Heiß oder lauwarm?

Wer im Stadtbad Charlottenburg an der Kasse eine Karte für “ein Mal Baden” verlangt, dem schiebt die Kassiererin routiniert ein Billet für vier Euro durch ihre Luke. Es berechtigt, mit vielen anderen gemeinsam im Becken der Hauptschwimmhalle zu baden. Hier rivalisieren Mütter mit Kleinkindern, Schüler, Rentner und bahnenziehende Schwimmsportler um jeden Kubikmeter blaues Wasser. Das Geschrei der Badegäste hallt an den schönen, mosaikverzierten Kacheln wider.

Wer es ruhig liebt und sein Badebassin nicht mit anderen Leibern teilen will, der wählt im Stadtbad Charlottenburg an der Kasse “einmal Wannenbad”. Für drei Euro darf man nun die “Reinigungsabteilung” des Stadtbads betreten.

An warmen Nachmittagen ist es hier still. Die Badewärterin reicht bei Bedarf ein Päckchen Badezusatz und ein Handtuch mit der Aufschrift “Land Berlin” und weist eine Kabine zu. Links ist ein Bänkchen für Kleider angeschraubt, an den Kacheln klebt ein Häkchen für das Handtuch, rechts steht eine Badewanne mit altmodischem Wasserhahn. Während sich die Wanne langsam füllt, sind die einzigen anderen Geräusche das gleichförmige Prasseln einer Dusche und das Rauschen aus der Kabine nebenan, wo ein anderer Mensch zeitgleich Badewasser einlässt. Ob er auch wartet, bis das Wasser genau bis zum Bauchnabel reicht? Die Badedauer von vierzig Minuten lässt Zeit für Fragen. Mann oder Frau? Lektüre oder nicht? Heiß oder lauwarm?

Es stellt sich heraus, dass es sich um einen Mann Mitte dreißig handelt, der niemals Lektüre mit zum Baden nimmt. Er liebt das Baden in der Wanne pur, mit ganz heißem Badewasser. Anschließend fühlt man sich so richtig - gereinigt, anders als nach der Katzenwäsche Waschbecken. Seine Wohnung im Friedrichshain ist unsaniert und besitzt weder Dusche noch Bad. Zwei Mal in der Woche legt er mit dem Rad die ganze Strecke nach Charlottenburg zurück, um in einer der letzen öffentlichen Wannen Berlins zu baden. Sonst geht er nie ins Schwimmbad. Baden als Sport - er schüttelt sich.

Tatsächlich gibt es in Berlin ein Gesetz, das dem Mann aus Friedrichshain seine Körperhygiene in einem Stadtbad zubilligt. Es besagt, dass der Bevölkerung zur “Daseinsvorsorge” das Schwimmen - einschließlich der “Reinigung” in einer öffentlichen Badeanstalt ermöglicht werden muss.

Doch die Stadt unterhält für ihre Bürger im Ganzen nur noch sieben Duschkabinen und drei öffentliche Badewannen. Und die stehen in der Krummen Straße in Charlottenburg. Trotz dieses Mangels an städtischen Wannen soll den Berlinern künftig die Reinigung noch schwerer gemacht werden. Es sei absehbar, dass die Reinigungsabteilung des Stadtbads Charlottenburg in den nächsten Jahren schließen wird, erklärt der Sprecher der Berliner Bäderbetriebe. Denn das öffentliche Wannenbad verschlinge zu viel Geld. Bereits in den Jahren 2001 und 2002 schmolz der Zuschuss für die städtischen Bäder aus dem Landeshaushalt beträchtlich zusammen: zunächst gab es siebeneinhalb Millionen Mark weniger und gleich im Anschluss wurden weitere sechs Millionen gekürzt. Weil das ständige Erhitzen des Badewassers besonders teuer kommt, gerieten vor allem die Reinigungsabteilungen der Stadtbäder bald auf die Sparliste. In Neukölln, in Mitte, in Prenzlauer Berg und in der Kreuzberger Baerwaldstraße stehen nun die trockenen Badewannen in dunklen Kabinen.

Und in diesem Jahr wäre es fast auch um die letzten drei Wannen geschehen gewesen. Um Haaresbreite hat das Stadtbad Charlottenburg eine neue Sparwelle überstanden. Zehn Stadtbäder sollten in diesem Jahr geschlossen werden - ursprünglich auch das Charlottenburger Bad, samt seiner Reinigungsabteilung. Dass hier die letzte Gelegenheit besteht, “zur Daseinsvorsorge” zu duschen und zu baden, spielte bei der Entscheidung eine geringe Rolle, erklärt der Sprecher der Bäderbetriebe. Längerfristig sehe er für die Badewannen keine Chance. Die kommenden Jahre brächten noch rigidere Kürzungen - voraussichtlich pro Jahr je weitere zwei Millionen. Im Frühjahr hat die Regierung im Zuge der Haushaltsentlastung einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der den Passus der “Reinigung” als “Daseinsvorsorge” streicht.

Hans Deuter, der eben im öffentlichen Wannenbad 40 Minuten gebadet hat, findet das traurig. Er sitzt unter dem Münzfön für fünf Cent und fönt sein weißes Haar. Er lebt in Tempelhof, liebt das Baden und ist regelmäßiger Gast. Bis zu dessen Schließung war seine Anlaufstelle das Reinigungsbad im benachbarten Neukölln. Nun ist der Weg ins Badezimmer für ihn noch weiter geworden. Doch das macht Deuter wenig aus. Er hat Zeit. Allein dass irgendwo in Berlin noch ein Vollbad für ihn bereit steht, liegt ihm am Herzen, sagt er. Die Wärme macht es. Als voriges Jahr die Schließungen der Reinigungsabteilungen sämtlicher Stadtbäder anstanden, hat er sogar persönlich bei Klaus Böger vorgesprochen, um sich nach der Zukunft der Badewannen zu erkundigen. Doch der machte ihm keine großen Hoffnungen. Alles nur noch eine Frage der Zeit. Leider. Deuter lächelt wie einer, der schon öfter erlebt hat, dass die Zeiten sich ändern und föhnt weiter seine weißen Haare.

Früher, so kann sich auch eine ältere Dame erinnern, die gerade mit Handtuchturban eine Duschkabine verlässt, sei es viel üblicher und erheblich billiger gewesen, im Schwimmbad duschen oder baden zu gehen - sie selbst habe das nie anders gekannt. Die Abteilung mit den Wannen und Duschen erstreckte sich über mehrere Stockwerke. Für Frauen und Männer gab es separate Abteilungen. Die Frauenabteilung habe dort gelegen, wo heute ein Restaurant “Badewanne” ein Wannenschlemmermenü für fast zehn Euro anbietet. In den oberen Etagen sind heute Sauna und Solarium untergebracht.

Die Idee vom richtigen Baden hat sich über die Jahrzehnte gründlich geändert. Als vor 120 Jahren das erste städtische Bad in Tiergarten eröffnete, ging es nicht um Sport, schon gar nicht um Freizeit, sondern in erster Linie um die Reinigung. Zuvor hatten Berliner Ärzte privat Reinigungsbäder und “künstliche” Bäder mit diversen Kräuter-, Schwefel und Salzzusätzen angeboten. Doch als die Stadt rasant wuchs und die meisten Wohnungen noch keine Waschgelegenheiten besaßen, entschieden die Stadtväter unter Wilhelm II., öffentliche Bäder einzurichten - um “Volkskrankheiten zu vermeiden” und die “allgemeine sittliche Hebung” zu fördern. Männer und Frauen badeten strikt getrennt.

Erst sehr viel später kam die Idee auf, dass Baden sportliche Ertüchtigung sein könnte. Als erstes öffentliches Berliner Bad bekam 1930 das Stadtbad Mitte eine 50-Meter-Bahn. Die erste öffentliche Anstalt, die in Berlin das Baden zum Freizeitspaß erklärte, war das Kreuzberger Spreewaldbad. Warmbadetage, Plastikbotanik, Spielgeräte im Becken und Pommesbude vor der Familienplansche weichten Kaiser Wilhelms Idee von Hygiene und sittlicher Hebung restlos auf.

So bleibt das Wannenbad im Stadtbad Charlottenburg die letzte Bastion der wilhelminischen Volksreinigungsidee. Ihre Bedeutung für den Alltag der Berliner schwindet - zumindest quantitativ. Hatten 1950 in Westberlin noch 50 Prozent der Haushalte keine eigenen Badezimmer, liegt die Quote “ohne Bad” heute in Ostberlin bei etwa fünf Prozent, in Westberlin dürfte sie geringer sein. Ins öffentliche Reinigungsbad kommt nur noch eine eingeschworene Gemeinde.

Und so weit ist es gekommen, dass der Senator Klaus Böger dem passionierten Badegast Deuter glattweg erklärt, das öffentliche Wannenbaden sei unhygienisch - weil so viele Menschen nacheinander dieselbe Wanne benutzten. So berichtet Deuter und schüttelt nur den Kopf, denn schließlich putzt die Badewärterin gewissenhaft jede Wanne nach jedem Bad.

In die Reinigungsabteilung im Stadtbad Charlottenburg kommen heute vor allem ältere Leute. In jeder Kabine ist eine Schnur mit Plastikgriff angebracht. Falls jemandem die Hitze auf den Kreislauf schlägt, kann er so Alarm auslösen. Eine Glocke schrillt und draußen leuchtet eine Warnlampe. Die Badewärterin steht meist geduldig da und bewacht die zehn Kabinen. Doch bisher sei noch nie etwas passiert, sagt sie. Eine Dame, die regelmäßig zum Duschen kommt, meint dennoch, dass sie aus Sicherheitsgründen die öffentliche Dusche nimmt. Sollte sie doch mal ausrutschen, weiß sie, dass die Frau im Bäderbetriebe-Shirt gleich zu Hilfe käme. Auch das ist noch nie passiert. Trotzdem - ein Vertrauensjob.

Die meisten ihrer Badegäste kennt die Wärterin. Es sind etwa 30 bis 40 am Tag, je nach Jahreszeit. Im Winter sind es mehr - und fast alle wollen in eine der drei Badewannen. Wenn ein Gast eine Kabine belegt, schreibt sie mit Kreide die Uhrzeit neben die Kabinentür. Ist die Zeit abgelaufen, klopft sie. Und wenn ein älterer Mensch im Bad mal ein bisschen länger braucht, drückt sie ein Auge zu. Öffnet sich die Tür einer Badekabine, steigt eine Wolke Dampf auf. Die Wärterin ist sofort zur Stelle. Noch während sich die Leute am Münzautomat die Haare föhnen, wischt sie mit ihrem Aufnehmer die Fliesen und schrubbt mit der rauen Seite ihres Schaumstoffschwamms gründlich die Porzellanwanne. Fertig fürs nächste Bad.

 

erschienen im “Freitag”