Ins Morgen Land

Natalija Petrova fächelt sich Luft zu. Es ist die Luft, die in Czernivzi im späten August in den Straßen steht, durch den Fächer gewirbelt, in Bewegung gebracht, in einen kühlen Luftzug verwandelt, dann wieder eins mit der trägen Hitze. Zwei Hunde schlafen auf dem Asphalt.

Natalija ist zu Besuch in ihrer Stadt. Hier in Czernivzi, im Westen der Ukraine, wo die Häuser wie in Österreich zu Kaiserzeiten aussehen, die Busfahrpläne jedoch kyrillisch Auskunft geben, ist seit 1991 eine Zeit “dazwischen” angebrochen. Ukraine heißt Grenzland - Grenzland zwischen Russland und Europa und ein Grenzland zwischen heute und morgen, zwischen dem was ist und dem, was werden könnte. Für das Versprechen auf Morgen wird Natalija in drei Tagen in ein Flugzeug steigen.

Natalija hält den Fächer zwischen Daumen, Mittel- und Zeigefinger und lässt ihn wie den Flügel eines eiligen Insekts auf und nieder sirren. Sie ist 58 Jahre alt, Berufschullehrerin und Mutter von zwei Töchtern. Vor sieben Jahren ist sie aufgebrochen. Sie erzählt davon, als ob sie in See gestochen sei. “Du fährst los und weißt nichts“. Nicht, wie lange die Reise dauert, nicht auf welchen Straßen du fährst, nicht wie es da sein wird, wo du ankommst.” Nur, dass du einer Frau 1.000 Dollar bezahlt hast, die ein Visum, beschafft hat, eine Wohnung in Spanien und eine Fahrt mit dem Bus. Sieben Jahre lang hatte Natalja die Fahrt geplant, zwei davon hat sie gezaudert, fünf davon wie ein Eichhörnchen gespart. Dann hat sie vielleicht ein, zwei oder sieben Dutzend Mal denselben Streit mit dem Mann gestritten, doch die Entscheidung war längst gefallen. Man sieht sie vor sich, Natalja die nicht abrückt von ihrem Entschluss; eine feste Frau, mit hellen Augen, mit starken Kieferknochen und großen, fleischigen, kräftigen Händen. Natalija hatte sich entschlossen, den Mann und die Töchter zu verlassen. Für die Töchter und für den Mann.

Bald darauf stand sie vor dem Haushaltswarengeschäft “Foxtrott”, wo die Kleinbusse nach Spanien warten, drei große Taschen und ein Wörterbuch in der Hand. Am Freitag erreichten sie Bologna, dort wurden die Reisenden auf neue Busse verteilt. Nach einigen Stunden fuhren sie wieder, in Sevilla räumte der Fahrer ihre Taschen auf den Asphalt, Ziel der Reise - Sevilla. In Sevilla fühlte sie sich zum ersten Mal allein. Sie dachte: Ein Jahr. Und wusste, dass von nun an die, die in vertrauter Sprache sprachen, sie ausnehmen würden wie eine Gans. Die Zimmermiete, 150 Dollar, zweiwöchentlich zu entrichten an einen Mann aus Czernowitz, die Vermittlungsgebühr für einen Arbeitsplatz an eine Frau aus Czernowitz, bezahlt wurde bar. Sie hatte eine seltsame, unbegründete Angst, was für ein Broterwerb das sein würde und war beruhigt, als sie das Haus einer alten Dame betrat, deren Böden sie zu wischen und deren Einkäufe sie zu erledigen hatte. Die Dame bot an, im Haus zu nächtigen, und um Geld zu sparen, zog sie sofort dort ein. Es war dämmrig in den Räumen, weil die Vorhänge der Hitze wegen geschlossen waren. Spaniens Sonne sieht Natalija als kleine Lichtpunkte durch dickes Leinen sickern. Am Abend des ersten Tages denkt sie, dass nun ein Tag vergangen ist, der erste, es bleiben 364 Tage in den dunklen Zimmern der fremden Frau.

In diesem Jahr fällte nicht nur Natalija den Entschluss, zu gehen. Von etwa 24 Millionen Ukrainern, die „arbeitsfähig“ sind, sind heute fünf Millionen unterwegs. Weil Arbeitsvisa so gut wie nicht zu haben sind, wird stets ein Touristenvisum in den Schengenraum beantragt, das je nach Großwetterlage gewährt wird oder nicht. Wird es nicht gewährt, hat der Reisende mehr Startkapital aufzubringen, weil bewährte Unternehmen nun gegen Bezahlung Visa beschaffen oder eine Reise ohne Papiere möglich machen. Nach wenigen Wochen gleiten einige Millionen Natalijas dann in die Zone der Illegalen. In dämmrigen Räumen mit provisorischen Klappbetten, für das Persönliche steht neben dem Bett ein Nachttisch.

Das “illegale” Leben ist nicht unmöglich, keineswegs. Von der Unterbringung bis zur Entrichtung von Bestechungsgeldern ist alles bestens organisiert. Sie kann arbeiten, essen, schlafen. Nur nicht wählen, sich krankenversichern oder heiraten. Sie könnte auch keinen Eintrag ins Sterberegister bekommen. Solange kein Unglück geschieht, vermisst sie nichts von all dem, denn Natalija Petrova ist nicht Bürgerin von Sevilla. Sie ist Bürgerin von Czernowitz – heute mehr denn je. Manches in Czernowitz geschieht nur durch sie. Die ältere Tochter hat ein Studium begonnen, Natalija kann es bezahlen. Der Mann renoviert das Haus – das ist möglich, weil Natalja es bezahlt. Natalja ist wichtig, und sie ist stolz. Doch alles, worauf sie stolz ist, geschieht ohne sie.

In Sevilla hingegen ist Natalija gegenwärtig, andererseits hinterlässt keinerlei Spuren. Wenn die fremde Frau stirbt, wird Natalija - deren physische Präsenz im Alltag ungleich wichtiger ist, als die der leiblichen Tochter - aus dem Familiengedächtnis ausgelöscht. Die Illegalen leben wie Somnambule in einer Zone, die einen Grenzbereich zwischen Anwesenheit und Abwesenheit markiert.

Fragt man Natalija nach dem Leben in Sevilla, sagt sie, was es nicht sei: Sie sei nie erniedrigt worden. Ein Armband, das ihr gefiel, hat sie nicht gekauft, denn sie spart das Geld. Sie feiert nicht die Geburtstage der Töchter. Sie kehrt nicht nach Czernivzi zurück.

Natalija winkt einen Kellner heran, sie lässt den Fächer in der Hand zusammenschnappen und bezahlt. Der Kellner sagt “thank you” zu ihr. Und Natalija lässt den Irrtum auf sich beruhen.

Als die 365 Tage in Sevilla fast vorüber waren, kam ein Brief. Ihr Mann schrieb. Er sei krank. Er verzichtete auf den Satz, sie solle sich keine Sorgen machen, denn es war ernst. Die Frage war nur, ob Natalija zurückkehrte, oder ob sie blieb. Sie blieb. Denn sie war schließlich wichtig. Wie sollten die Töchter studieren ohne sie? Und sollte sie aufgeben, wofür sie bisher gearbeitet hatte? Natalija blieb und pflegte eine südspanische Frau, statt ihren Mann zu pflegen. Sie blieb und arbeitete für die Kosten seiner Beerdigung. Dann arbeitete sie weiter, und versuchte, nicht nachzudenken.

Wir brechen auf. Natalija hat versprochen, Czernivzi zu zeigen. Ihre Tochter besitzt ein Auto. Die Ältere, sagt Natalija stolz. Die, die studiert und vor Kurzem geheiratet hat. Wir steigen ein, sie gibt Gas, der Wagen beschleunigt. Im Rückspiegel ist ihre getönte Brille zu sehen. An ihren kräftigen Nacken schmiegt sich eine Kette aus hellroten Steinen. Sie bemerkt den Blick. “Korallen,” sagt sie und steuert weiter durch den dichten Verkehr.  Eigentlich, sagt sie, habe sie, nachdem ihr Mann gestorben war, nur zwei weitere Jahre in Sevilla bleiben wollen. Dann blieb sie und ließ sich legalisieren. Und jetzt ist sie immer noch dort. “Jetzt sind es schon sieben Jahre”, sagt sie. Ich möchte wissen: Weshalb?

“Weshalb”, wiederholt Natalija und legt die Frage beiseite. Und weist auf einen Platz, stattdessen, den reich dekorierte Häuser säumen. “Der Theaterplatz”, sagt sie. Auf einer Treppe sitzt eine Gruppe Mädchen in teuren Turnschuhen und Jeans. Ein Mädchen telefoniert, springt auf und winkt ein Taxi heran. Natlaja bremst und murmelt etwas. Dann sagt sie, dass ein Wort für diese Jugend gibt, die ohne Eltern heranwächst, die früher reift, die sich teuer kleidet und oft über die Stränge schlage. Die “Goldjugend” nennt man sie. Und sie weiß auch: Man wird ihnen damit nicht gerecht. Weil sie Mütter oder Väter ersetzen, kleine Geschwister erziehen, eine teure Ausbildung absolvieren und dabei wissen, dass eine Mutter dafür den spanischen Sommer hinter dichten Gardinen verbringt, und die Hoffnung der Familie ruht auf ihnen. Es gibt Dörfer, in denen nur noch Alte und Kinder leben. Die Großmütter verjüngen sich und werden Mütter, während die älteren Jungen die Hausherren sind.

“Ich zeige Ihnen etwas anderes”, sagt Natalija plötzlich. Dann schaltet sie, kuppelt und beschleunigt. Wir nehmen die Hauptstraße, bis die Hauptsstraße zur Ausfallstraße wird und die Stadt sich in der Ebene verliert. Baustellen wechseln sich mit Grasland ab. Dazwischen stehen fertige Neubauten, mächtige Häuser mit glänzenden Ziegeln, die seltsam unfertig wirken, man weiß nicht warum. Natalija errät den Blick. “Die Wege fehlen”, sagt sie. Und erst jetzt fällt es mir auf: Den meisten der Neubauten fehlen die Zufahrten. “Wir sind da”, sagt sie. Sie hält und zieht die Handbremse an, steigt aus, blinzelt in die Sonne, lässt die Handtasche schnappen und nimmt den Fächer heraus. “Zarenhäuser nennen wir sie.” bemerkt sie und blickt die Burg, die sich in nächster Nähe aus dem Erdreich erhebt, halb anerkennend, halb abschätzig an. Ein leichter Wind weht ihr feinen Sand ins Gesicht. Luft fächelnd, im Sommerkleid, eine Hand auf die offene Wagentür gelehnt, sieht sie wie eine Seniora aus, die eben die Baufortschritte der neuen Finca begutachtet. Sie  setzt ihr halbhohes Schuhwerk vorsichtig auf die Erde, die aufgerissen und umgewühlt, langsam schon wieder von Gräsern und Disteln erobert wird. Das Haus wirkt kühl, trotz der Sommerhitze, die Fenster sind Höhlen ohne Glas. “Hören Sie?”, fragt sie. - Nein, nichts. “Genau. Es ist Donnerstag, und auf dieser Baustelle arbeitet kein Mensch.”

Es gibt in diesem Land zwei Träume, sagt Natalija. Einer ist, sich eine Zukunft zu bauen. Ihre Landsleute seien in dieser Beziehung archaisch, das Haus aus Stein sei nach der wirren Zeit der Neunziger Jahre zum Fetisch geworden. Der zweite Fetisch ist die Zukunft der Kinder. Was den Alten nicht gelingt, die den Sprung in die neue Zeit nicht schaffen, muss ihnen gelingen. “Die Jugend haben Sie auf dem Theaterplatz gesehen. Die Häuser sehen Sie hier.”

Es sei nur ein Teil der Wahrheit, dass die Ukrainer nach dem Zusammenbruch aus Not begannen, die Grenzen zu passieren. Wir waren in Bewegung geraten, sagt Natalija. Als sie selbst im Jahr 2.000 aufgebrochen ist, träumte sie davon, noch einmal im Leben Geld zu verdienen. Ja, richtig, genau, Geld zu verdienen. Das Geldverdienen bedeute mehr, als nur etwas zu haben. Sie lässt den Fächer zusammenschnappen, um ihn mit der gleichen Bewegung wieder auszubreiten. Es bedeute, etwas zu gelten. Der Lohn sagt: Deine Arbeit wird wertgeschätzt - und wenn nicht die eigene Arbeit, die in Sevilla hinter zugezogenen Vorhängen niemand sieht, dann vielleicht die der Kinder. Ein Luftzug regt sich, Natalija fegt Baustaub von ihrem Kleid.

Nach der wirren Zeit, sagt sie, teilte sich die Gesellschaft von Czernivzi in zwei Arten von Menschen. Es gab Menschen, die von der Zukunft sprachen. Und es gab solche, die es nicht taten. Was rennt ihr dem Geld hinterher, sagten sie. Wenn man bescheiden sei, brauche man weder auf dem Basar zu handeln, noch ins Ausland zu gehen. Eine Kluft öffnete sich zwischen den einen und den anderen. Die “Bescheidenen” schienen plötzlich ein wenig älter auszusehen. Und manchmal dachte man, sie gingen sogar langsamer, wenn man sie auf der Straße traf.

Wir fahren wieder. Die gebaute Zukunft von Czernivzi fliegt hinter den Autoscheiben vorüber, und die Stille ergibt einen seltsamen Klang, wenn man an die Geschichten denkt, die Czernivzi tausendstimmig zu erzählen scheint, Odysseen, die ins Nirgendwo führen. Ein Mädchen, das Natalija kennt, hat sich von ihrem Mann scheiden lassen und mehrere tausend Dollar in eine Ehe mit einem deutschen Clown investiert - nur um ein Schengenvisum zu bekommen. Das Visum benötigte sie, um ihren Exmann zu sehen, der in Rom Fliesen legte.Und ein Nachbar, der Verwandte in Deutschland hat, erzählte von drei Jungen, die er eines Abends in Nürnberg an einer Telefonzelle traf - die vor Schmutz starrten und ukrainisch sprachen. Sie hatten sich nach Deutschland schleusen lassen, um auf eigne Faust Arbeit zu suchen, hatten nichts gefunden und aus Angst vor der Polizei zwei Wochen lang im Wald gelebt. Jetzt ging das Geld zur Neige, und sie wollten nach Hause telefonieren. Die Jungen waren heil nach Hause gekommen. Andere Geschichten bleiben ohne glimpfliches Ende. Und dann gibt es die, die überhaupt kein Ende nehmen. Wie die von Natalija Petrova.

Natalija lenkt den Wagen der Tochter, für den sie selbst gearbeitet hat. Sie will uns jetzt ihr Haus zeigen. Auf dem Theaterplatz brennen schon die Laternen, die Goldjugend lagert noch immer auf Bänken, modisch zwischen Hip-Hop und Silbersandalette schwankend, Zigaretten und Becks-Gold-Flaschen in der Hand. Der Abend senkt sich, Czernivzis Häuser verblauen und wir rollen einen sanften Hügel der Stadt hinunter. Oben thronen die Häuser der Reicheren, die schlichteren Wohnungen liegen in der Niederung. Natalijas Heim ist ein kleines Einfamilienhaus, bescheidener als die “Zarenhäuser”. Sie hat “nur” renoviert. Und es ist längst noch nicht fertig. Das Dach muss neu eingedeckt werden. Nach dem Studium hat die Hochzeit der Ältesten viel Geld gekostet. So ist das, es fällt immer etwas an.

Sie schließt auf. “Mein Reich”, lächelt sie, die am Montag zurück nach Sevilla fliegen wird. Im Schlafzimmer, das früher ihres war, nächtigen jetzt die ältere Tochter und ihr Mann.

Im Wohnzimmer bittet sie zu Tisch, verschwindet und taucht wenig später mit einem Tablett wieder auf. In winzigen Porzellantässchen schwappt je ein Espressopfützchen. Sie stellt sie ab und erzählt, dass das Service das Geschenk ihrer Freundin Alina Makarenko sei. Alina ist mit Natalija gemeinsam zur Schule gegangen,  sie sind in ähnlichem Alter, man hat ein Auge aufeinander. Alina war in den Neunzigern eine der ersten, die auszogen. Die Ersten waren die Erfolgreichen. Die, die im Ausland noch wahre Schätze hoben. Fünf oder sechs Jahre habe es gedauert, bis die Makarenkos zum ersten Mal erwähnten, sie hätten nun das Geld beisammen: Jetzt wollten sie bauen. Natalija hält inne. “Das ist nun zehn Jahre her.” sagt sie. “Wissen Sie, warum so viele Häuser nie fertig werden? Warum so viele Grundstücke nie gekauft worden sind, Boutiquen nie gegründet wurden - und was man sonst so an Träumen hat?”

Sie nippt am Kaffee. Als Makarenkos dachten, sie seien am Ziel, geschah das Unbegreifliche - das auf den zweiten Blick nicht unbegreiflich ist. Als sie den Preis für ein Grundstück fast bezahlen konnten, stieg der Preis. Weil so viele Ukrainer zur gleichen Zeit den gleichen Traum träumten - und zur selben Zeit die nötige Summe gespart hatten - blieb der Traum ein Traum. Und weil in allen Familien irgendjemand in Westeuropa arbeitet, gleichen sich die Preise allmählich den westeuropäischen an. Alles, was Glück und Zukunft verheißt, ist mittlerweile so teuer wie dort. Ein Einfamilienhaus im Speckgürtel von Czernivzi kostet inzwischen an die 200 000 Dollar. Während das Durchschnittseinkommen bei umgerechnet 185 Euro liegt.

Wenn Natalija mit ihrer Tochter telefoniert und fragt “Was macht Alina Makarenko, baut sie bald ihr Haus?” lacht sie und sagt “Ja, morgen.” “Alina würde nie sagen, dass sie gescheitert wäre” sagt Natalija. “Stattdessen erzählt sie, was ihr Sohn tolles macht” Und sie hängt noch ein Jahr dran, in Italien.

Natalja wird in drei Tagen am Terminal stehen und einchecken. Sie weiß, dass sie in Sevilla bleiben wird. Wenn die Tochter sagt, “Mama, noch ein Jahr, dann bist du wieder bei uns.” sagt sie “ja”, damit die Tochter versöhnlich lächeln kann. Sie lächelt mit, aber der Grund ist ein anderer: Vor ein paar Tagen hat sie zum ersten Mal seit sieben Jahren Schmuck gekauft. Für sich selbst. Eine Korallenkette.

Erschienen im “Robinson”, dem monatlichen Magazin des “Freitag”