Brautschau

… Taras ist Geschäftsmann, “Buzinessman”, wie er selbst sagt und ist darauf angewiesen, wegen allerlei Handel im westlichen Europa zu reisen. Weil er in der Urkaine eine Schule mit Deutschunterricht besucht hat, war ihm die Idee gekommen, in Deutschland nach einer geeigneten Partnerin zu suchen. Nicht zuletzt versprach das den günstigen Nebeneffekt, dass er sich nicht mehr mit Visa-Angelegenheiten herumzuärgern bräuchte. Ich warnte ihn, die deutschen Frauen seien in ihren Vorstellungen eigen, aber Taras sagte, man müsse die Dinge nur wollen.

Nachdem Taras angekommen war, fand er sich schnell zurecht. Schon am zweiten Tag hatte er so ziemlich alle Wege zwischen Kreuzberg, Neukölln und dem Alexanderplatz zu Fuß zurückgelegt, um eine bessere Orientierung zu gewinnen, wusste, wo es Gra-tisstadtpläne gab, wo eine PC-Verlosung stattfand und zu welchen Zeiten man in der Schwimmhalle verbilligt schwimmen konnte. Morgens, wenn ich aufstand, kam Taras bereits vom Bahnenziehen zurück und verlangte nach Aufgaben für den Tag. Dann machte ich mich auf den Weg zur Arbeit und Taras ging zur Post, zum Einkaufen oder zur Reinigung und traf zwischendurch mögliche Bräute, die er im Internet gefunden hatte. Abends brodelte töpfeweise Borschtsch auf dem Herd. Ich gewöhnte mich schnell an das Leben mit Taras. Seine Brautschau misslang derweilen gründlich - Abend für Abend beschwerte er sich bitter über die mangelnde Spontanität und Begeisterungsfähigkeit deutscher Frauen und erklärte mir vieles über Frauen, Buziness und die ukrainische Mentalität. Aber wir machten beide das Beste draus.

Am Wochenende planten wir einen gemeinsamen Ausflug in die Stadt. Viel konnte ich ihm nicht mehr zeigen, denn das meiste hatte Taras bereits selbst besichtigt, indem er die Stadt systematisch mit Linienbussen abgefahren war. Dennoch kam er gehorsam mit zum Brandenburger Tor, gab zu, dass er sich das berühmte Bauwerk imposanter vorgestellt hatte, und dann gingen wir ein bisschen spazieren. Wenn man Tourist in der eigenen Stadt ist, betrachtet man alles, was man sonst für selbstverständlich nimmt, mit einer kritischen Distanz und findet prompt an allem einen Mangel. Die U-Bahnhöfe scheinen schmutzig, die Straßen schäbig, sogar die Spree fließt zu langsam dahin. Hinzu kommen die Makel, auf die der Gast hinweist. Am Checkpoint Charlie sieht Taras einen verkleideten russischen Soldaten. “Das ist einer von uns!”, ruft er aus. Dann nähert er sich ihm, umrundet den Soldaten und stellt fest: “Aber nichts stimmt. Die Hose ist die eines Infantristen, die Jacke die eines Fallschirmspringers aus dem zweiten Weltkrieg und die Orden sind vom Konsomol.” Wo der wohl herkommt? Wir fragen ihn. Er stammt aus der Türkei, betont aber nachdrücklich, Berliner zu sein. Am Reichstag stutzt Taras abermals angesichts der Graffiti der Roten Armee, die seit der Renovierung hinter Glas ausgestellt sind. “Ich ficke Hitler in den Arsch”, liest er fassungslos. “Und nicht mal richtig geschrieben.” Ich versuche, zu scherzen: Dieses Graffiti sei in einem Buch für Berlintouristen mit: “Ich wünsche mir eine Gitarre” übersetzt worden. Taras schüttelt nur den Kopf. “Das hätte man doch wegputzen können”, sagt er.

erschienen im “Freitag”