Münchhausen zappelt noch

“Die Trümmerblume”, heißt es in einer Gartenenzyklopädie, “gedeiht bevorzugt auf Schuttplätzen, Ödland und Industrieruinen”. Ähnliches könnte man von der Hoffnung auf die Wirtschaft der Kreativität sagen. Wo die Schornsteine zu rauchen aufhören, wo Fertigungshallen wie leere Gehäuse zurückleiben, gedeiht diese Hoffnung. Brauereien werden zu “Kulturbrauereien”, alte Fabriken “Regenbogenfabriken”, Nähereien zu Ateliers für Grafikdesign. Wenn die Werktore schließen - man weiß es längst - kommen die Künstler. Neu ist, dass man mit ihnen rechnet. Dass sie als Hoffnungsträger einer neuen Ökonomie - wenn nicht gar als der künftige Kitt der Gesellschaft gehandelt werden.

Wie Pilze sprießen in europäischen Städten und Regionen auch Studien aus dem Boden, die diese Kreativen hinsichtlich ihrer ökonomischen Potenz abschätzen. Im englischen Manchester, im französischen Lyon, im deutschen Ruhrgebiet, in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Auch die deutsche Hauptstadt hat der Trend erreicht - und die Daten lassen staunen: Die Ökonomie der Kreativen erwirtschafte in Berlin bereits elf Prozent des Bruttoinlandproduktes, heißt in der Studie der Berliner Kulturwirtschaft. Damit sei ihr Anteil ebenso hoch wie der Beitrag des gesamten produzierenden Gewerbes.

Nun hat die Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer (SPD), eine Strategie ausgerufen, die die Kreativen zu den Rettern der deindustrialisierten Stadt erklärt. Im Berliner Abgeordnetenhaus debattiert man, ob und wie der Botschaft “konkrete Schritte” folgen könnten, und die Stadt London hat eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die ermitteln soll, weshalb die Berliner Kreativen so erfolgreich seien.

Es wundert nicht, dass der Befund Aufmerksamkeit erregt. Denn sollten die Kreativen tatsächlich ersetzen können, was uns verloren gegangen ist - Arbeit, Lohn, Vertrauen in die Zukunft - dann hieße das, wir könnten uns wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Die Idee ist virulent. Wenn Wolfgang Clement anlässlich der Popcom die vielen, kleinen Elektronikmusikfirmen zum “neuen Unternehmertum” adelt - weil sie stets neue Produkte erfinden und neue Märkte erschließen - ist das nur die profane Spielart des kreativen Glaubensbekenntnisses. Visionärer wird es, wenn Adrienne Goehler nach dem Verschwinden der klassischen Arbeit eine neue “Kulturgesellschaft” aufsteigen sieht, die in der Lage sei, allein aus der Kreativität ihrer Mitglieder heraus eine neue “ökonomische und soziale Basis” zu generieren. Wenn die Kreativen unsere Hoffnung sind - sollte man sie dann nicht fördern?

Bevor wir die Ärmel hochkrempeln und neue Fördertöpfe für Kreative einrichten - nicht damit sie Kunst schaffen, sondern damit sie unsere Wirtschaft retten - sollten wir uns fragen, worum es eigentlich geht. Wer berechtigt zu welchen Hoffnungen? Wer soll welche Erwartungen erfüllen? Werden Bildhauer Businesspläne schreiben? Macht man aus Hoyerswerda eine Kolonie für bildende Künstler - und alles wird gut? Wer oder was ist überhaupt dieses schillernde Ding, das ständig seinen Namen wechselt - das mal “Kreativwirtschaft”, mal “Kulturwirtschaft” und mal “Creative Industries” heißt?

Mit Adornos Begriff der “Kulturindustrie” hat es nichts zu tun. Soviel ist gewiss. War die “Kulturindustrie” etwas Schlechtes - Ökonomie verdirbt Kunst - ist “Kulturwirtschaft” etwas Gutes: Kunst kuriert Wirtschaft. Grundsätzlich verschieden ist die Perspektive auf das Phänomen. Während sich Adorno um die Kultur sorgte, ging es den Apologeten der “Kulturwirtschaft” ausdrücklich um “wealth and employment”. Als in Großbritannien Mitte der achtziger Jahre die Schwerindustrie am Boden lag, erkannte das Greater London Council in der Produktion von Kulturgütern erstmals einen Wirtschaftsfaktor, den man bislang viel zu wenig beachtet hätte. Tony Blair setzte später tatkräftig eine Creative Industries Task Force (CITF) ein, um schrumpfende englische Arbeiterstädte zu retten, und genoss damit weltweite Medienaufmerksamkeit. Denn in allen alten Industrienationen begann man, immer öfter von “Transformationsprozessen” zu sprechen - und deren nachfolgende Leere zu fürchten. Das Team Blair suchte nun nach Produkten, die man herstellen kann, wenn Kohlegruben geschlossen, Stahlwerke abgewickelt und Schiffswerften Pleite gegangen sind. Popmusik zum Beispiel, Konzerte, Platten, Filme, Bücher. Als der Stern der New Economy aufging, erfassten die Tentakeln der Task Force auch ihn, denn er erfüllte die Suchkriterien. Hatte man anfangs von “Cultural Industries” gesprochen, nannte man das bewusste Etwas nun allgemeiner “Creative Industries”. Weil ja auch die Entwicklung von Computerkommunikation mit Kreativität zu tun hat, und weil sie abgebaute Industrien ersetzen kann.

Die neue Kategorie war von Beginn an durch eine Suche, eine Hoffnung definiert, nicht durch einen Inhalt oder klare Formalien. Erst nachdem die Entdeckung der Kreativpotenziale international zum Exportschlager geworden war - selbst in Neuseeland und Australien begann man, nach ihnen zu forschen - versuchten Kulturwissenschaftler des Begriffs Herr zu werden. Sie scheiterten. Es zeigte sich, dass man bislang nicht wusste, worüber man sprach. Noch nicht einmal herrschte Einigkeit, ob das neue Etwas eine Kategorie von Produkten benannte oder eine bestimmte Art des Arbeitens. “Ausschlaggebend ist das Ergebnis”, sagten die einen (so das Mapping Document der Creative Industries Task Force): Alles, was symbolischen statt praktischen Wert hat, ist ein Produkt der “Creative Industries”. Aber symbolischen Wert hat auch die Oktoberrevolution oder die deutsche Wiedervereinigung. Ein Computernetzwerk wiederum hat keinen symbolischen Wert - seine Herstellung wird dennoch zu den “Creative Industries” gezählt.

“Es geht um Tätigkeiten, die Kreativität erfordern”, sagen die anderen (zum Beispiel Justin O´Connor in seiner Studie zu den Manchester Cultural Industries). “Skills” und “talents” seien entscheidend. Doch jegliche Innovation erfordert Kreativität. Weshalb sollte Grafikdesign oder die Erfindung von Computerspielen dazu gehören, die Entwicklung eines neuen Busfahrplans aber nicht? Wer einmal stochert, findet immer mehr Ungereimtheiten. Manche Forscher listeten ganze Fertigungsketten einschlägiger Produkte auf. Eine Buchproduktion verfolgten sie etwa von der Arbeit des Schriftstellers, über die Verlagsarbeit, hinein in die Druckereien und über die Versandwege bis in den Handel. Prompt zählt jede Menge vermeintlich klassischer Produktion zu den “Creative Industries”. Nicht nur die Fabrik, die etwa die CD-Rohlinge presst, gehört dazu, sondern eigentlich doch auch das Kraftwerk, das die Energie liefert und die Schiffswerft, die den Frachter baut, der die glänzenden Scheiben über den Ozean fährt.

Die Suche nach den Potenzialen der Kreativökonomie ist mit Goldgräberei zu vergleichen. Die Hoffnung auf Gold ließ Tausende aufbrechen, um zu suchen. Ganze Städte wuchsen - nur dieser Hoffnung wegen. Die Goldgräberstädte wiederum nährten den Mythos, wer nur guten Mutes sei, würde aus dem trüben Schlamm bald Schätze sieben. Ähnlich ist es mit der Hoffnung auf Rettung zu Brache gewordener Städte durch das gewisse Etwas. Weil Politiker dafür gewählt werden, dass sie Arbeitsplätze versprechen, investieren sie in Goldgräberei. Und immer mehr brechen auf, um zu suchen. Die Forschung nach den Möglichkeiten der “Creative Industries” ist selbst zu einer Industrie geworden, die ein immaterielles Produkt - einen Traum - erzeugt. Ihr Produkt ist der Glaube an Rettung durch die Produktion von Träumen, Bildern, Wünschen, Ideen.

Wer eine Forschung betreibt, die eigentlich eine serielle Produktion von Hoffnung auf Rettung ist, kann nur eine Art von Ergebnis zu Tage fördern - nämlich, dass die Zuversicht berechtigt sei. Dies führt notwendig zu Fehlschlüssen.

Zum Beispiel nehmen wir an, im alten Europa sei ein Transformationsprozess im Gang, der die Arbeit mit den Händen in Billiglohnländer verbannt. Ergo setze hier das Zeitalter der immateriellen, kreativen Arbeit ein. Dies sei die Zukunft.

Sollte es jedoch tatsächlich möglich sein, die “kreative Arbeit” begrifflich sinnvoll von einer “anderen Arbeit” abzugrenzen - weshalb glauben wir, ausgerechnet das alte Europa besitze ein Monopol auf sie? Weshalb sollte die kreative nicht ebenso wie die manuelle Arbeit von den Gesetzen des globalisierten Kapitalismus erfasst werden, um bald dort verrichtet zu werden, wo sie am billigsten ist? Weshalb sollte die Produktion von Ideen, Erfindungen, Träumen und Bildern nicht in Indien stattfinden? Sind Inder weniger kreativ?

Ein weiteres Problem ist: Die Bedeutung der “Creative Industries” wird überschätzt. So wertet es die jüngste Berliner Studie uneingeschränkt als Erfolg, dass die Stadt den Kreativbranchen mittlerweile den gleichen Anteil am Bruttoinlandsprodukt verdanke wie der verarbeitenden Industrie. Doch es ist fraglich, ob dies mehr über den Aufstieg der “Creative Industries” aussagt oder über den Niedergang der übrigen Wirtschaftszweige. Wenn eine Autowerkstatt seine Mechaniker entlässt, dafür aber eine Reinigungskraft einstellt, um den Betrieb besenrein zu übergeben, könnte man entweder sagen: Eine Autowerkstatt schließt. Oder: Ein Trendwechsel ist im Gange - weg vom Autoschrauben, hin zum Putzen.

Den immerhin sichtbaren Wachstumsraten der “Creative Industries” steht der Kollaps der ehemaligen ökonomischen Basis gegenüber. Und die Berliner Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Denn neben einigen anderen statistischen Unebenheiten wird etwa die gesamte Telekommunikation zum Kreativbusiness gezählt, gleiches gilt für die Druckereien, die wirtschaftlich immer schon eine wichtige Rolle spielten.

Und wenn das bewusste “Etwas” wachsen sollte - erfüllt es wirklich die Hoffnung, das zu ersetzen, was verloren gegangen ist: Arbeitsplätze, Lohn und Brot, Versorgung bei Krankheit oder im Alter? Die Studien zur Kreativwirtschaft loben einmütig einen atemberaubenden Gründergeist in den einschlägigen Branchen: In Wien zum Beispiel ist die Hälfte der bewussten Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren gegründet worden. Liest man aber die Wiener Untersuchung, fällt auf, dass dieses Gründungsfieber zugleich Symptom der eigenen Krise ist. Denn abgesehen von wenigen, die sich erfolgreich am Markt etablieren können, werden dem weitaus größeren Teil der Firmen Instabilität und Kapitalschwäche attestiert. Das gilt sowohl für Mode und Grafikdesign, als auch für die Filmindustrie, für die Literatur und die Musikproduktion. Weil es so verbreitet ist, Zukunft mit Kreativität zu verbinden, tummeln sich auf den einschlägigen Märkten sehr viele, hoch motivierte Anbieter, die sich gegenseitig unterbieten, demzufolge kaum Kapital akkumulieren können und selten in der Lage sind, jemanden einzustellen. In Berlin etwa wirtschaften rund 6.300 Designfirmen. Etwa ein Dutzend davon beliefern nach Schätzungen innerhalb der Branche weltweit Kunden. Weitere 300 sind mittelständische Unternehmen - die übrigen stellen das Fußvolk. Bereit, alles zu tun, jederzeit im Büro oder Atelier zu nächtigen, vor flimmernden Bildschirmen, fest davon überzeugt, mit genügend Inspiration irgendwie zu bestehen. Sie sind die Kreativen der Herzen. Sie sind gemeint, wenn Clement von einem “neuen Unternehmertum” schwärmt. Sie werden geliebt, nicht weil sie erfolgreich sind, sondern weil sie Vitalität verkörpern. Der deutschen Depression zum Trotz.

Wenn Neueinsteiger auf diesen übersättigten Märkten keine Arbeit finden und ihre eigene Firma basteln, geschieht dies nicht aus Gründergeist, sondern aus Not. Es ist schlicht eine Alternative zur Arbeitslosigkeit. Die Spirale dreht sich weiter. Ein neuer Marktteilnehmer kämpft um sein Überleben, und die Aussichten auf ein sicheres Einkommen sinken.

Freilich - es gedeiht etwas, seit die Schornsteine aufhören zu rauchen. Larry Page hat Google erfunden, es gibt ihn wirklich, und er ist Multimilliardär. Es gibt eine New Economy, die sich nach dem großen Crash mittlerweile wieder stabilisiert. Auch gibt es in Städten wie Berlin tatsächlich eine wachsende Designbranche mit steigendem Ansehen im Ausland. Und nichts spricht dagegen, dies zu fördern.

Falsch ist jedoch, anzunehmen, all das sei miteinander verwandt - nur weil wir ein und dieselbe Hoffnung daran knüpfen. Falsch ist, zu meinen, dies könne eine Rettung für alle sein. Und fatal wäre es, die Wirtschaft mit Kunst, Ideen oder Kreativität für einen Königsweg aus der Krise eines globalisierten Kapitalismus zu halten.