Im Nebel

“Wollen Sie die Brille im Alltag tragen?”, hatte mich die Optikerin gefragt, als feststand, dass für mich ein Führerschein nur mit Sehhilfe zu haben war. Ich hatte nicht gleich verstanden, was sie meinte, denn wo sonst als im Alltag sollte man eine Brille tragen? Nicht alle Menschen lieben es, alles so scharf zu sehen, hatte sie erklärt und mich durch ihre schöne Brille ernst angesehen. Ich wählte zerstreut ein Horngestell und kam am folgenden Tag wieder, um die fertige Sehhilfe abzuholen. Ich setzte die Brille auf, sah in den Spiegel und bemerkte ein Haar, das an meinem Kinn wuchs. Ein feines, helles Haar, etwa vier Millimeter lang. Nahm ich die Brille ab, war es nicht mehr da. Ich setzte die Brille wieder auf, verließ das Geschäft, trat auf die Straße und blickte um mich. Es war ein Schlag ins Gesicht. Binnen Sekunden begriff ich, weshalb so viele Menschen auf das Tragen einer Brille verzichten.

Die Wirklichkeit, so wie sie ist, ist eine Zumutung. Man sollte seine Brille tragen, wenn man ins Museum geht und die Details eines Kunstwerks dem Auge ein Genuss sind. Auf der Straße sollte man durch einen weichen Nebel zerflossener Konturen schwimmen und sich an den Menschen erfeuen, deren Gesichter, nur zart hingetupft sind und rosig und frisch erscheinen. Die Vorstellung ergänzt das Fehlende, ein Reiz auf den ich nicht mehr verzichten mag.

Ich verstand mit einem Mal, was eine Bekannte mir erzählt hatte, die aus Warschau stammt. Wenn ich nach Hause komme, sagte sie, sind die ersten Tage schwer zu ertragen. Wenn ich im Bus sitze, wenn ich Bahn fahre, überall wird gesprochen, und ich verstehe jedes einzelne Wort. Ich bin gezwungen, mitanzuhören, was all diese Leute reden. Es ist so viel schöner, ein Pärchen auf der Bank gegenüber leise sprechen zu hören, in dem Glauben sie tauschten zarte, liebe Worte aus, als einem Gespräch über den Verkauf einer Immobilie zu folgen. Man muss nicht alles wissen. Man muss nicht alles sehen. Und man muss nicht alles verstehen.

 

erschienen im Freitag 06, 08.02.2008