Lieber Otto, es ist für dich

Es fiel in diese Zeit - etwa Mitte der neunziger Jahre -, dass von Plänen zu einem gigantischen Umbau des Ostkreuzes zu lesen waren. Berlin befand sich noch im Taumel euphorischer Wachstumserwartung, und es hieß, in allen Himmelsrichtungen sollten hochmoderne S-Bahnkreuze entstehen, um die Menschenmassen auf die je richtige Bahn ins Hauptstadtzentrum zu rangieren. Ich beschloss umgehend, in den Widerstand gegen diese Planung zu gehen. Kuhls seltsamer Bahnhof hatte längst meine Sympathie gewonnen. Wenn man am Morgen nach einer Party im sanften Drogenrausch am Ostkreuz ankam, konnte man auf selten befahrenen Gleisen wandern und in aufgegebene Bahngebäude einsteigen, die von Knöterich überwuchert waren. Und über allem thronte wie ein Fremder ein alter, dunkler Wasserturm. Während dieser Exkursionen begann ich, den Irrsinn der Konstruktion von kreuzenden Überführungen und Brückengeleisen zu verstehen. Der Plan musste das Kind eines Drogen-Trips gewesen sein.

Kuhl sagte, das Ostkreuz sei immer schon Gegenstand ehrgeiziger Umbaupläne gewesen. Zu den Olympischen Spielen 1936 schon hätte das “Rostkreuz” einer neuen Anlage weichen sollen. Auch zu DDR-Zeiten habe man beständig seinen Abriss geplant. Aber immer seien die Planungen gescheitert. Zu groß. Zu viele Gleise, die man stillegen müsste. Einen Umsteigebahnhof, an dem sich Schienen von Westen nach Osten und von Süden nach Norden kreuzten, könne man nicht einfach schließen und ein Schild “Baustelle” anbringen. Kuhl meinte, wir sollten uns um das Ostkreuz keine Sorgen machen.

Dennoch gründeten wir eine Bürgerinitiative und beschlossen zu kämpfen. Nicht zuletzt, weil die Behörde für Stadtentwicklung angekündigt hatte, das gigantische neue Kreuz würde unser Viertel zu einem “City-Kerngebiet” mit entsprechenden Mieten machen - und wir könnten an den Stadtrand ziehen. Wir kämpften also. Indem wir viel Zeit darauf verwandten, akribisch sämtliche Schritte der Planung zu verfolgen, nachzudenken, Bier zu trinken und unsere Möglichkeiten zu erwägen. Nicht, dass wir glaubten, gewinnen zu können. Genau wie dem Ostkreuz haftete unserem Widerstand etwas Irrationales, Paradoxes an. Er atmete diesen Geist der Neunziger-Jahre-Rebellion, der es zustande brachte, ein Zu-Allem-Entschlossen mit postmodern heiterer Resignation zu verbinden. Denn was würden wir tatsächlich tun, wenn morgen Baubeginn wäre? Würden wir in der Nacht Stromkabel kappen? Oder den Kran ansägen? Und ein Bekennerschreiben hinterlassen: “Das System zwingt uns dazu”?

« zurück  weiterlesen »