Das letzte Fest der neuen Hosen

Heute endet der Winterschlussverkauf, der letzte Winterschlussverkauf der deutschen Geschichte. Hätten wir uns das je vorstellen können? Deutschland ohne den Schlussverkauf? Die Abkürzungen SSV und WSV plötzlich ohne Sinn? Bei Karstadt erschallen aus den Lautsprechern wie zum Trotz noch euphorisch übersteuerte Männerstimmen, die den “WSV” anpreisen. Als wäre “WSV” ein stehender Begriff und würde es immer bleiben. “Der WSV bei Karstadt … . 500 Kindershirts für nur fünf Euro.” Dann eine Menge, die tosend applaudiert. Wer mit geschlossenen Augen zwischen den Kleiderständern steht, könnte meinen, die Hölle wäre los. Wenn er die Augen öffnet, sieht er eine einzelne Frau, die missmutig an einem der angepriesenen Kindershirts herumzupft. Die Shirts auf dem Warentisch sind fast alle noch ordentlich gefaltet. Keine Konkurrenten. Keine Meute, keine Ellbogen, die der zupfenden Frau in die Seite knuffen, keine Hände, die ihr ein mintgrünes Kindershirt entreißen wollen. Der Applaus aus den Lautsprechern schaltet sich ab. Zurück bleibt textilgedämpfte Karstadtlärmkulisse. “Ja, ich bin enttäuscht”, sagt ein Rentner, der die Rolltreppe emporgefahren kommt. “Es ist nicht mehr wie früher.” Ob es an den Preisen liegt? Die Waren zu teuer? Der Herr schüttelt den Kopf. Er denkt nicht an die Preise, er nimmt Abschied.

Den Abschied läutet ein Gesetz ein, das im Frühjahr rechtskräftig wird. Es heißt “UWG” Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb. Es wird den Händlern verbieten, in einer gemeinsamen Großaktion alle Warenlager aller Warenhäuser gleichzeitig zu räumen und alle Ladenhüter spottbillig auf den Markt zu werfen. Das Merkwürdige ist, dass vor fast hundert Jahren, im Jahr 1911, ein großer gemeinsamer Schlussverkauf mit dem gleichen Argument eingeführt wurde, das ihn heute abschafft. Damals wie heute hieß es: Die Lager müssen geräumt, unfairer Wettbewerb aber muss unterbunden werden. Damals hieß es, nur wenn alle Händler zugleich ihre Ladenhüter abstoßen, könne kein großer Händler einen kleinen ausbooten und alle hätten gleichermaßen etwas davon. Heute heißt es, gerade ein gemeinsamer Schlussverkauf sei besonders ungerecht. Denn die Großhersteller profitierten einseitig von Rabatten, böten Billigwaren nur noch für den Schlussverkauf an, betrögen die Kunden.

Der Schlussverkauf war ein Ritual, zweimal jährlich. Eines, das die untergegangene BRD hervorgebracht hat. Nach vielen verschiedenen Rabattgesetzen wurde in Westdeutschland im Jahr 1950 der erste richtige, große und gesetzlich verankerte Schlussverkauf eingeführt. Als ein kollektives Ereignis des Konsums für jedermann. In einer Nachricht von 1954 heißt es, der Winterschlussverkauf ende nun nach 12 Tagen. Wegen einer Kältewelle seien Winterartikel besonders gefragt gewesen. Es ist von Vätern ohne hohe Einkommen die Rede, die sich einen Tag frei nehmen, um die Familie von Kopf bis Fuß frisch einzukleiden. Ein rührendes Bild. Gelebte Utopie sozialer Gerechtigkeit, die es im wirklichen Alltag nie gibt. Man sieht sie vor sich, die braven Väter mit Hüten, die ihre mageren Kinder in frische Hosen stecken. Ein bisschen wie Weihnachten im Februar.

Doch der Schlussverkauf verdirbt mit der alternden BRD. Aus dem Fest der neuen Hosen für die arme Leute wird bald die entfesselte Lust an Konsum und Maßlosigkeit als kollektives Erlebnis. Die BRD hatte an Massendemonstrationen wenig zu bieten, keine Paraden, keinen Republikgeburtstag. Aber sie hatte die Schlussverkäufe als sich selbst steuernde Massenereignisse, bei denen das Volk sich als Träger einer Konsumgesellschaft erleben durfte. Der Kampf um die Waren wurde fühlbar. Die Konsumgesellschaft war noch immer auf Partizipation angelegt, alle durften teilnehmen. Das Massenereignis setzte Hemmschwellen außer Kraft, die jährlich über den Bildschirm flimmernden Nachrichten über Sommer- und Winterschlussverkäufe zeigten den schieren Ausbruch von Anarchie im Kaufhaus. Die Schlacht am Wühltisch um Büstenhalter und Sockenpakete wurde zum Synonym für den Schlussverkauf. Selbst Außenseiter durften mitmachen.

Punks, Hausbesetzer, linke Asketen, die sich sonst in protestantischer Enthaltsamkeit allenfalls eine neue Jeans zulegen, dürfen im Schlussverkauf, gemeinsam mit allen anderen, alles auf einmal kaufen. Denn es ist ja nur zum SSV und WSV so billig. Und das System ist einfach und für jeden verständlich: Alles ist überall gleichermaßen heruntergesetzt.

Nun ist das Ende eingeläutet. Historisch überfällig und längst überlebt wird das Ritual Schlussverkauf nun faktisch abgeschafft, verboten, qua Rabattgesetz. Der letzte gelebte Schlussverkauf - nur noch ein Abgesang. Trotz gebotener Preissenkungen von bis zu 70 Prozent auf den Marktflächen von Karstadt ist es ein müdes Herumklauben in der Ware. Menschen, die nicht mehr gemeinsam wühlen und kämpfen wollen. Die fühlen, dass es vorbei ist. Da geht ein älterer Mann in verblichener Jeansjacke mit einem Akkuschrauber zur Kasse, ist bereits nach wenigen Minuten dran und fragt die Kassiererin, ob er zusätzlich zum WSV-Rabatt noch seine persönlich gesammelten Happy-Digits anwenden kann. Die Karstadtfachkraft lächelt anerkennend. Der Jeansjackenträger ist ganz weit vorn. Er hat ein Tengelmann-Kaisers-Happy-Digits- Konto angelegt, ein Formular ausgefüllt und dafür eine Karte erhalten, auf der er Rabattpunkte sammelt - Happy-Digits. Er muss nur darauf achten, ob das Geschäft seiner Wahl der Tengelmanngruppe angehört. Der Mann ist gut organisiert und hervorragend informiert. Sein Akkuschrauber befindet auf der Karstadtliste der Happy-Digits-Rabattfähigen Waren und es gibt sogar eine Sonderprämie. Der günstige Konsum gehört lange nicht mehr allen. Er gehört nur noch den Besten. Den Qualifizierten unter den Jägern und Sammlern.