Lieber Otto, es ist für dich

Irgendwann starb Otto Kuhl. Eine Freundin von mir fand ihn, als sie ihm die Haare kürzen wollte. Kuhl hatte ihr, “für den Fall, dass mal etwas sein sollte”, einen Wohnungsschlüssel gegeben. Nun war etwas. Kuhl lag rittlings auf dem Bett, hatte aber seinen Nylonbeutel in der Hand, den er auf seine kleinen Ausflüge mitzunehmen pflegte. Es sah aus, als habe er sich nur noch mal kurz niedersetzen wollen, bevor er sich auf den Weg gemacht hätte. Es war ein friedliches Bild. Wir fanden in Kuhls kleiner Wohnung Unmengen von Brennholz, das er draußen gesammelt hatte - vermutlich für den Fall, dass die Kohlenpreise ins Unermessliche stiegen - und massenhaft Kaffeepackungen. Überraschenderweise fanden wir außerdem eine größere Summe Geld. Leider fand sich auch wider Erwarten eine jüngere Schwester, die bereit war, sein Erbe anzutreten. Zur Beerdigung kam sie nicht. Nur wir liefen Otto Kuhls Urne nach, die ein Friedhofsangestellter ratternd auf einem Handwagen über einen Schotterweg zog. Kein Stein markierte Kuhls Grab.

Jahre vergingen nach Kuhls Tod. Und noch immer passierte nichts. Es war enttäuschend - und eine postmoderne Erfahrung mehr -, nicht mal besiegt, sondern einfach, ohne Anstrengung, durch den Lauf der Zeit überrundet worden zu sein. Dieser Zeitlauf überführte all unsere Prognosen als ein Tappen im Nebel. Freilich stiegen im Friedrichshain die Mieten. Aber dazu bedurfte es weder eines High-Tech-Bahnhofskreuzes noch einer Stadtautobahn. Und freilich zogen wir fort. Aber nicht wegen der Mieten. Und schlussendlich, 12 Jahre später, wurde am Ostkreuz doch gebaut. Und wir waren einfach nicht mehr da.

Kürzlich, am Abend, war ich im Friedrichshain bei einem Freund zu Besuch und wir tranken Bier und gingen danach spazieren. Es kann am Bier gelegen haben oder am Vollmond, aber plötzlich juckte es uns in den Fingern und wir stiegen in die Baustelle ein. Auf Kuhls Bahnsteig lagen Backstein trümmer von einer eingestürzten Treppe, und die Bahnhofsvorhalle, wo früher die Viet namesen gestanden hatten, war ein Haufen Bauschutt. Ein riesiger Bohrer steckte tief im Boden des Berliner Urstromtals und kündete von den hohen Betonstelen, die bald hier aufragen werden. Nur der Wasserturm stand schwarz und erhaben. Auf dem Bahnsteig F wühlte mein Freund in seinen Hosentaschen, ich wusste schon, was er suchte, und tatsächlich begann er, Sekunden später, mit seinem Schweizer Offizierstaschenmesser an dem Metallschild “Ostkreuz” herumzuschrauben. Ich verkniff mir jede Bemerkung und schlenderte den Bahnsteig auf und ab. Als wartete ich auf den Zug nach Treptow und überlegte, ob noch Zeit wäre, Kuhl auf seiner Bank guten Tag zu sagen. Ich schrieb in einen Sandhaufen: “Lieber Otto Kuhl. Es ist für dich. Das System zwang uns dazu.”

erschienen im “Freitag”, ausgezeichnet mit dem “Journalistenpreis Bahnhof 2009″.


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