Denkmal aus grobem Stein

Den Osten, heißt es, soll man mit dem Zug bereisen, damit man seine Weite spürt. Eben noch sind wir durch Polen gefahren. Jetzt stehen die schneebedeckten Birken hinter dem Zugfenster in Weißrussland. Alles, was wir darüber wissen, teilt sich uns über Gedrucktes mit. Wir lesen, während die Eisenräder auf den Gleisen singen, vom letzten Land, das sich weigert, die Kolchosen zu privatisieren. Die Menschen werden in dem Glauben gehalten, die Kolchosen seien gut für sie. Sie lieben ihren Diktator Alexander Lukaschenko, weil sie von der Welt nichts wissen - weil sie unser Gedrucktes nicht lesen dürfen. Von den Wäldern hinter dem Zugfenster steht darin nichts. Sie verschwinden hinter den Berichten, die Texte lenken den Blick ab. Ihre Botschaften sind uns vertrauter. Das Land soll geweckt, befreit, aufgerüttelt werden. Die Lichtboten sind wir: Europa, der Westen. Der nächste Halt ist Brest.

Im Bahnhof hallen Stiefelschritte. Ein Zöllner hat uns unser Gedrucktes abgenommen. “Es dürfen keine Informationen ins Land”, sagt er. Wir fühlen uns in unserer Erwartung bestätigt. Die Menschen in Weißrussland sollen nichts von uns wissen. Ein wenig irritiert sind wir doch, weil wir nicht zurückgeschickt werden. Westliche Journalisten, hatten wir gelesen, würden nicht selten ausgewiesen. Jetzt stehen wir da - ein Stapel Lukaschenkos kritischer Schriften, Presseausweise und Mikrofone liegen auf einem blanken Tisch. Der Zöllner, ein ruhiger junger Mann mit glatt rasiertem Gesicht, sagt: “Journalisten”. Und: “Entschuldigen Sie, dass wir Sie so lange aufgehalten haben. Sehen Sie sich Brest an. Eine interessante Stadt.” Unsere Aufnahmegeräte dürfen wir behalten. Dass Informationen über Belarus aus dem Land gehen, scheint nicht verboten zu sein. Wir wissen noch nicht, dass es dennoch unmöglich ist. Nicht wegen Lukaschenko, sondern unseretwegen.

Wir stehen vor der Brester “Festung”, die auf mehreren Inseln im Bug errichtet wurde. Ein gigantisches Portal in Form eines fünfzackigen Sterns. Ein Metronom tickt, dann tönt ein Lautsprecher, Radio Moskau vom 22. Juni 1941: “Heute Morgen um vier Uhr hat Deutschland ohne Kriegserklärung die Grenze der Sowjetunion überschritten.” Nichts sollte je wieder so sein wie zuvor. Weißrussland wurde so gut wie ausgelöscht, es verlor ein Drittel seiner Bevölkerung, geschätzte drei Millionen Menschen, 200 Städte, etwa 1.000 Dörfer. Keine Lichtboten aus dem Westen. Nach dem Krieg wurde Belarus zur Vorzeigerepublik der Sowjetunion. Wo sonst gab es so viel aufzubauen?

Hinter dem Tor ist zu sehen, was von der Festung übrig blieb. Nichts. Ein planes Feld. Unser Reisebegleiter wirkt ein wenig verloren vor all dem blendenden Schnee. Er hat vor fünf Jahren eine Stellung als Dozent für Deutsch und Weißrussisch an der Brester Universität verloren, seither führt er unter anderem deutsche Reisegruppen. Genadz Berassek hält den Kopf ein wenig gesenkt, wenn er redet, als spreche er eigentlich mit dem Schnee. Private Führungen seien verboten. Aber niemand schreitet ein. Berassek spricht leise. Er denke anders als die “Lukaschisten”, wie er sie nennt. Plötzlich wächst ein Geräusch aus der Stille, ein Trommelwirbel. Eine Gruppe von Teenagern in Uniformen, die Mädchen in Trachten, paradiert vorüber, die Augen unbeirrt in die Ferne gerichtet. Es sind Gymnasiasten, sagt Berassek, und die Parade sei kein Pflichtprogramm, sondern eine begehrte Auszeichnung. Ebenso unbeirrt wie die davon marschierende Jungend fährt Berassek mit seiner leisen Rede fort. Er gehört einer Oppositionspartei an. Dass er die Uni verlassen musste, hängt damit zusammen. Kritik ist nicht erwünscht. “Man wird nicht hinausgeworfen”, sagt er. Es läuft anders: In Belarus wird man Jahr für Jahr von Neuem in seine Position delegiert. Fällt man in Ungnade, bleibt man draußen, selbst wenn man sehr erfolgreich war.

Würde Genadz Berassek anders denken, hätten wir ihn nicht kennen gelernt. Welcher kritische Journalist aus dem Westen ließe sich von einem Linientreuen führen? Wie sind die Linientreuen? Wie die Jungen und Mädchen, die weit hinten davon ziehen? Dann sind sie mir sehr fremd.

Berassek hat sich entfernt, er mag 50 Meter vor mir sein. Wir erreichen das Monument der Festung. 28 Tage lang hat die Besatzung damals gegen die Deutschen gekämpft, zum Schluss ohne Wasser und Nahrungsmittel. Grober Stein erinnert daran, ein gigantisches Denkmal, das einen erschöpften sowjetischen Soldaten darstellt, der sich nicht ergibt. Berassek nimmt sich davor winzig aus.

Die neue Stadt Brest. Es ist eine helle, freundliche Stadt. Bauten des 19. Jahrhunderts, gelblich gestrichen. Moderne orthodoxe Kirchen. Werbetafeln, die keine Bodylotion anpreisen, sondern die Bevölkerung zu mehr Vorsicht im Straßenverkehr anhalten. Lenins Statue durfte stehen bleiben. Er zeigt mit seinem Finger auf eine Kirche. Ringsherum wimmelt es von eleganten Pelzmänteln. Die Brester Frauen tragen trotz des Schnees Stiefel mit dünnen Absätzen, mit denen sie gekonnt gefrorene Pfützen überwinden. “Die Weißrussen würden selbst darauf achten, wie sie in ihrem Sarg aussehen, wenn sie könnten”, witzeln die Brester über sich selbst.

Wir wirken in unseren Wattejacken, vermummt bis über die Gesichter, wie Astronauten nach der Mondlandung, die Arme und Beine steif, wankend. Man überholt uns, umrundet uns. Es misslingt, ein Taxi zu winken. Wir sehen offenbar nicht vertrauenserweckend aus. Auch Berassek bewegt sich in der lärmenden Stadt, als sei er in eine Blase gehüllt. Seine Felljacke, seine Hosen und Stiefel könnte er im letzten Jahr gekauft haben oder vor zehn Jahren. Im Kino laufen Harry Potter sowie Stolz und Vorurteil. Davor lachen Mädchen mit Pfennigabsätzen und Handtaschen. Sie bleiben für uns unberührbar, wie hinter Glas. Man darf die Menschen auf der Straße nicht ansprechen, hat man uns gesagt. Es könnte Folgen für sie haben - etwas, das mit der Diktatur zusammenhängt. Also bleiben sie stumm für uns. Hätten wir durch das unsichtbare Glas einfach hindurch fassen können?

“Würden Sie Belarus als eine Diktatur bezeichnen?” fragt eine Journalistin unserer Gruppe den Chefredakteur des Brester Kuriers. Nikolaj Alexandrow sitzt in seinem Redaktionsbüro. Er mag Mitte 30 sein, trägt das Haar lang und sitzt zurückgelehnt. Er hat sich Zeit genommen und überlegt nun, wie er der jungen Spanierin mit den wilden Krisellocken antworten soll. “Unser Staat hat die Züge verschiedener Staatsformen”, sagt er. Er spricht von Gewaltenteilung, von der Wahl und von autoritären Praktiken der Regierung. “Es ist ein autoritärer Staat, keine Diktatur.” Die Journalisten sehen aufmerksam, aber verhalten aus, wie immer, wenn sie auf den richtigen O-Ton noch warten.

 Zeitungen in Belarus. Die Redaktion hat 1999 einen Preis der deutschen Zeit-Stiftung für kritische Berichterstattung erhalten. Alexandrow erzählt davon, dass viele private Blätter von den Vertriebswegen ausgeschlossen bleiben, die in staatlicher Hand liegen. “Würden Sie Kritik an Lukaschenko üben?” - “Wir schreiben alles, was man belegen kann.” - “Keine Konsequenzen?” Er schüttelt den Kopf. In seinem Fall nicht. “Es gibt ein neues Gesetz, nach dem zwei Jahre ins Gefängnis wandern kann, wer Unwahrheiten über Lukaschenko verbreitet”, erzählt er. “Haben sie keine Angst?” - “Bisher ist nach diesem Gesetz noch niemand verhaftet worden.” - “Niemand?” - “Nein, niemand.”

Es ist Abend. Vom Hotelzimmer aus ist das dunkle Brest zu sehen. Es schläft, trinkt, feiert, sieht fern. Ob Belarus eine Diktatur sei, haben wir jetzt einen Brester Stadtrat, einen polnischen Korrespondenten und Nikolaj Alexandrow gefragt. Wir hätten den Chefredakteur des Brester Kuriers doch auch fragen können, welches sein Fachgebiet sei. Wir hätten über Wirtschaft, soziale Sicherung, Geschichte, vielleicht über Kunst sprechen können. Die Lichter von Brest bilden Ketten, die große Straßen flankieren, an manchen Stellen bleibt es dunkel, an anderen häufen sich helle Punkte. Wie ein Code, wie eine Blindenschrift. Vielleicht ließe sich mehr von diesem Land verstehen, wenn wir uns anders nähern würden als immer mit derselben Frage, deren Antwort wir uns doch selbst auf das Band sprechen könnten.

“Ich will dir eine Geschichte erzählen”, sagt eine Kollegin. “Ein Hase trifft ein anderes Tier und fragt: Bist du ein Hase? - Nein, sagt das andere Tier. - Hast du keine langen Ohren? bohrt der Hase. - Nein, sagt das fremde Tier. Auch keine Stupsnase? fragt der Hase barsch. Nein, sagt das fremde Tier. - Überführt, denkt der Hase und kehrt zurück zu den anderen Hasen. Und? Wer war das fremde Tier, fragen die. Es war kein Hase, berichtet der Hase stolz. Was war es denn? - Der Hase gerät ins Grübeln.”

Am folgenden Tag sind die Temperaturen weiter gefallen, man hat das Gefühl, trockenes Eis zu atmen. “Fünf Kältetote in Weißrussland”, meldet das Autoradio im Taxi. In Polen sind es seit der letzten Kältewelle bereits 200. “Stimmt das?” - “Kann stimmen”, brummt der Taxifahrer. Es gibt öffentliche Wärmehallen. Erfrieren muss niemand in Belarus. Dann geht es um Politik. Am 19. März ist Wahltag. Lukaschenko hat beste Aussichten, wieder Präsident zu werden, sagt der Sprecher.

Lukaschenko ist beliebt, das räumen selbst westliche Medien ein. Zwar entspricht die Wahl nicht westlichen Vorstellungen - in manchen Betrieben wird offen abgestimmt -, doch Alexander Lukaschenko gilt den Weißrussen, die für ihn votieren, als “guter Hausherr”, der zu ihrem Besten handelt.

Das unabhängige Institut für sozioökonomische und politische Forschung (NISEPI) in Minsk geht davon aus, dass er zurzeit mit 60 Prozent der Stimmen rechnen könnte, würde das Ergebnis nicht manipuliert. “Arbeiter, Rentner und Kolchosebauern begründen ihre Unterstützung mit regelmäßig gezahlten Gehältern und Pensionen und mit den stabilen Lebensumständen”, sagt die Deutsche Welle, die für Belarus ein Sendefenster eingerichtet hat, um politischen Einfluss auszuüben, und dem Präsidenten Populismus vorwirft. Die Menschen hätten Angst vor wirtschaftlichen Verwerfungen, wie sie von den Transformationsprozessen in den Nachbarstaaten verursacht wurden. Seine erste Wahl 1994 habe Lukaschenko deshalb als Votum für einen Staat nach sowjetischem Muster verstanden.

Tatsächlich sind 80 Prozent der Wirtschaft bis heute in staatlicher Hand und die Beschäftigungszahlen hoch, den Kolchosen geht es gut wie nie. Mittlerweile sei schon eine ganze Generation von jungen Menschen herangewachsen, die im Geiste dieses Staats erzogen wurde, meint eine Kollegin vom Deutschlandradio Kultur besorgt.

“Ich wähle ihn nicht”, beteuert Natalja Kharytaniuk. “Ich bin für eine andere Partei, für die sammle ich auch Unterschriften.” Natalja ist 21, sie studiert in Brest, trägt eine lila Mütze mit Glitzer und lächelt fast die ganze Zeit. Es tut gut, mit ihr unterwegs zu sein. Plötzlich erscheint Brest so, als sei es schlicht ein Teil unserer Welt. “Da hinten ist der Platz, auf dem die jungen Leute herumhängen, die Drogen nehmen”, sagt sie. “Heute sind sie nicht da, weil es so kalt ist. Da hinten liegt auch die Diskothek, die wir gern besuchen.” - Ob es nicht gefährlich ist, Unterschriften für eine Oppositionspartei zu sammeln? “Weshalb?” - fragt Natalja - “Das hier ist eine Demokratie. Man muss für die Kandidaten sammeln, damit sie aufgestellt werden.”

“Warum engagierst du dich politisch?”, frage ich. “Bei uns in der Familie ist das Tradition. Und du?” fragt sie mit ehrlichem Interesse zurück. “Engagierst du dich in Deutschland politisch?” - “Nein”, sage ich verwirrt.

Am Bahnhof gibt der Zöllner die Papiere zurück, die er uns bei der Ankunft abgenommen hatte. Es ist eigenartig, sie jetzt nochmals zu lesen. Muss man das Land der letzten Kolchosen wirklich befreien - wie es die Texte indirekt nahe legen? Was hätten wir anzubieten?

“Weißrussland muss seinen Weg selbst finden”, hat einmal der weißrussische Historiker Andrej Kishtymow gesagt. “Bemüht euch nicht, unsere Lehrer zu sein. Die Weißrussen mit ihrer Tradition des Partisanenkampfes mögen das nicht.”