Gemütlich für die Fledermäuse

Rattattatt rattatt rattattattattatt. Ein Maschinengewehr. Piotrek schießt durch eine MG-Scharte. Er geht in Deckung. Dann gibt er wieder Feuer. Durch die Scharte sind Weizenfelder zu sehen, die Sonne flimmert. Weit und breit kein Feind. Zbyszek, ein Mann mit einem Bürstenschnitt, zieht Piotrek am Ärmel. “Komm, es reicht jetzt”, sagt er. Piotrek wäre gern noch ein bisschen “der Deutsche” gewesen, und hätte MG-Salven auf das Lebuser Land abgegeben.

Das Lebuser Land - oder Wojewóztwo Lubuskie - ist eine schöne Landschaft im Westen Polens, mit sanften Hügeln, Feldern, Wiesen und Seen. Wer hier wandert, trifft unverhofft auf metallene Höcker, die scheinbar sinnlos auf grasbewachsenen Hügeln pappen. Von weitem sehen sie aus wie Brustwarzen. Wer näher tritt, bemerkt einen Kranz von Schießscharten an den Seiten. Aus ihnen heraus dringt kalte Luft, die muffig riecht, nach Beton. Hinter einer dieser Scharten sitzt Piotrek und hat weite Sicht auf das Land, auf Ähren oder Feinde. Unter seinem Sitz führt eine Leiter herab in einen Schacht, dann eine Wendeltreppe, dann noch eine. Zbyszek und Piotrek steigen hinunter, Treppe für Treppe wird es kälter. Unten ist ein hoher Gang. Es hallt, wenn man spricht. Piotrek ist noch immer der Deutsche, aber er friert jetzt, denn es sind nur noch acht Grad plus. Zbyszeks Stimme hallt von Betonwänden wider. Er erzählt die Geschichte vom Ostwall, der unterirdischen deutschen Burg, die wie Termitengänge das Land unterhöhlt. Allenthalben führen Sonden nach oben, die wie Schnorchel aus der Erde ragen, oben ein Ausguck, eine Metallwarze und Scharten für Flammenwerfer und Maschinengewehre. Unten gibt es Hallen, hoch wie Kirchen, Lager für Munition, Schienen für eine Eisenbahn, Bahnhöfe, Kasernen. Von morgens bis abends kann man gehen, ohne die Sonne zu sehen.

Piotrek marschiert tapfer voran und leuchtet mit seiner Taschenlampe gegen die Dunkelheit. Das Schwarz weicht ein Stück zurück und schließt sich wieder hinter ihm. Wegleuchten kann man die Dunkelheit nie, nur immer weiter hineinmarschieren. Zbyszek geht hinter Piotrek, er braucht keine Lampe, er kennt den Weg blind.

Der Deutsche ließ die Gänge in die Erde graben, um ein Bollwerk gegen den Osten zu bauen. Das Städtchen, in dem Zbyszek und Piotrek wohnen, hieß damals Meseritz. Das Lebuser Land war deutsch. Östlich davon begann Polen. Zu Hindenburgs Zeiten ließ man gegen die östliche Gefahr erste kleine Bunker mauern. Adolf Hitler machte Nägel mit Köpfen und plante ein “Wunder der Technik”, eine Art Maginotlinie in Nord-Südrichtung mit Panzerwerken aus deutschem Spezialstahl. Der “Ostwall”, hieß es, würde “einem Angriff unbegrenzt lange widerstehen”.

Es sollte anders kommen. Als Hitler seinen Überfall auf Polen plante, ließ er die Bauarbeiten einstellen. Wozu brauchte er noch einen Ostwall, wenn alles germanisches Reich werden sollte? Die Termitengänge unter den Lebuser Hügeln wurden vergessen, die Metallwarzen wärmte sommers die Sonne, im Winter trugen sie weiße Mützen. Sonst passierte nicht viel. Erst 1945, als die russische Front auf dem Vormarsch war, erinnerte man sich an den Ostwall. In aller Eile wurden Einheiten des “Volkssturms” stationiert, um “den Russen” abzuhalten. Doch in der Nacht vom 29. Januar 1945 fuhr die 44. sowjetische Panzerbrigade einfach vorbei. Sie brauchte dazu etwa zwei Stunden. Die zwölfjährigen Jungs vom Volkssturm hatten zu ihrem Glück nichts davon bemerkt, denn sie saßen tief unten in Hitlers Betonlabyrinth auf Strohsäcken und froren. Wenig später wurde der Ostwall polnisch.

Bald entdeckten die neuen Bewohner des Städtchens Meseritz den Ostwall für sich. Meseritz hieß nun Miedzyrzecz und seine neuen Bürger kamen aus dem heutigen Weißrussland und der Ukraine. In Hitlers Labyrinth fanden sie Munition und Altmetall, das sich in Zloty umsetzen ließ. Hitlers Spezialstahl brachte einen guten Kilopreis. Sie fanden Tische, Lampen und Decken, die man gut für zu Hause gebrauchen konnte. Sogar eine Geige bargen sie. Und eines Tages fanden sie einen Schatz: Jemand entdeckte eine Stelle, die mit Ziegeln vermauert war, statt mit Beton. Als er mit einer Hacke pickelte, bröselte der Putz und die Mauer brach. Dahinter tat sich eine Höhle auf, darin lagen Bilder in goldenen Rahmen. Es war der Kunstschatz der Stadt Posen, den man im Krieg hier eingelagert hatte. Die Leute aus Miedzyrzecz waren begeistert und zogen mit ihren Spitzhacken los, um noch mehr Schätze zu bergen. Doch sie fanden keine mehr.

Zbyszek und Piotrek sind wieder über der Erde. Sie haben sich an einer der grünen Metallkuppeln niedergelassen und wärmen sich den Rücken am sonnenerwärmten Metall. “Die Bunker sind nicht umsonst gebaut worden”, sagt Zbyszek. Etwas Zärtliches liegt in seiner Stimme. Er erzählt, dass der Ostwall das größte Fledermausreservat Polens sei. Hitlers Spezialbeton ist so perfekt angemischt, dass die Tierchen im Schlaf niemals feuchte Krallen kriegen, selbst wenn über ihnen eine Wasserader fließt. 40.000 Fledermäuse überwintern hier, 20 verschiedene Arten!

Zbyszek verdient sein Geld, indem er deutsche und polnische Reisegruppen im Ostwall herumführt. Er wandert mit ihnen untertage, zeigt ihnen seine Fledermäuse und die Wunder der Technik. Die Deutschen bringen mehr Geld und stellen mehr Fragen zur Technik. Die Bauern aus der Gegend schlagen eher praktische Umnutzungen vor: Man könnte in den Bunkern Kartoffeln lagern oder Champignons züchten. “Die Bunker”, nennen die Leute aus Miedzyrzecz und den Dörfern den “Ostwall”. Man ist stolz darauf, dass man ihn hier hat. Es sei die “beeindruckendste Verteidigungsanlage auf polnischem Boden” haben Ortsansässige in einen Prospekt für Touristen geschrieben. Die Touristen können am Ende der Führung kleine Bunkerkuppeln in Keramik kaufen. Sie pappen je auf einem Hügelchen, das grün lackiert ist wie das Lebuser Land. “Grüße aus Miedzyrzecz” steht in Schreibschrift darauf.

Zbyszek interessiert sich nicht erst seit er mit ihnen Geschäfte macht für die Bunker. Als kleiner Junge schon ist er in den unterirdischen Gängen herumgestiefelt. Damals bedeuteten sie ihm eine eigene Welt, einen Rückzugsort. Man konnte sozusagen von der Erdoberfläche verschwinden, wenn man wollte. Als Jugendliche haben sie hier ihre Mutproben abgelegt. Es gab Stellen, an denen es steil hinunter ging, Gänge, die unter Wasser standen. Man konnte sich verlaufen. Sie unternahmen Tageswanderungen im Dunkeln, übernachteten mit Schlafsäcken unter der Erde und imponierten den Mädchen. An verabredeten Stellen hinterließen sie sich geheime Botschaften. Sie waren eine Clique. Die nannte sich “die Bunkerleute”. Zbyszek, Maly, der Kleine und Rusky, der immer eine russische Offiziersmütze trug. Auch Zbyszeks erste Freundin gehörte dazu.

Als im Jahr 1987 plötzlich der Plan auf dem Tisch lag, aus dem Ostwall ein Endlager für Atommüll zu machen, waren die Bunkerleute aufs Höchste alarmiert. Es war eine unruhige Zeit, in der man auch in Miedzyrzecz merkte, dass es in Polen politisch gärte. Die Bunkerleute trommelten gegen das Endlager für Atommüll und organisierten Proteste im Städtchen. Bald skandierte man auch politische Parolen - und Hitlers Höhlenlabyrinth wurde noch einmal zur eigenen geheimen Welt. Hier trafen sich nun die, die anders sein wollten, andere Kleidung trugen und andere Musik hörten. Zbyszek war 18 und er war begeistert. Er verbrachte noch mehr Zeit unter der Erde als zuvor. Nun organisierte er Konzerte in den unterirdischen Hallen. Es gab Gitarrenmusik unplugged und Lieder mit politischer Botschaft. Bald wuchsen sich diese Konzerte zu kleinen Festivals aus und ein paar Hundert Leute aus dem ganzen Land schliefen und feierten in den Bunkern. Bei diesen Happenings malten namenlose Künstler Jimmi Hendrix und schöne Frauen an den Beton. “Galerie” nennt Zbyszek diese Bilder und zeigt sie heute gern seinen Reisegruppen. Dort, wo sie übernachtet haben, hat jemand “Hotel” an die Wand gesprüht. Die Bunkerleute kümmerten sich um alles. Um die Sauberkeit in den Bunkern, ebenso wie um den Widerstand gegen das Endlager für Atommüll. Sie forderten “Bunkry dla Bunkrowców”: Die Bunker den Bunkerleuten.

Eines Tages beschloss Maly, der Kleine, im Ostwall zu wohnen. Er beheizte das “Hotel” mit einer Gaskartusche und lebte dort zwei Jahre lang, zusammen mit seinem Hund Walesa. Kalt war ihnen nicht, sagt Maly. Die Schlafräume für Soldaten waren ja so gebaut, dass man sie heizen konnte. Und einsam sei es auch nicht gewesen, sie hatten ja jede Menge Besuch. Einmal wurde Maly vor Gericht gestellt. Die Offiziellen hatten seinen Einstieg mit Stacheldraht versperrt, so dass er ihn wieder frei machen musste. “Ich habe ihnen gesagt, dass es das nirgendwo gibt, dass einem der Zugang zu Haus und Hof versperrt wird”, sagt er. “Und dass man für sein Haus Sorge tragen muss.” Die Bunkerleute haben schließlich gewonnen. Maly durfte im Bunker leben, weil die Behörden müde wurden, sich mit ihm herum zu streiten, und das Endlager für Atommüll wurde nicht eingerichtet weil Hitlers Hohlgänge weder tief genug noch dicht genug dazu waren.

So blieb die beeindruckendste Verteidigungsanlage auf polnischem Boden den Leuten aus Miedzyrzecz erhalten. Sie feierten bereits eine Hochzeit darin, und zeitweise gab es unterirdisch eine Kapelle. Die Clique der Bunkerleute trägt noch heute Sorge für die Bunker. Einer von ihnen hat sich auf Zeichnungen von Festungsanlagen spezialisiert und hat den heimischen Ostwall kartographiert. Minutiös. Sogar Nachttöpfe sind auf den filigranen Innenansichten des Ostwalls zu sehen. Rusky, der noch immer seine Mütze trägt und keine feste Arbeit hat, trommelt von Zeit zu Zeit die alte Clique zusammen, um den Müll aus den Hohlgängen zu tragen. Subbotnik nennt er das. Eine jüngere Gruppe von Bunkrowców ist mittlerweile herangewachsen, die mit den alten Bunkerleuten einen kleinen Generationenkonflikt austrägt. Es geht dabei hauptsächlich um Musik und um die Sauberkeit in den Bunkern.

Einmal im Jahr laden die Leute aus Miedzyrzecz zu den Ostwallspielen ein. Dann reisen aus ganz Polen junge Männer an, um im Ostwall Deutsche zu spielen, die die östliche Gefahr bekämpfen. Gekämpft wird ohne Munition. Das Abfeuern der Waffen wird gestisch und mimisch dargestellt. Rattattattattatt rattattattattatt. Wenn einer stirbt, lässt er sich theatralisch in die Wiesen fallen. Rusky ist immer der Russe, seiner Mütze wegen. Zbyszek dagegen spielt lieber den Deutschen.

Zbyszek hat große Pläne. Er will demnächst kombinierte Bunkertouren anbieten, mit Höhlenwanderung, Fledermäusen, Kajak fahren und Pilze sammeln im Lebuser Land. Er ist schon dabei, eine Firma zu gründen. Vielleicht kommt auch Ponyreiten dazu, sagt er. So ein Hauch von Country Western, das könnte doch auch gut zum Ostwall passen. Ostwalltouren könnte man es nennen. So bringen die Deutschen vielleicht ein bisschen Geld nach Miedzyrzecz.

 

erschienen im “Freitag”