihren “Kiez”. Früher hatte man “Kiez” zu Hause und am Stammtisch gesagt - in der öffentlichen Sphäre sprach man von seinem “Wohngebiet”. Neuerdings ist es umgekehrt. Der “Soldiner Kiez” wird als Corporate Identity in Umlauf gebracht. Um das Entgleitende greifbar zu machen. Ihm zumindest einen Namen zu geben, der klingt, als sei er für alle schon immer eine Selbstverständlichkeit.

Was könnte es sein, das man als Stadtschreiber in einem ganzen Jahr im Soldiner Kiez erfahren, erfragen oder erlaufen sollte?, fragte ich mich. Ich kreiselte um diese Frage und streifte durch das Gebiet. Bald kannte ich jeden Blumentopf, konnte zu Protokoll geben, wenn welcher An- und Verkaufshändler seine Schaufensterauslagen verändert hatte und hatte Dutzenden von Bewohnern Fragen gestellt - was sie täten, was sie dachten, wie sie lebten, wo und wovon. Wenn man kreiselt, besteht die Chance, dass man irgendwann erkennt, worum man kreist. Was die Frage zu all den disparaten Antworten ist. Es war die Frage nach der Identität. Nicht ob oder wie man den Bewohnern eines Gebiets, das “abrutscht”, zu einer Identität verhelfen kann, sondern welche sie selbst gefunden haben. Es ging um Selbstbestimmung und Raumgefühl in einem Feld, das nicht mehr durch die Markierungen Arbeit-Freizeit, Fremde-Heimat, privates Refugium-Öffentlichkeit abgesteckt ist.

Shadi geht

Shadi hat hohe Wangenknochen, ein junges Gesicht, das merkwürdig kantig ist - obwohl der Babyspeck unter der Gesichtshaut noch nicht ganz weg ist, weist es schon tiefe Kerben auf. Keine Falten - eher Höhen und Tiefen. Er könnte 17, 23 oder auch schon 30 sein. Von weitem sieht Shadi aus wie ein cooler Typ. Wie er mit den Armen schwingt und sich in den Hüften wiegt, wenn er geht. Er trägt ein Sportshirt und manchmal eine Kappe. Die Haare sind tief schwarz und kraus wie die von Ronaldinho, halblang.

Shadi traf ich, als ich eben meine Wohnung im Viertel bezogen hatte, auf die Soldiner Straße mit ihren Telefonläden und Vereinslokalen lief und mich darauf einzurichten begann, wirklich hier zu sein. Ich hatte erste Fragen, die dieses Hiersein betrafen. Es waren einfache Fragen, alles schien einfach an diesem frühen Abend, weil die Luft sich gerade eines Sommergewitters entledigt hatte und wie abgewaschen war. Drei Männer kamen mir entgegen, einer von ihnen war Shadi. Ich fragte ihn, wo man am Abend hingehen könnte.

Shadi sagte “Hallo” und “Wie heißt du?” Und schien meine Frage einen Moment auf die Seite zu legen. Ich bin Shadi, das ist Mahmut, das ist Ali. Wir gingen, Shadi, Mahmut, Ali und ich. Dann hielt Shadi an, weil ein Mann entgegenkam, den er als seinen Onkel vorstellte. Kaum hatte der sich verabschiedet, blieben wir wieder stehen. Diesmal, um zwei Mädchen zu begrüßen. Es hätte noch gut so weitergehen können. Eigentlich waren es gar nicht so viele Leute, die auf der Soldiner Straße promenierten. Dennoch wirkte die Straße belebt, weil die, die hier schlendern, einigen Raum einnehmen, mal unvermittelt stehen bleiben, um zu plaudern, dann plötzlich die Richtung ändern oder umkehren. Ich hatte das Gefühl, dass es nicht zur Gegend passt, einen Plan zu haben. “Was wolltest du vorhin wissen?”, fragte Shadi. “Wo man abends hingehen kann”, sagte ich. “Hingehen”, wiederholte er. Mir kam die Frage plötzlich blödsinnig vor. Wir gingen ja bereits. “Ich meine eine Kneipe oder ein Café.” Shadi sagte: “Gibt es nicht” und fragte, ob wir tags darauf gemeinsam Schuhe kaufen wollten. Er beabsichtigte, in die Stadt zu fahren. Ich sagte ihm, ich müsse jetzt nach Hause und war überzeugt davon, dass ich Shadi nie wieder treffen würde.

Damit lag ich falsch. Shadi begegne ich fast täglich. Wenn ich aufbreche oder auf dem Heimweg bin oder im Viertel spazieren gehe. Shadi geht, mit schwingenden Armen, in diesem gemächlichen Schritt, den man sich hier angewöhnt. Er geht die Soldiner Straße auf und ab, die Koloniestraße hinauf und hinunter, dann hinten durch die Grünanlagen zurück zur Soldiner Straße. Ich möchte wissen, wie viele Kilometer Shadi am Tag zurücklegt, in seinen Sportschuhen, mit den weichen Gummisohlen. Er geht und geht. Shadi allein, Shadi und seine Kumpels, größere oder kleinere Gruppen. Wie Elefanten, die ihr Gebiet durchstreifen. Es geht nicht darum, von hier nach da zu kommen. Das Gehen selbst ist die Tätigkeit, und irgendwo am Weg findet man Wasser, wenn es sich ergibt. “Wie geht´s?”, fragt Shadi, wenn wir uns begegnen. Oder: “Weißt du ´nen Job für mich?”

Ich überlege, welcher Beruf für Shadi in Frage käme. Vielleicht sollte er versuchen, Briefträger zu werden.

Stefan ist Briefträger. Er macht 1.000 Höhenmeter pro Tag

Die Soldiner Straße ist breit, fast ein Boulevard, seine Bürgersteige messen je einige Meter. Sie ist die Ost-West-Achse des Wohngebiets im hinteren Wedding, die Nord-SüdAchse ist die Koloniestraße. Beide Straßenzüge sind breiter als die anderen, und obwohl es kaum etwas zu kaufen gibt, spielt sich hier das soziale Leben ab. Ich suche eine Möglichkeit, mir die Gegend zu erschließen - die Straßen und die Hinterhöfe. Die meisten Haustüren sind abgeschlossen, man müsste warten, bis zufällig jemand heimkehrt oder das Haus verlässt.

Ich finde meinen Schlüssel - zufällig, in Person eines froschgrün gekleideten Mannes, der plötzlich auftaucht. Fluchend. Wie soll ein Briefträger seine Post loswerden, wenn alle ihre Briefkästen mit Edding beschriften? Wenn sie wegziehen, bleibt der Name stehen, und der nächste kritzelt seinen Namen dazu. “Wieso denkt nie einer mit?”, schimpft er und meint, dass nie jemand an den Briefträger denkt. Sein Gesicht ist gebräunt, seine Haut Mitte 30, die Augen dunkel, leicht genervt, freundlich und geduldig in einem. Stefan heißt er. Grün ist der Stoff des Shirts, das an seiner Haut haftet und das er erst am Abend loswerden wird, um es morgen wieder überzuziehen. Grün ist die Farbe von Pin mail. Sein Lastenrad hat dieselbe Farbe, die Packtaschen für die Briefe auch. Stefan ist in Eile, er schwingt sich in den Sattel. Während er schon die Post für das nächste Haus sortiert, hört er mit halbem Ohr meine Frage an. Und sagt tatsächlich: “ok”. Er findet es “ok”, eine Frau mit auf seine Tour zu nehmen, die den Wunsch vorträgt, mit ihm gemeinsam die Häuser und Höfe des Gebiets “kennen zu lernen”. Wenn ich gute Schuhe und eine Fahrrad mitbringe und nicht dauernd Fragen stelle, geht es “ok”.

Stefan wohnt im Gebiet seit er Jugendlicher ist. Er ist hier zur Schule gegangen. Jetzt macht er einen Job - Briefe austragen. Das ist besser als nichts, aber er würde nicht “Beruf” dazu sagen. Ich trage meine festen Schuhe, habe das Rad an eine Hauswand geschmissen und renne Stefan hinterher: “Hey, du musst gut trainiert sein, für Bergwanderungen!” Stefan springt etwa das 20. Treppenhaus hinauf, ich immer eine halbe Treppe hinter ihm. “Bergwandern?” fragt Stefan. “Gibt´s hier Berge?” Der Job wäre doch nichts für Shadi. Zu schnell! “Nö, aber wenn du Urlaub machst”, entgegne ich. “Ich mach keinen Urlaub”, sagt er. “Aber gut trainiert bin ich, ja, für diese Treppen hier.” Shadi legt am Tag mehr Kilometer in der Ebene zurück, Stefan macht Höhenmeter. “Laufhäuser” nennen die Briefträger Altbauten, bei denen die “Briefkästen” eingelassene Schlitze in den Wohnungstüren sind. Es genügt nicht, vor dem Gebäude die Post in eine Reihe von Postschlitzen zu werfen, man muss die Treppenhäuser hinauf, bis in den vierten, fünften Stock. Wer einem Briefträger folgt, merkt erst, dass die Soldiner Straße buchstäblich eine weitere Dimension besitzt. Hinter dem Vorderhaus liegt ein Hof, dahinter ein Hinterhaus, dahinter mindestens ein weiterer Hof, dahinter wieder ein Haus, dahinter manchmal ein Garten.

Wer einem Briefträger folgt, erlebt eine Straße wie einen schnellgeschnittenen Film. Unrenovierte Häuser, Neubauten in Bombenlücken, Altbauten mit Baugerüsten. Stefan unterscheidet “ordentliche” Häuser, normale, unsanierte und solche, in denen eine “Mischung” wohnt. Die “ordentlichen Häuser” erkennt man am Geruch im Treppenhaus. Am chemischen Duft von Reinigungsmitteln, aber wichtiger noch: am Fehlen von menschlichen Gerüchen. Kein Essensdunst um die Mittagszeit, kein Katzengestank. Kaum Kinder. “Wer wohnt hier?” “Die, die Arbeit haben.” Die Briefe sind verteilt. Raus aus dem Haus. Rauf auf das Rad, weiter.

Die “ordentlichen Häuser” blitzen nur selten auf, in unserem Film. Würde man ihn schneller laufen lassen, verschwänden sie. Das Gros der Momentaufnahmen ist das “normale” Haus. Nicht schmutzig, aber riechbar. Es gibt Flaschen, die vor Haustüren stehen und Menschen, die zu Hause sind. Es gibt ausländische Namen am Klingelschild. Raus aus dem Haus. Weiter. Die nächste Kategorie: unsanierte Häuser. Sie können geputzt sein oder nicht, sie riechen immer. Nach Pilzen im Stein und Linoleum, das seit 50 Jahren dabei ist, mit dem Holz der Treppenstufen zu verschmelzen. Nach Menschen, die zu Hause sind und Aufkleber an die Türen kleben: Bullen draußen bleiben, ein Herz für Kinder. Raus aus dem Haus. Schließlich ist da das Haus “mit Mischung”. In ihm riecht es nach Wasserschaden, Durchzug und kaputtem Kohleofen. Selbstverständlich ist es ein “Laufhaus”. Es riecht nach Stress und Dingen, die man lieber unter den Teppichen lässt, unter die sie gekehrt wurden. Aus einem Fenster baumelt eine Deutschlandfahne. Wenn Stefan “Haus mit Mischung” sagt, meint er nicht die “gesunde” Mischung, von der Stadtplaner gern reden, sondern eine Mischung von verschiedensten Mietern, denen nur gemeinsam ist, dass sie in Ruhe gelassen werden wollen oder auf dem Wohnungsmarkt keine andere Bleibe finden. Es sind private Vermieter verdienen, folgenden Deal anbieten: Wir vermieten an Sie, egal wer Sie sind. Sie bezahlen Miete, egal in welchem Zustand Ihr Haus ist und egal, ob Ihr Nachbar eine freilaufende Vogelspinne hält. Die Vogelspinne wohnt im Erdgeschoss. Die Fenster sind verklebt. An der Tür hängt ein Schild: “Hier wache ich” und ein Foto des haarigen Tieres. “Unsere Alarmanlage ist leise, aber sehr wirksam.” Raus aus dem Haus. Die Soldiner Straße ist sonnig und warm. Drei Männer stehen an einem Stromkasten und trinken Bier.

Auf das Haus mit Mischung folgt eine der Burgen des Sozialen Wohnungsbaus. Stefan mag sie, weil sie unten in den Fluren eine Briefkastenanlage haben. Der Briefkastenturm sieht selbst wie ein Miniaturwohnblock aus. Man merkt erst, wie groß die Gebäude sind, wenn man drinnen steht. Im Stadtbild fallen diese Neubauten aus den achtziger Jahren kaum auf. Sie verschwinden, man vergisst sie einfach - obwohl hier sehr viele Menschen leben. An den Briefkästen stehen ausschließlich ausländische Namen, Arslan, Melek, Stefaniak wie Müller, Meyer, Schmidt. Anders als die Häuser mit “Mischung” werden die Sozialwohnungsburgen von Familien bewohnt. Die Wände in den Hausfluren sind lange nicht mehr gestrichen worden, es riecht nach Essen. Niemand züchtet freilaufende Vogelspinnen, niemand erzählt von zu Tode gestürzten Betrunkenen, die über die Fassade in ihre Wohnung klettern wollten. Im Flur liegen Räder von Kindern. Eine Mutter ruft.

Wieder Fassaden, Flure, Höfe, Gärten, Treppen. Häuser, in denen die Zeit stehen geblieben ist. Mit rosa Ölsockeln, alten Fliesen und Oberlichtern im Treppenhaus. “Es ist schön hier”, sage ich zu Stefan. Er sagt, er wisse nicht, ob es “schön” sei. Er habe Freunde hier und seine Freundin, mit der er bald zusammenzieht. Die Freundin habe kein Geld, um die Miete allein zu zahlen. Sie werden zu zweit nur einen Raum bewohnen, ihr Atelier mit Bett und Couch. Seine Freundin findet er schön, schön aber arm. Sie ist Künstlerin. Und schön ist der Garten im letzten Hinterhof. Wir machen Rast. Es ist ein Idyll. Ein Grilleckchen wird von Sträuchern gerahmt, es gibt Blumen und Gras. Der Soldiner Kiez ist eine heimliche Gartenstadt. Manche bauen in den Hinterhöfen Bohnen, Tomaten, sogar Kohlköpfe an. Es ist eine Ruhe fast wie auf dem Land. Dennoch muss ich an den Mann mit der freilaufenden Vogelspinne denken, wenn ich unsere Tour revue passieren lasse. Wie muss jemand sein, der hinter verklebten Fenstern mit einer Spinne lebt? Die Geschichte ist so unheimlich und fremd, dass sie haften bleibt. Mehr als alle “normalen” Häuser samt Gärtchen und Kohlkopffeld. Wenn ich an die Soldiner Straße denke, denke ich an den mit der Vogelspinne, an die Häuser, in denen es nach Wasserschaden riecht, an den Kerl, der sich mitsamt seiner Wohnung angezündet hat, weil er “keine Lust auf Räumungsklage” hatte.

Stefan hat im Atelier der Freundin Instantkaffee gemacht. Er bringt zwei dampfende Becher. “Willst du´n schnellen Kaffee?”, fragt er. Ich verbrenne mir den Mund und überlege, ob Stefan diese Gehetztheit nach Feierabend ablegen kann. Ich habe fünf Minuten Zeit, ihm Fragen zu stellen, vielleicht auch sechs oder sieben. “Was ist anders geworden, seit du hier hergezogen bist?” frage ich ihn. “Früher war mehr los”, sagt er. “Was heißt mehr los?” “Mehr Schlägereien, mehr Blaulicht vor Kneipen.” Jetzt sind es weniger Schlägereien geworden, weil es weniger Kneipen gibt. Früher gab es Spelunken des Typs “Altberliner Eckkneipe”, die ganze Soldiner Straße entlang. Zuletzt hat “Eulenhorst” dichtgemacht. Geschäfte haben geschlossen, so dass man jetzt im Viertel kaum noch einkaufen kann. Ruhiger ist es geworden, sagt Stefan. Eine merkwürdige Bilanz. “Es ist ruhiger geworden”, meint ein Weniger an allem. An Ärger und Polizeieinsätzen, an Kneipen, an Läden. Es klingt, als würde die Stadt hier aufhören, Stadt zu sein. Eine Verlandung.

Rainer sitzt auf der Bank. Und sorgt für Frieden

Der erste ist immer der Sonnenanbeter. Er sitzt hier, sobald die Sonne scheint. Dann kommt Marta, dann kommt Fred.

An der Soldiner Straße, direkt an der Panke, steht eine Bank. Sie ist im Halbkreis gebaut und bietet Platz für ein Dutzend Rastende. Am späten Nachmittag liegt die Sonne auf dem ausgeblichenen Holz, und der Sonnenbeter setzt seine Sonnenbrille mit rosa getönten Gläsern auf, so dass er aussieht wie ein Insekt.

Manchmal ist die runde Bank leer. Dann wieder wird sie belagert, wie Zuckerwasser von einem Wespenschwarm. Mal gehört sie ausschließlich bosnischen Frauen, die ihre Kinder hüten. Dann gehört sie den Türkinnen. Eine Bank ist ein Ort im öffentlichen Raum, aber öffentlich heißt nicht offen für alle, jederzeit. Wo sich viele den öffentlichen Raum teilen, weil weder Arbeit noch Tennisclub, noch nicht mal mehr “Eulenhorst” die Sphäre jenseits des Privaten aufteilt, werden umso schärfere, unsichtbare Grenzen gezogen. Das Belegungsrecht der Bank wird stets von Neuem ausgehandelt. Die Regel ist so: Ein Vertreter einer Gruppe setzt sich und macht so seinen Anspruch geltend.

Rainer, den man den Sonnenanbeter nennt, beginnt am Nachmittag gegen 15 Uhr die Bank zu umrunden. Wenn sie frei ist, setzt er sich. Dann streift er Hemd und Jeansweste ab, so dass man seine Tätowierungen sieht. Dann setzt er die Sonnenbrille auf. Das ist das Signal. Bald kommt Fred. Rainer streckt sich. Er braucht das Licht. Er nimmt es in sich auf, um davon zu zehren. Wenn Winter ist, wird er in seiner Wohnung sitzen und Holzarbeiten machen, damit die Hände ruhig bleiben - ganze fünf Monate lang. Aber jetzt ist Sommer, und Rainer tankt Licht.

Rainer kennt mich schon - vom Sehen, weil er viel draußen ist und das Terrain sondiert. Er weiß, dass ich, wie er, die Bank umrunde und Leuten Fragen stelle. Als ich mich zu ihm setze, hat er seinerseits Fragen - an mich. Er stellt sie der Reihe nach. Woher ich komme. Was ich hier tue. Weshalb. Ob ich Geld verdiene. Womit. Dann schweigt er mehrere Sekunden, lang, das Gesicht unbewegt, der Mund sehr schmal und fragt schließlich, als sei das die letzte aller Fragen, ob ich weggehen könne.

- “Weggehen. Wohin?”

“Ins Ausland”, sagt er; er hätte auch sagen können: ins Nirwana, ins Nichts, ins Irgendwohin. Ob er schon mal im Ausland war? In Marokko, gibt er zurück und erinnert sich: Wie er in Marokko sonnenversengt, abgebrannt, erschöpft und stinkend auf einer Schnellstraße entlang wanderte, Lastwagen donnerten an ihm vorbei, und er sich nichts sehnlicher wünschte, als wieder zu Hause zu sein. Wie er, endlich zurück in Berlin, bei einer Schlägerei ein Auge verlor. Wie er bald darauf von einem Gebäude sprang, nur die Äste eines Baums hielten ihn. Sie retteten sein Leben, das er nun behalten will. “Ich bin ruhiger geworden”, sagt er. Er wisse, dass Wünsche gefährlich sind.

Rainer ist mal Tischler gewesen, das heißt, er hat eine Ausbildung dazu gemacht. Er kann eine verworrene Geschichte darüber erzählen, wie es kam, dass er Junkie und nie Tischler geworden ist. Es könnte eine Schicksalsgeschichte sein: von Gewalt und einem Jungen, der flieht und nirgendwo ankommt. Aber Rainer erzählt keine Schicksalsgeschichte, weil es keinen Anfang und kein Ende gibt und auch keine Kausalitäten. Seine Geschichte beginnt irgendwo, spült ihn ins Jugendheim und ins Gefängnis und auch wieder hinaus. Es gibt nicht Gewalt zu Beginn, sondern Gewalt von jedem an jedem zu jeder Zeit. Es gibt keine Guten und keine Bösen, vielleicht weil Rainer sich nicht zu den Guten zählen würde. Es gibt nur eine relative Ruhe, die hat er hier in der Sonne auf der Bank.

Ruhe, sagt er, ist auf der runden Bank ein Gesetz.

Fred hat sich niedergelassen. Er sagt nicht “Hallo” oder “Schönen Tag”, sondern nickt nur kurz. Wenn die Nachmittagssonne sein Gesicht wärmer leuchten lässt, sieht er aus wie ein liebenswerter älterer Herr, der um die Augen tiefe Falten hat. Früher hat er gesoffen, sagt er, und es ist etwas Hartes um seinen Mund, Furchen, die nicht vom Altern kommen. Jetzt trinkt er nur noch Kaffee, sagt er, und wer will, kann es glauben. Er erzählt von der Bude, in der er lebt, einem Zimmer im Hinterhaus. Oft sei er draußen. Die langen Tage trieben ihn raus. Die Straße ist sein Hausflur, die Bank ist die Wohnzimmercouch.

Fred erzählt, und Rainer hört zu. Wenn einer spricht, hören die anderen zu. Auch das ist Gesetz. Jeder darf erzählen, jegliches, was aus den Mündern kommt. Es ist oft das Gleiche, dann sagt einer “ich weiß”. Alles ist erlaubt. Nur den Frieden darf es nicht stören. Fred erzählt, dass er das Grün der Bäume liebt, die ihre Zweige über die Bank breiten. Er sagt es tatsächlich so: “Ich liebe die Bäume, ich liebe das Grün von den Blättern.” Rainer spricht vom Heroinentzug.

Marta ist gekommen, eine schmale Frau mit blauen, irritierend großen Augen, die von langen, gebogenen Wimpern beschattet sind. Marta erzählt vom Stress, den sie mit ihrem Vermieter hat, Fred nickt, und Marta beginnt von vorn. Zwei weitere Frauen lassen sich nieder: Marianne und Cordula. Marianne ist dick und hat Brüste, die groß wie zwei Kaninchen sind. Sie schweigt und hockt wie ein rundlicher Stein in der Sonne, der nichts zu tun hat, als zu warten, bis die Mittagsglut ihn langsam wärmer werden lässt. Cordula erzählt: von ihrem Mann, der erschlagen worden sei, nicht weit von hier, nur weil er dieses Lied gesungen hat. Fred sagt “ich weiß”, und Rainer fährt hoch und baut sich drohend vor Cordula auf. Er schreit: “Hör auf, dieses Scheißgequatsche vom Tod!” Cordula hält inne, Fred beschwichtigt. Rainer setzt sich wieder. “Wir können nicht weg”, erklärt Fred, deshalb müsse Frieden sein. Er sagt es, als sei es ein Naturgesetz. Dass sie unter allen Umständen bleiben müssen. Und nur für solche, die für alles Gründe brauchen, nennt er noch Gründe dazu: Jobcenter, Vermieter, Wohnungsmarkt. Das Licht bricht durch die Baumkronen, die Fred liebt, Rainer lehnt sich zurück, biegt den Kopf nach hinten und atmet, als wenn er die Wärme einsaugen wollte.

Marta mit den blauen Augen sitzt neben Rainer. Sie trägt ein Sommerkleid bis übers Knie, unterhalb sind ihre dünnen, hellen Beine mit noch helleren Mullbinden umwickelt. Es sieht aus, als trüge sie im Sommer Stulpen. Vor einigen Tagen hat ein Mann sie hier über die Bank gestoßen - so dass die Kante ihre Haut aufschlug und das Blut an ihren Waden hinunter rann. Sie hatte ein Videogerät verkaufen wollen, hatte sich hier an der Bank mit einem Interessenten getroffen, dann kam es zu einem Streit. Der Mann wollte nicht zahlen, er wurde wütend, die Wut entlud sich. Und Marta flog über die Bank. Rainer saß neben ihr, an diesem Abend. Er hat Marta nicht geholfen, des Friedens wegen.

Rainer erzählt es, ungerührt, der Reihe nach. Er hat eine heisere Stimme, der kaum anzumerken ist, ob ihn etwas berührt. Nur manchmal wird er heftig, wenn er will, dass vom Tod geschwiegen wird. Rainer sagt, dass er den Mann nicht kannte, er könne wieder kommen und man wisse nicht, welche Freunde er hat. Er will nicht entschuldigt werden, Rainer, der sich nicht zu den Guten zählt. Marta hat längst das Thema gewechselt. Rainer soll ihr helfen, einen Schrank in ihre Wohnung zu tragen. Rainer wird ihr helfen, die Ruhe ist wieder hergestellt.

Rainer, Fred, Marta und Cordula leisten sich den Frieden nicht, sie brauchen ihn. Er lastet schwer und unbedingt. Es ist ein seltsamer Frieden, ein anderer als der, der über Siedlungen mit Einfamilienhäusern liegt Die Sonne steht tief und wärmt angenehm, lau, abendlich. Bald wird es dunkel werden. Rainer setzt seine Sonnenbrille ab.

Thomas beherrscht die Schwerelosigkeit

Thomas sieht die Soldiner Straße von oben. Er will immer ganz oben sein. Die Bude kann Öfen haben, Kohlenschleppen macht ihm nichts aus. Aber die Aussicht braucht er. Von seinem Wohnzimmer aus kann er die Straße übersehen, das Küchenfenster gibt den Blick auf die nördlichen Höfe frei. Er sieht die Mauersegler auffliegen, und manchmal landen Spatzen auf dem Fensterbrett, wo Thomas Futter streut. Und manchmal - es ist ein merkwürdiger Anblick - gleitet vor dem Fenster ein metallener Vogel vorbei, groß wie ein Flugtier aus der Urzeit, eine gepanzerte Flugechse, die in der Luft schwimmt, ohne einen Laut von sich zu geben. Sie befinden sich im Landeanflug Richtung Flughafen Tegel. Wenn der Wind aus Westen kommt, hört man sie nicht.

Nur einmal in seinem Leben hat Thomas unten gewohnt. Das war, als er mit 17 Jahren in Berlin ankam. Er war in diese Stadt gekommen, wie viele, weil er etwas suchte. Ein “Lebensgefühl” oder eine “Suche nach Freiheit” nennt er es. Freiheit von Herrschaft, von Normen, von Zwang. Ein Sog zog die, die es teilten, nach Berlin.

“Ich landete im Wedding”, sagt Thomas. Der Wohnungsmarkt war dicht, nur der Wedding war eine Einflugschneise, eine Landebahn. Und so wie die Gegenden um Bahnhöfe herum, sei er ein Ort des kurzfristigen Aufenthalts.

Thomas zog in die Opitzstraße nahe der Panke. Eigentlich, sagt er, mochte er es dort. Obgleich die Straße mit ihren schmuddeligen Häusern so leise und gewöhnlich war, dass sich kaum eine Erinnerung in Thomas Gedächtnis eingravierte. Er fühlte sich wohl, wie man sich in großen, aufwändig eingerichteten Wohnungen in der Küche wohl fühlt, gerade weil diesem Raum niemand allzu viel Beachtung schenkt. Thomas hätte gut bleiben können - hätte er nicht im Erdgeschoss gewohnt. Zwei Räume, zweiter Hinterhof. Kein Himmel, keine Aussicht. Kein Blick. Und vielleicht war auch klar, dass einer, der mit 17 in Berlin anreist, wo die Suche erst losgehen soll, nicht auf dem Bahnhofsvorplatz sitzen bleibt.

Thomas zog um in den Bezirk Schöneberg, wo die Hausbesetzer lebten. Er deckte ein Dach, setzte Fenster in Stand und beizte einen Schrank für die Gemeinschaftsküche ab. Er sah zu, als die Polizei den Schrank aus dem Fenster warf. Dann zog er nach Kreuzberg, dessen Bars auch kannte, wer in Lübeck lebte. Kreuzberg war ein Mythos, sagt Thomas. Von langen Nächten und jungen Wilden in Lokalen, die keine Sperrstunde kennen. Und der Mythos gebar einen neuen Mythos. Der Legende wegen, dass junge Wilde in Kreuzberg ein wildes Nachtleben führen, kommen immer neue junge Wilde, um ein Nachtleben zu führen - und so pflanzt sich die Sache fort. Thomas lebte in einer Wohngemeinschaft, bis er schon zu den Urgesteinen in der Straße zählte, er lernte die Langeweile kennen, die entsteht, wenn andere die Party weiterfeiern, derer man müde geworden ist. Und bald, sagt er, kam die Zeit, als er anderes suchte, als junge Leute, die einen Mythos suchen. Als die Sanierung der Wohnung vor der Tür stand und am lauen Leben der Wohngemeinschaft rüttelte, ließ er sich weg wehen, wie ein Blatt von einem Baum.

Er landete wieder im Wedding. Dort gab es Wohnungen, die seinen Vorstellungen entsprachen - anders als in Kreuzberg, wo für eine Bleibe im Dachgeschoss längst ein Vermögen zu zahlen war. Wie ein alter Greif, der über Erfahrung und viel Zeit verfügt und einen Platz für ein Nest für eine lange Dauer sucht, kreiste er um Weddinger Miethäuser. Oberste Etage, Blick weithin. Die Bude kann Öfen haben, Kohlen kann er tragen, Heizung einbauen notfalls auch. Er ist Hausbesetzer gewesen und hat auf dem Bau gejobbt. Seine Ruhe will er haben und Aussicht nach Westen und Osten. Den Tag beginnen und niedergehen sehen. So thront er jetzt da, und findet sich nicht bedauernswert, im Hartz IV Bezug, in der Soldiner Straße im fünften Stock.

Zunächst lernte Thomas seine Nachbarn kennen. Luis von gegenüber, der aus Portugal stammt, in Berlin auf Baustellen arbeitet, trinkt und verdorrte Topfpflanzen besitzt, zwei stille deutsche Jungs, die man nur hört, wenn sie auf ihren E-Gitarren proben. Die Prollfamilie im Stockwerk über ihm, Arslan, den Löwen, einen Dealer, der ganz unten wohnt und ein Junkymädchen unschätzbaren Alters, das bei ihm schnorrt, wenn sie abgebrannt ist. Er hat die thailändische Frau Birr aus der Wohnung unter ihm im Hausflur getroffen, ein paar Worte gewechselt und binnen Tagen den Aufstieg zum Berater in verschieden Lebenslagen geschafft. - Ob er alleine sei? - Weshalb? - Sie sei alleine. - Ah, ja. - Herr Birr sei gestorben. - Weshalb? - Vielleicht zuviel Alkohol. - Und nun? - Sie braucht einen neuen Mann.

Sie treffen sich in ihrer Wohnung, die ebenso wie Thomas eigene geformt ist - nur der Einrichtungsstil unterscheidet sich. Zwischen Bhudda-Altären und Eichenfurniermobiliar gehen sie nun täglich die Heiratsannoncen durch. Thomas besorgt die richtigen Zeitungen, mit dem seriösen Heiratsmarkt, dann erstellen sie ein Wunschprofil und entwickeln Suchkriterien. Sie finden einen Ehemann für Frau Birr - er ist schon älter, verfügt über eine Rente und hat eine Gehbehinderung. Sie lernen einander kennen, heiraten und bilden eine perfekte Symbiose.

Frau Birr, in ihre erste Ehe als typische Thai-Import-Braut eingekauft, war durch den längeren Atem als klare Gewinnerin aus der Liason hervorgegangen. Sie bezieht jetzt eine solide Witwenrente, die sie mit einem Putzjob kombiniert. Die Rente des neuen Ehemanns und dessen ruhiges Naturell bieten beste Bedingungen, das Birrsche Glück zu vollenden. Frau Birr fliegt oft nach Thailand, wo sie hohes Ansehen genießt. Thomas ist stolz, weil er zu diesem Glück ja beigetragen hat, und pflegt eine nachbarschaftliche Freundschaft zu der kleinen, schmalen, schwarzhaarigen Frau. Irgendwann verschwindet das Ehepaar Birr. Sie waren nach Thailand geflogen, als die Bilder der Tsunami-Katastrophe im Fernsehen zu sehen sind.

Thomas trauert um die Birrs, von denen er nicht weiß, ob sie in Thailand ein Haus gekauft haben oder in einer Welle umgekommen sind. Das Leben in der Soldiner Straße geht derweilen seinen Gang. Arslan hat Schwierigkeiten mit der Polizei, weil er den deutschen Behördendschungel nicht begriffen hat - meint, er könne Hartz IV beziehen, bekommt die Bezüge nicht, hat in Erwartung des Geldes jedoch bereits verschiedene Telefonverträge abgeschlossen. Er hat Schulden, die Sache verheddert sich. Thomas versucht, sich nützlich zu machen. Besorgt einen Anwalt für diesen, schreibt einen Brief für jenen. Und wenn er nach Hause kommt, steht da Arnold im Hausflur, der die Briefkästen zählt. “Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs …”, zählt er, sehr langsam und bedächtig. Wenn er nicht sicher ist, ob er sich verzählt hat, beginnt er von vorn. Arnold hat ein Gesicht, glatt wie ein Kind und einen Gang wie ein älterer Herr. Er ist immer freundlich, lässt niemanden in seine Wohnung, “wegen der Sicherheit”, und wenn er von der Arbeit kommt, will er Gewissheit haben, dass die Anzahl der Briefkästen stimmt. Arnold ist der einzige Bewohner, der einer geregelten Arbeit nachgeht: Er ist bei Siemens in einer Werkstatt für Behinderte angestellt.

Thomas beginnt, diese Gegend zu mögen, die von so vielen bewohnt, bespielt und begangen - und von so wenigen geschätzt und geachtet wird. Wie in einer Wohnung die Küche, in der die Gebrauchsmöbel stehen. Er mag, dass man sich nicht schick macht, um auf die Straße zu gehen. Man kommt nicht einmal auf die Idee, die Schuhe zu wechseln, wenn man zum Bäcker geht. Und der Bäcker würde nicht eine Augenbraue heben, wenn man halb nackt oder bemalt oder betrunken wäre, weil es nichts gibt, was er noch nicht gesehen hätte.

Die “Freiräume”, frei von Zwang - die er suchte, als er in die Stadt der Wünsche kam -, gibt es hier. In der Bahnhofsgegend. In der manche landen, um bald wieder aufzufliegen und andere stranden. Die Flugversuche und Niedergänge, die Bruchlandungen setzen Normen außer Kraft. Aber anders, als die jungen Wilden es erträumen, denn man hat keine Party zu feiern. Man lebt hier, gemeinsam ist nur, dass man angewiesen ist auf denselben entsicherten Raum. Arnold und Arslan, Thomas und Frau Birr, Stefan und Shadi, Rainer und Marta und Fred

Im entsicherten Raum entsteht ein eigenartiges Lebensgefühl - es ist leicht genug für die einen und zu schwer für die anderen. Die einen fliehen es, den anderen ist es nur ein Fehlen von Widerstand, die Voraussetzung, zu bestehen. Eine Leichtigkeit, fast Schwerelosigkeit. Zugleich eine permanente Gegenwart von jedem, der täglich seine E-Gitarre probt, sein Bier trinkt, die Briefkästen zählt, seine Sonnenblumenkerne auf die Straße spuckt. Eine Reibung, eine leichte, allgegenwärtige Nervenbelastung, die ermüdet, wenn man versucht, ihr zu entkommen, durch aufwändiges Rudern gegen den Strom. Manche lernen, wie ein Fisch in diesem Fluidum zu schwimmen. Mancher hat es in dieser Kunst bis zur Perfektion gebracht. Es gibt bemerkenswert wenige Zusammenstöße in diesem Gebiet, sagt Thomas.

Vor dem Küchenfenster schwebt ein Flugzeug im Landeanflug.

 

erschienen im “Freitag”