Für die Ewigkeit

Prora auf Rügen ist ein 950-Seelendorf. Und doch verfügt der Ort über zwei Bahnhöfe. Prora und Prora Ost. Wir sind in Prora Ost angekommen. Der einzige Fahrgast, der mit uns ausgestiegen ist, klärt uns auf: Das Zentrum liegt fast eine Stunde Fußmarsch von hier entfernt. Er weist uns die Richtung, es sei nicht zu verfehlen. Immer geradeaus führt der Weg über gesprungene Betonplatten. Rechter Hand erstreckt sich ein einziger grauverputzter Bau - verlassen, so weit das Auge reicht. Unwillkürlich beschleunigt sich der Schritt, aber solange man auch geht, das Bild ändert sich nicht: sechs Geschosse, graue Fassade, immer die gleichen Fensterreihen. Als wäre hier ein Irrer am Werk gewesen. Hin und wieder sind Schilder angebracht wie “Döner Kebap, zwei Kilometer”. Leicht verschossene Plakate kündigen ein “großes historisches Prora-Museum” an.

Das tote Haus rechts von uns hätte einmal Hitlers “größtes Seebad” werden sollen. 20.000 Menschen sollten hier gleichzeitig Urlaub machen - Zimmer an Zimmer, alle mit Blick aufs Meer. Die Gigantomanie scheiterte. Nach Kriegsausbruch wurde der Bau gestoppt. Als man später die Nationale Volksarmee (NVA) in Prora unterbrachte, wurden die “Bettenhäuser” billig und schnell zu Ende gebaut. Statt elfenbeinfarben bekam die Fassade einen steingrauen Putz, statt KdF (”Kraft durch Freude”)-Bad wurde Prora zur Kaserne. In eine ehemalige Siedlung für Dienstpersonal zogen NVA-Beschäftigte mit ihren Familien. Bis die NVA nach der Wende abgewickelt wurde.

Seitdem währt eine nicht enden wollende Diskussion um den “Koloss von Rügen”. Die Dimensionen Proras überfordern ebenso wie die Frage nach einem angemessenen Umgang mit dem Nazi-Erbe. Den “Koloss” abreißen? Ganz Prora zum Mahnmal erklären? Ein Gesamtkonzept für eine “behutsame” Entwicklung mit einem Kombipack aus Gedenken und softem Tourismus ging vor den Ausmaßen der Anlage in die Knie. Fast viereinhalb Kilometer Leerstand verschreckten jeden Investor - fünf von sechs langgestreckten Blocks sind ungenutzt, manche Gebäude sind Ruinen. Mittlerweile will die Eigentümerin, die Bundesfinanzdirektion, nur noch verkaufen, auch “scheibchenweise”, wenn es anders nicht geht. Aber der letzte Großinvestor Euromar, den Prora zu Träumen von Massentourismus mit Ballermann inspiriert hatte, warf erst vergangenen März das Handtuch.

Während alle großen Pläne scheiterten, hat Prora in “Block 3″, dem einzig belebten Teil des Seebads, eine ganz eigene Blüte hervorgebracht: eine sogenannte “Kulturmeile” mit mehreren Laienmuseen und diversen Kulturangeboten. Viele, deren Brot früher die Armee war, haben nun in der Kultur- und Tourismusbranche ihre Aufgabe gefunden, erfinden ihr Leben neu oder schlagen sich irgendwie durch. Das Konzept “Leben und arbeiten in Prora” gibt es auch heute noch - unter veränderten Bedingungen.

“Das ist Stahlbeton, Stahl armiert, Wotan!”, schwärmt ein wuchtiger Mann, braungebrannt, mit grauen Schläfen und schwarzer schmaler Sonnenbrille. Wir haben inzwischen Proras Kulturmeile erreicht und uns vor dem “großen historischen Prora Museum” einer Führung angeschlossen. Herr Kaufmann, unser Führer, zeigt ein Namensschild an seiner Weste. “Unverrottbar, unkaputtbar, kaum zu sprengen!” bellt er. Das sei für die Ewigkeit gebaut. Mit einem Zeigestock klopft er an den grauen Stein der ehemaligen Kaserne. Sein dicker Goldring blitzt in der Sonne. Herr Kaufmann ist ehemaliger NVA-Offizier aus Prora. Heute ist er arbeitslos und lebt im benachbarten Binz. Doch seine Kaserne scheint ihn nicht loszulassen. Jedes Wochenende fährt er hin, steigt von seinem Motorrad und marschiert mit schweren Schritten an der kleinen Truppe vorbei, die sich vor dem Museum versammelt hat. Herr Kaufmann erzählt von früher, von der Überlegenheit der NVA und dass über Prora heute nur noch schlecht geredet würde.”Die klugen Köpfe, die meinen, hinter jeder Säule lauert das Böse.” Schließlich erreicht sein Trüppchen den Strand. Er deutet auf die Ostsee, auf Binz und auf den entfernten Turm des Jagdschlosses Granitz. “Und wo ist Prora geblieben?”, donnert er gegen den Seewind an. Prora ist nicht mehr zu sehen. Ein Kiefernwäldchen ist so hochgewachsen, dass der “Koloss von Rügen” weder vom Meer noch von der Straße aus sichtbar ist.

Auch Uwe Schwartz, der im “historischen Prora-Museum” Eintrittskarten verkauft, ist ehemaliger Offizier. “Sehen Sie sich doch nur die Siedlung an”, meint er. Die Armee sei der Lebensmittelpunkt fast aller ihrer Bewohner gewesen. Viele lebten in der Vergangenheit und seien verbittert, was aus Prora geworden sei. Die Siedlung liegt landseitig hinter den KdF-Bauten. Es gibt nur wenige schnurgerade Straßen, ein kleines Postamt und einen Lebensmittelladen. Die Häuser haben geziegelte Satteldächer und stehen in Reih und Glied. Ihre Gärten sind gepflegt, mit Zierblumen und gemähtem Rasen. In einem dieser Häuser, wohnt Mandy Relius. Mandy ist 17. Als sie mit ihren Eltern nach Prora zog, war sie sechs. Sie erinnert sich noch gut daran, wie es war, als sie hier ankamen. Damals war Prora noch Kasernengelände und militärisches Sperrgebiet. Die NVA war gerade ausgezogen. Das lange graue Haus kam ihr riesig vor, ein Haus ohne Anfang und Ende. Für die KdF-Geschichte interessierten sich die Kinder kaum, sie war nicht präsent. Unheimlich waren Mandy die vielen Absperrungen und Verbotsschilder. Vor der leeren Kaserne gab es noch ein Eisentor. “Wir hatten großen Respekt vor diesem Tor”, erzählt sie, “nie hätten wir gewagt, in das Haus einzusteigen”. Irgendwann war das Tor verschwunden.

Heute arbeitet Mandy im “Geisterhaus” von damals. Im Prora-Museum steht sie mit Uwe Schwartz gemeinsam an der Kasse. Bevor die Museen öffneten, sagt sie, habe sie sich nicht vorstellen können, dass man das Haus wirklich betreten könne.

Dass Prora heute offen ist, sei manchen Proranern zuviel - vor allem den älteren, die seit NVA-Zeiten im Dorf lebten, sagt Mandy. “Sie beschweren sich über den Durchgangsverkehr der Touristen und über die Jugendlichen aus Binz, die mit ihren Mofas zur Disko Miami fahren”. Manchmal denkt sie, die Leute wollten Prora am liebsten wieder abriegeln, sie wünschten sich vielleicht das graue Eisentor zurück.

Die NVA hängt wie ein Gespenst über der kleinen Welt Prora. Am schwarzen Brett an der Bushaltestelle sind die Geburtstage zweier älterer Damen angeschlagen, die Volkssolidarität gratuliert. Ihre Namen kenne ich bereits aus meinen Recherchen über Prora. Beide sind Offiziersehefrauen. “Töpfern mit Herrn Kern” ist ein weiteres Angebot der Volkssolidarität.

Auch Herr Kern hat in Prora gedient. Er trägt einen grauen Lockenschopf, hat ein gutmütiges Gesicht und ist ein wenig untersetzt. Als wir ihn besuchen, sitzt er in einem Erdgeschossraum seiner ehemaligen Kaserne, den er sich zur “kleinen Töpferei” ausgebaut hat - mit Töpferscheibe und Brennofen. Im Eingangsbereich schmücken Fischernetze und Trockengestecke den Raum. Herr Kern lebt heute davon, Keramikfigürchen zu verkaufen, an Touristen, die es kreativ lieben. Aber auch andere Aufträge nimmt er an. Gerade arbeitet er an einem Flaschenregal aus Keramik für seine Freunde, die Ex-Offiziere aus dem benachbarten NVA-Museum. Und am Wochende töpfert er mit den älteren Offiziersdamen aus der Siedlung. In Prora gedient haben scheinbar fast alle hier - auch “Sigi”, der im Obdachlosenquartier wohnt und manche, die heute beim Wachschutz arbeiten.

“Viele haben die Wende als Revolution bezeichnet. Ich würde sie eher als “Rotation” beschreiben”, meint Uwe Schwartz aus dem Prora-Museum. “Wir wurden alle durcheinandergeschleudert und fanden uns nach einigen Jahren an einem neuen Platz wieder.”

In Prora möchte Uwe Schwartz bleiben. Vielleicht nicht für immer, aber für die nächsten Jahre bestimmt. Dass hier viele das selbe Schicksal teilen, sei eine Erleichterung für ihn. “Das hilft schon”, sagt er. Auch wenn die “Strategien der Vergangenheitsbewältigung” doch recht unterschiedlich ausfielen und manche noch so rückwärtsgewandt und noch so kauzig seien.

Die “Kulturmeile” im “Block 3″ ist ein Mikrokosmos. Am buntesten und auffälligsten nimmt sich das sogenannte “NVA-Museum” aus. “Einmalig, einzigartig, historisch, original, objektiv”, lautet eine Eigenwerbung. Und: “Zwanzig Fernsehteams bestätigen: sehr informativ”. Drinnen wird der Besucher mit einer wüsten Sammlung von Militärerinnerungsstücken konfrontiert, Gasmasken und Nudelkellen. Das Sortiment der Aluminiumlöffel der ehemaligen Kaserne scheint vollständig ausgestellt zu sein. Vieles stammt aus der Privatsammlung eines Mitarbeiters. Aber das ist nicht alles. In der Fülle von Räumen ist ebenso Platz für Rügen-Kunst, eine Ausstellung über die Binzer Feuerwehr und ein Wiener Kaffee mit gerafften Vorhängen - in dem nichts an Wien erinnert. Das Café Blickwinkel, ein paar Eingänge weiter, verkauft Trödel und NVA-Devotionalien. Dazwischen stehen einige Bistrotische. Und heute Abend wird hier Tucholsky gelesen. Noch ein Stück weiter liegt das “Dokumentationszentrum Prora”. Hier residiert Jürgen Rostock mit einer Ausstellung zur KdF-Geschichte Proras. Er lebt in Berlin und ist bei den Betreibern der Museen nicht gut gelitten. Einerseits, weil er später gekommen ist und konkurriert, andererseits, weil er ihnen rundweg Unwissenschaftlichkeit vorwirft.

Das soziale Zentrum ist der Imbiss bei Andy. Hier treffen sich die Exmilitärs des NVA-Museums auf einen Whisky. Aber auch Sigi ist Stammgast und trinkt auf Spezialpreis.

Ganz am Ende des Gebäudetrakts, kurz vor einem Durchgang zum Meer, haben die Exoten des “Blocks 3″ ihr Quartier: Die Künstlerkolonie “Prorandum”. Rosaria Russo, eine aus Italien stammende Fotografin, erklärt, sie sei die einzige weibliche Mieterin - im gesamten Gebäude. Klaus Böllhoff, ein anderer Künstler, der hier sein Atelier hat, brät gerade Pommes Frites in einer Pfanne. Mit den anderen Leuten hier kämen sie im Grunde gut klar, meint Rosa. Die beiden nennen ihre Nachbarn liebevoll “die Offiziere”. Als sie nach Prora kamen, haben die Künstler die dankbare Aufgabe erfüllt, beim “Imbiss Andy” für neuen Gesprächsstoff zu sorgen. Zum Beispiel darüber, ob sie ihre Miete bezahlen könnten. “Unser Vorteil heute ist, dass wir niemandem in die Suppe spucken und ein neutrales Terrain besetzen”, sagt Rosa. “Wir sind so etwas wie die Schweizer Botschaft.”

Mittlerweile ist es Abend geworden. Wir machen uns auf den Rückweg. Diesmal nehmen wir den Weg am Strand entlang. Die herbstliche Ostsee klatscht gleichförmig an den Badestrand. Am andern Ende von Prora liegt die Räucherfischbude bei Harry - quasi das Nachbarhaus des viereinhalb Kilometer langen KdF-Bads. Harry schiebt uns mürrisch einen gebratenen Fisch durch die Luke. “Prora heute, so ein Quatsch”, brummt er. “Du musst dich für die Geschichte interessieren.” Harrys Papa war Fallschirmjäger in Prora. Und Harry kennt den Zugang zum U-Boothafen, den Hitler unterirdisch angelegen ließ. “Prora heute”, ärgert er sich noch mal, “da ist überhaupt nichts!” Eine Frau aus der Siedlung, die an Harrys Bude Bier trinkt, schüttelt den Kopf. “Harry, mich gibt es doch. Ich wohne doch in Prora, auf Adolfs Betonfußboden. Und an den Wänden habe ich Schimmel.” Harry glaubt es nicht. Aber wenn wir morgen noch mal vorbeikommen, zeigt er uns einen Einstieg in Proras Kellerlabyrinth.

 

erschienen im “Freitag”