Sie stehen mit Ihren Füßen darauf

Ich glaube, es ist vergessen. Was vergessen ist, sieht man nicht mehr. Es ist unsichtbar geworden, obwohl es noch da ist - im Boden eingelassen. Wer darüber ginge, würde es mit seinen Sohlen berühren. Die meisten jedoch gehen ein Stück weiter links, an der Fassade der Commerzbank entlang, so dass es zu keiner Berührung kommt. Vielleicht gehen Fußgänger ja immer lieber nah an den Hauswänden und meiden den äußeren Bereich der Bürgersteige.

Im vergangenen Winter bin ich dort gewesen, bei Schneegestöber, und wollte es fotografieren. Zwei Stunden lang bin ich dort herumgepirscht, habe durch den Sucher gesehen. Habe mit bloßen Augen die Passanten beobachtet. Sie blicken meist geradeaus, ins Leere, wie man eben so schaut, wenn man geht. Andererseits - würde da ein Geldschein am Rande des Gehsteigs liegen, sofort sähe jemand hin und bückte sich, um ihn aufzuheben.

Es ist eine kleine Erhebung im Bürgersteig an der Potsdamer Straße. Kommt man von Norden, hat man die kreuzende Kurfürstenstraße eben hinter sich gelassen und sieht schon die U-Bahnstation Bülowstraße. Die Straße und die Gehwege sind breit an dieser Stelle, fast wie am Kurfürstendamm. Dort hat jemand fünf Gehwegplatten aus dem Bürgersteig gelöst. Die Lücke bildet die Form eines Kreuzes. Dieser Hohlraum wurde mit Zement ausgegossen und mit dem Finger in die noch feuchte Masse geschrieben: Klaus Jürgen Rattay. 22.9.1981. Die Buchstaben sehen rundlich aus, das Y ist ein wenig nach hinten geneigt.

Ich habe denjenigen nicht gekannt, der da mit dem Finger diesen Namen geschrieben hat. Aber ich hätte ihn kennen können. Es war Zufall, dass ich nicht mitbekam, dass jemand Zement besorgen wollte.

Klaus Jürgen Rattay habe ich gekannt, ich habe ihn kennen gelernt, ganz kurz bevor er starb. Er war um die 20, so wie ich. Wir haben in der Nacht zuvor im Hof eines Hauses in der Winterfeldstraße an einem Feuer gesessen. Es war eines dieser Häuser, die besetzt worden waren, um sie vor dem Abriss zu bewahren. Wir erwarteten in diesen Tagen, dass sie räumen würden, dass es zu einer Art Kampf käme, vielleicht. Es war so eine Ruhe vor dem Sturm, eine beklommene Atmosphäre und der Feuerschein auf den Gesichtern. Im Morgengrauen blieb es so seltsam lautlos, wie in Watte gepackt. Die Polizei rückte an, und es war eine solche Übermacht, dass jedermann aufgab, bevor irgendetwas angefangen hätte. Es war einfach vorbei, und alle wussten das.

Kurz danach ist das mit Rattay passiert. Es war helle Aufregung - und zugleich dasselbe Wie-in-Watte-Gefühl. Bleiern irgendwie. Unser Innensenator Lummer hat eine Pressekonferenz gegeben, um seinen Sieg auszurufen. Auf einem Balkon in der Bülowstraße stand er und sah herab. Drunter stand ein kleiner Pulk und schlug Krach. Sie pfiffen mit Trillerpfeifen. Man lärmt noch ein bisschen herum und schlägt mit den Flügeln, wenn man doch weiß, dass man gerade klein beigegeben hat. Lummer störte das, er bedeutete der Polizei, sie möge den Pulk vertreiben. Die Polizisten parierten und trieben die Leute fort, und weil kein Platz zum Ausweichen vorhanden war, trieben sie die Flüchtenden auf die Potsdamer Straße, in den strömenden Verkehr. Dann war Geschrei, weil man nicht glaubt, dass einer einfach so stirbt. Und die Aufregung und die nackte, unwiderrufliche Tatsache, dass der, der eben noch lebte, plötzlich nicht mehr lebt, passten nicht zusammen.

Dann hörte man den Namen Rattay überall. Schlagzeilen, Titelgeschichten, der Spiegel hielt seine Druckmaschinen an. Klaus Jürgen Rattay wurde über Nacht bekannt. Aber nicht als Mensch, sondern als Hausbesetzer. “Hausbesetzer” las man, und “Sympathisanten” - und irgendwie war es eine große Geschichte, und zugleich zählte es nicht. Der Tod Rattays ist nie wie ein Fall untersucht worden, bei dem schlicht ein Mensch umgekommen ist. Es wurden keine Spuren gesichert, wie sonst bei einem Verkehrsunfall. Es gab auch keinen Prozess.

Deshalb, glaube ich, wollten wir ein Zeichen setzen. Es war nie so besprochen worden, aber ich meine, das war der Grund. Ein Jahr, nachdem Rattay gestorben war, hieß es plötzlich, dass welche über Nacht einen Gedenkstein oder etwas Ähnliches setzen wollten. Irgendwer besorgte Zement. Es ist ja tatsächlich ein Kreuz geworden. Fünf ausgelöste Gehwegplatten, eine mittlere, eine oben, eine unten und zwei an den Seiten. Ausgegossen mit der formbaren Masse war es ein Kruzifix. Man braucht eine Form. Am Morgen darauf brachten alle ihre persönliche Ehrerbietung. Rosen, Astern, Chrysanthemen. Wenn es um Formen geht, ist man plötzlich konventionell. Man legt Blumen nieder. Man hält sich an Jahrestage. Es waren viele gekommen, sie standen schüchtern herum, es war wie eine Totenfeier, nur dass kein Pastor anwesend war. Und dann zeigte uns die Polizei, dass sie unser Zeichen ernst nahm: Die Polizisten zertrampelten sämtliche Blumen mit ihren Stiefeln. Dass sie das taten, hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht.

In der folgenden Zeit kam ich jeden Morgen an Rattays Kreuz vorbei, wenn ich zur Arbeit ging. Ich arbeitete für eine Fotoagentur. Bülowstraße stieg ich aus, überquerte die Straße und ging die Potsdamer entlang. Linker Hand lag die kleine Erhebung aus Zement mit dem dilletantisch eingeschriebenen Namenszug nahe einem Stromkasten. Sie war immer da. Wenn sich der 22. September jährte, legte ich eine Rose hin. Es wurde so etwas wie ein Heiligtum. An den Jahrestagen lagen dort viele Sträuße, wie an Ehrenmalen. Die Sträuße türmten sich an dem Stromkasten empor.

Eigentlich hatten wir fest damit gerechnet, dass das Kreuz sehr bald wieder entfernt werden würde - weil es Wildwuchs war, und weil es dem Senat politisch doch ein Dorn im Auge gewesen sein muss. Wir rechneten damit, dass die Polizei es zerstören oder dass man schlicht den Gehweg reparieren würde. Nichts von beidem geschah. Das Kreuz ist einfach geblieben. Mitte der achtziger Jahre haben Bauarbeiter direkt daneben den Bürgersteig aufgerissen, um neue Telefonleitungen zu verlegen. Das Kreuz blieb unversehrt. Ich habe einen Bauarbeiter gefragt, ob ihm die Sache mit Rattay etwas sage, und ob sie das Kreuz deshalb verschonten. Er sagte, nein, keine Ahnung, wer der Rattay wäre, aber es sei halt ein Kreuz, und es gäbe auch keinen Grund, genau dort das Loch auszuschachten.

Einige Jahre später brach man wieder den Gehweg auf, um Tiefbauarbeiten durchzuführen. Diesmal war es Wasser oder Gas. Der Graben war breiter und tiefer als zuvor und reichte unmittelbar an die Stelle heran. Von Frühling bis Herbst ruhte Rattays Namenszug unter einem großen Erdhügel, und ich dachte mir, diesmal erneuere man ganz gewiss die Gehwegplatten, sobald die Erde wieder abgetragen würde. Doch eines Morgens war der Hügel weggeschaufelt und der Bürgersteig gefegt. Rattay war wieder zum Vorschein gekommen. Das Kreuz hatte zwei ungleichmäßige Risse bekommen, die ihm ein wenig Patina verliehen, und es gefiel mir eigentlich besser als zuvor.

Im letzten September überkam es mich - ich wollte sehen, ob das Kreuz noch immer an seinem Platz geblieben wäre. Ich bin mittlerweile nach Hamburg gezogen. So fuhr ich nach Berlin, stieg Bahnhof Zoo aus, wechselte in die U2, verließ Bülowstraße die Hochbahn und schlug meinen alten, gewohnten Weg ein. Das Kreuz gab es noch. Es hatte noch ein paar weitere Risse bekommen. Ein alter Bekannter, der überraschend zu Haus ist, schneit man nach Jahren vorbei - ein paar Spuren der Zeit im Gesicht. Ich fragte mich, warum es noch da war. Fast ein Vierteljahrhundert war vergangen, seit jemand bei Nacht Zement besorgt hatte. Berlin ist unterdessen Hauptstadt geworden, die Potsdamer Straße ist Magistrale in Richtung Potsdamer Platz, Bundestag und Kanzleramt. Warum hat es nie jemand weggeräumt? Ist irgendetwas gewonnen worden? Wenn unser Zeichen bestanden hat, müsste doch irgendetwas geglückt sein? Unser Mal, mit dem wir gedenken oder erinnern wollten - ja, was eigentlich? Erinnern, dass dieser Mensch an diesem Septembertag hier zu Tode kam. An die Umstände, unter denen das geschah.

Das Kreuz kauerte da wie schlafend im Bürgersteig. Klein genug, dass man es übersehen kann, wenn man es nicht sucht - und groß genug, dass man es ebenso gut bemerken kann. Ich legte meine Blume auf den Namenszug. Es lag noch keine weitere da. Der Wachschützer vor der Commerzbank fragte mich, was ich da täte. Ich zeigte ihm das Kreuz und erzählte ihm die Geschichte dazu. Er sagte, er stünde jeden Tag vor der Bank, aber er habe es noch nie zuvor gesehen.

Ich blieb eine ganze Weile dort, sah den Fußgängern zu, die meist seitlich an Rattay vorübergehen. Als endlich eine Dame in weiten Hosen und weichen Lederschuhen selbstvergessen direkt über Rattays Namen schritt, sagte ich: “Halt. Bleiben Sie stehen. Haben Sie dieses Kreuz unter Ihren Füßen bemerkt?” Sie sah an ihren Beinen herab und sagte, nein, das habe sie nicht.

Das kleine Kreuz ist unsichtbar geworden. Ich glaube, das ist die einzige Erklärung dafür, weshalb es noch vorhanden ist. Selbst der Straßenbaubehörde fällt nicht mehr auf, dass da etwas ist, was nicht dort hingehört. Es ruht da im Boden, schräg hinter dem alten Stromkasten, als könne es noch hundert Jahre überdauern. Das Y ist ein wenig nach hinten geneigt, und die Linde daneben wirft ihre Schatten. Vormittags einen kürzeren, nachmittags einen längeren.

 

Dieses Protokoll geht auf einen Telefonanruf in der Redaktion zurück. Das Telefonat, in dem der Fotograf Rainer Raeder der Redakteurin empfehlen wollte, zum 22. September an den Tod Klaus Jürgen Rattays zu erinnern, dauerte mehrere Stunden. Es entstand dieser Text, der von Tina Veihelmann aufgezeichnet wurde.