Zeitreise vom Austria- zum Soborna-Platz

Man muss sich warm halten, vor allem den Kopf. Und die Füße”, sagt Johann Schlamp, wenn man ihn nach seinen Lebensregeln fragt. Man muss viele Sprachen sprechen. Einen guten Beruf haben, das ist das Wichtigste. Die Lebensregeln sind wichtig. So ist Johann Schlamp 94 Jahre alt geworden. Erst eben ist er wieder “dem Tod von der Schippe gesprungen”. Er hatte eine Operation an der Prostata. Schlamp rutscht die Mütze zurecht. “Das war eine gefährliche Sache.” Er meint den ärztlichen Eingriff, doch man sieht seinem Blick an, wie seine Gedanken die Zeit durchmessen und schon könnte die “gefährliche Sache” genauso gut der Zweite Weltkrieg oder ein kalter Winter im Jahr 1918 sein.

Schlamp ist aufgestanden und blickt aus dem Fenster. Ein weiter rechteckiger Platz, mit Steinplatten gepflastert, liegt in der Mittagssonne, auf einem Sockel steht ein verdienstvoller sowjetischer Soldat. Der sieht den Swoboda-Platz in der ukrainischen Stadt Czernowitz seit etwa 60 Jahren. Johann Schlamp sieht ihn länger. Er lebte schon hier, als auf dem Sockel eine Austria aus Marmor thronte. Da war Schlamp noch ein Kind; und Czernowitz war, was europäische Touristen heute suchen, wenn sie hierher eine Bildungsreise buchen. Czernowitz, die Kulturstadt der vielen Völker am östlichsten Rand des k. u. k. Reiches, die fast in Russland liegt, aber aussieht wie Prag oder Wien. Mit Häusern, die schöne Fassaden tragen, mit Gesimsen und gewundenem Stuck im Jugendstil. Mit jüdischen Sängern und polnischen Handwerkern, rumänischen Kaufleuten und deutschen Unternehmern, mit Ukrainern, die damals Ruthenen hießen, und Dichtern wie Rose Ausländer und Paul Celan.

Johann Schlamp, der damals noch auf der Straße mit Murmeln spielte, kannte weder Rose Ausländer, die nicht weit von ihm zur Schule ging, noch wusste er vom versunkenen Sehnsuchtsort Czernowitz. Inzwischen kennt er ihn. Denn die Reisenden, die versuchen, im heutigen Czernivzi die Zeugen dieser verklärten Vergangenheit zu entdecken, finden kaum jemanden mehr. Nur noch Herrn Schlamp. Wer sich etwas müht, spürt ihn auf. Und Johann Schlamp, zu dessen Lebensregeln die Langmut zählt, empfängt bereitwillig Gäste in seiner Wohnung am Swoboda-Platz. Seine Tochter Helene muss Tee servieren, Johann Schlamp rutscht ab und zu seine Mütze zurecht und erzählt. “Früher”, sagt er, “sind ein Drittel der Czernowitzer Juden gewesen.” Früher sprach er in fünf Sprachen, er ist stolz darauf, seit es keine Selbstverständlichkeit mehr ist. “Früher”, träumt er, “gab es andere Sachen zu essen.” Wurst und Schinken vom polnischen Fleischer.

An den Geschmack des Schinkens mit Wassersemmel kann er sich erinnern, als hätte er eben erst den Mund gewischt. Es ist kühl und dämmrig in seinem Wohn- und Esszimmer, trotz der Julihitze, die draußen auf den Czernowitzer Kopfsteinpflaster-Straßen lastet. Schlamp muss sie nicht gehen, er hat sie vor Augen, sie erstehen in anderen Farben und mit anderen Menschen, wenn er spricht. Er spricht russisch, wenn er mit Frau und Tochter allein ist. Wenn Deutsche kommen, wechselt er in ein Deutsch, das wie ein beharrlicher Singsang den Raum erfüllt, und dieser Singsang, der nach einem Dialekt klingt - aber nach einem seltsam ortlosen, unbekannten - macht bewusst, dass sie tatsächlich verschwunden sind, die Deutschen aus Czernowitz. “Sie sind heim ins Reich”, singt Johann Schlamp. Und nie wieder gekommen. Aber er, Johann Schlamp, ging damals nicht ins Reich, sondern in die Sowjetunion.

“Das war eine gefährliche Sache”, sagt er und meint die Nacht im Winter 1940, als er mit drei Freunden über den Dnjestr nach Russland floh. Es ist nicht die Geschichte, die er zu Bildungsabenden im Deutschen Haus den Auf-den-Spuren-von-Reisenden erzählt. Die Tochter Helene braust in Russisch auf: “Red´ nicht über Politik, das hat dir schon genug geschadet”. Schlamp wendet sich ihr zu, hebt freundlich die dichten, wuchernden Brauen, um nach kurzem Zögern zur Politik überzugehen. Er berichtet vom alten Czernowitz, das zu seiner Jugendzeit bald schon kein Paradies der Vielvölkertoleranz mehr war, und ein Wecker, der auf seiner Musikvitrine steht, tickt dazu.

Er erzählt, wie die Rumänen, die seine Heimatstadt besetzten, mit Hitler sympathisierten, und wie in Czernowitz Bücher brannten, Juden drangsaliert und ausgebürgert wurden, lang bevor die deutsche Armee einen Fuß hierhin setzte. Wie die Rumänen die Nationalisierung vorantrieben, und viele Polen bereits die Stadt verließen. Wie er ins Gefängnis kam, weil er in einem Balalaika-Orchester, das als links galt, Gitarre spielte. Helene soll eine Schachtel mit Fotos bringen, und Schlamp zeigt alte, stumme Freunde in Schwarz-Weiß. Drei Schöne beim Baden im Pruth, zwei Männer beim Flanieren in der “Herrengasse”, das ganze Orchester mit Musikinstrumenten in der Hand. Die meisten sollte er nie wieder sehen. Dies sei sein Freund Edi Wagner, deutet er auf einen und erzählt davon, wie der umgebracht wurde. Wegen Weltanschauung. “Weil wir internationalistisch und antifaschistisch eingestellt waren.” Da entschied Schlamp, sich auf den Weg nach Russland zu machen. Zu Fuß, über den Dnjestr, übers Eis.

Hinter ihm steht eine Chaiselongue, die mit einer gehäkelten Decke überworfen ist, darauf kauert ein Kissen, das zerknautscht ist von seinem Kopf; dort liegt er, wenn niemand zu Besuch kommt, und hört Musik. Seine Augen, die schon den Kaiser Franz-Josef gesehen haben, gehen im Zimmer spazieren wie jetzt. Sie wandern zwischen den Jahrzehnten, und manchmal überrascht er, indem er plötzlich Bemerkungen einwirft, die Jahrzehnte überspringen: “Da war eine Wahlveranstaltung, und Frau Julia Timoschenko sprach auf dem Swoboda-Platz vor meinem Haus. Stellen Sie sich vor, der Sicherheitsdienst kam in meine Wohnung, weil Helene oder ich vielleicht durchs Fenster auf Frau Timoschenko schießen könnten. Der Kaiser ist durch Czernowitz gefahren, in einem offenen Wagen, er hatte nur zwei Wachen dabei. Wer ist bitteschön Frau Timoschenko, dass sie das nötig hat.”

Er war vom Regen in die Traufe geraten, damals - und nun sind wir wieder im Jahr 1940 - kurz hinter dem Dnjestr auf russischem Terrain. Man verdächtigte ihn, weil er Deutscher war, verhaftete und verurteilte ihn, und schickte ihn per Bahn nach Nord russland. Workuta nahe dem Polarkreis entsteht vor seinen Augen: Gruben, in denen sie schliefen. Schnee lag, Frost griff sie an. Im Frühjahr die kleinen Fliegen. Aber Schlamp hatte Glück, wie vor zwei Wochen im Hospital. Wie immer eigentlich. Und Lebensregel Nr. 2 und Nr. 3 retteten ihn.

“Mein Leben hing am seidenen Faden”, sagt er. Der Skorbut hatte seine Haut gerötet, wie von kochendem Wasser verbrannt. Da wurde er, weil er fließend polnisch sprach, versehentlich einem polnischen Häftlingszug zugeteilt. Dieser Zug wurde kurz darauf ausgesondert und reichhaltig verpflegt, weil Stalin beschlossen hatte, zur Unterstützung der Roten Armee polnische Streitkräfte aufzubauen. “Da habe ich den Mund gehalten und gegessen”, sagt Schlamp. Bis es aufflog, weil sein Name nun mal nicht polnisch klingt. Das nächste Mal bewahrte ihn sein Beruf. Als er sich wiederum fast am Ende wähnte, suchte die Lagerleitung einen Tischler, um Mobiliar für ein Büro zu bauen. “Und ich war Tischler!”, bemerkt Schlamp stolz, und Helene muss sehr schnell zum Bücherschrank gehen, um dem Vater ein blank poliertes Holzdöschen zu reichen. Es glänzt, und auf seinem Deckel sind in feinen schwarzen Linien die Umrisse eines Hirschkopfs eingelegt. “Selbst gemacht”, sagt er. Überflüssigerweise. Und erzählt, wie er aus verwachsenen Birkenstämmen das Holz schnitt, aus Geweihen von Rentieren Leim kochte, aus zerstoßenen Flaschen Schmirgelpapier machte und alte Schellackplatten einschmolz, um schwarzen Lack zu gewinnen.

Er lebte lange im Norden. Nach Kriegsende durfte er außerhalb des Lagers wohnen, durfte jedoch nicht fort. Er lernte zum Polnischen, Jiddischen, Rumänischen und Ruthenischen das Russische sprechen, traf seine künftige Frau, heiratete sie, und kehrte erst 1959, im Frühling, zurück nach Czernowitz.

Die Stadt lag da, am Hang, wie eh und je. An ihrem Fuß floss der Pruth, und über den Türmen der Kirchen und der Universität lag leichter Dunst, wie oft. Aber Schlamp traf niemanden mehr, der mit ihm im Orchester gespielt hatte, nicht die Schönen, die im Pruth badeten, nicht die Männer aus der Herrengasse, nicht den polnischen Fleischer; auch den jüdischen Bäcker mit den Wasserbrötchen gab es nicht mehr. Schlamp kam nicht als Heimkehrer, sondern als Fremder in seine Stadt, deren Straßen er im Schlaf gehen könnte. Seine Lebensregeln halfen ihm auch jetzt. Dank seines Berufs fand er schnell Arbeit in einer Möbelfabrik, wo er Modelle entwarf. “Und weil ich gut Russisch gelernt hatte, verstand ich das neue Czernowitz.” Das neue Czernowitz in der neuen Zeit.

Wer bei Johann Schlamp in der Wohnstube sitzt, gewinnt den Eindruck, dass Zeit eine sehr relative Größe ist. Die Flügeltüren und ein reich verzierter Kachelofen sagen: Das Alte ist gegenwärtig, hier im Zimmer so wie draußen auf der “Herrengasse”, wo gerade die schönen Altbauten für das bevorstehende Stadtjubiläum herausgeputzt werden. Und mittendrin Schlamp, der von Czernowitzer Freilichtbühnen um 1920 erzählt, um dann unvermittelt überzuleiten zum Traum von Universalismus und Modernität. “Ich bin für das Neue”, sagt er und spricht von DIN-Normen und den Techniken der Kommunikation, die heute erstmals Grenzen wirklich überwindbar werden lassen. Er schwärmt von der Kultur, von der er noch immer glaubt, dass sie Menschen zum Besseren formen kann. Kultur gedeiht in Städten, meint Johann Schlamp. Er hat sich auf seinem Stuhl leicht gedreht und bückt sich, so dass er seine Musikvitrine erreichen kann. Er verstummt einen Augenblick, stöbert und fördert eine Musikkassette zu Tage, lässt das Oberdeck eines alten Kassettenrekorders aufschnappen, setzt das schwarze Plastikding konzentriert in das dafür vorgesehene Fach und drückt auf “Play”. Eine männliche Opernstimme dringt leicht scheppernd durch den Lautsprecher, Schlamp horcht und nickt aufmunternd, er schließt die Augen und wiegt sachte den Oberkörper. Er summt mit. “Das ist Joseph Schmidt”, bemerkt er - ein berühmter Operntenor, aus Czernowitz. Er selbst, Johann Schlamp, habe früher auch Arien gesungen - aber nicht so gut. Er lacht und schwärmt von Joseph Schmidt, der eine so reine Stimme besaß, dass er die ganze Welt verzaubert hätte, der bis nach New York gekommen war und noch weiter gekommen wäre, hätte er das III. Reich überlebt. Ein so bedeutender Mann der Kultur! Und das aus seiner Stadt!

Heute, meint Schlamp, sei die Stadt weniger städtisch als damals. Seit einer guten Dekade hat man das Ukrainische zur einzigen Sprache erklärt, das befremdet ihn. Für ihn ist das Ukrainische immer nur ein Teil der Kultur seiner Region gewesen. Der ländliche Teil. In seinen Augen ist die ukrainische Nationalisierung ein Triumph der Provinz über die Stadt. “Wer” - sagt er - “ist Frau Timoschenko, die mit ihrem geflochtenen Haarkranz wie ein Bauernmädel aussehen will?” Er sieht die Nationalisierung wieder in vollem Gange. So wie die Rumänen und später die Deutschen, die das Jüdische und Polnische zurückdrängten, verdrängten heute die neuen Nationalisten das Russische. “Ich hatte immer die Sprachen lieb, das Deutsche sowie das Jiddische, das Rumänische wie das Polnische.” Und das Russische, bemerkt er, sei doch eine Kultursprache, man denke an all die Literatur. “Das ist eine gefährliche Sache”, meint Schlamp.

Es ist spät geworden, die Stunden sind dahin geflossen, Helene ist in die Küche gegangen. Sie weckt Obst ein für den Winter. “Bis zum letzten Jahr habe ich mich noch mit dem Garten beschäftigt,” sagt Schlamp. “Ich habe Apfelbäume, die habe ich veredelt, Wein habe ich gemacht und Gemüse angebaut, da gehen die Schädlinge dran.” Seit den dreißiger Jahren, bemerkt er, hätten sie in Czernowitz den Kartoffelkäfer.

erschienen im “Freitag”