Wer hat Angst vorm Schwarzen Freitag?

Die Krise ist “beautiful”, sagte Karl Marx im Oktober 1857, als in New York erstmalig die Börse krachte und Anleger panisch die Banken stürmten. Während die Banker die “Panic” fürchten und die erste Weltwirtschaftskrise von den Staaten nach Europa “überschwappt”, denkt Marx “beautiful”, weil er meint, nun sei es bald vorbei - mit dem Kapitalismus. Er erwartet den politischen Umsturz, wie er Engels wissen lässt. Allein die Arbeitslosen bummelten noch. Der Umsturz bleibt aus, stattdessen öffnen nur 59 Tage nach dem großen Krach die New Yorker Banken wieder ihre Schalter, und der Sturm ist wie von der Sonne aufgeleckt. Wie Kinder nach einem beigelegten Streit mit der Mutter fassen die Bürger wieder Vertrauen zum Geld, zur Bank und zur Börse, froh, dass alles vergessen sein darf.

Heute, 150 Jahre später, ist es wieder soweit. Die Weltwirtschaftskrise ist zwar noch einige Meter entfernt - aber immerhin ist von “Panic” die Rede, vom “Überschwappen” der amerikanischen Hypotheken- und Finanzkrise nach Europa, vom “Zittern” und dem ganz großen Crash, vielleicht. Leider ist Marx tot und kann nicht mehr auf den nahenden Showdown prosten. Nur Peter Licht singt aus dem mp3-Player: “Hast du schon gehört? Das ist das Ende. Das Ende vom Kapitalismus. Jetzt is´ er endlich vorbei”. Und alle sind begeistert. Seine Hörer sind Linke. Pardon, “Kulturlinke” müsste man sagen. Leute, die nach ihrem Linkssein gefragt, mit langen Ausführungen antworten würden, weshalb die Kategorien “rechts” und “links” nicht zu halten seien, weshalb es keinen “Überbau” und keinen “Unterbau” mehr gibt, jedoch Pop, Kultur und Fragmentierungen. Daran - an all dem Zweifel nämlich - können wenigstens Konservative sie klar als Linke erkennen. Und daran, dass sie lachen, wenn Peter Licht das Ende des Kapitalismus besingt, den mag nämlich keiner, immer noch nicht. Es ist vorbei, freuen sie sich - fast wie seinerzeit Marx. Aber finden sie die Krise beautiful?

Egal, ob Kapitalismuskritik Pop, Ironie, Ernst oder beides ist. Die Vorstellung eines Börsencrashs findet fast niemand schön. Eine Börsenkrise hat mit Geld zu tun. Und im Angesicht des Geldes verhalten sich Menschen sonderbar. Geld, so sagen “Neuroökonomen”, löst im Gehirn ganz ähnliche Reaktionen aus wie Sex oder Kokain. Gedanken an Geld, Entscheidungen, die Geld betreffen, Gewinn und Verlust von Geld. Sie reichen von unbedingten Wünschen, die zu Handlungen treiben, bar jeder Vernunft, bis zur blanken irrationalen Furcht. In Versuchsreihen trafen Menschen Entscheidungen, die ihren Zielen entsprachen - solange kein Geld im Spiel war. Kam Geld hinzu, spielten sie beunruhigend oft gegen sich selbst. Die “Neuroökonomen” - eine Cross-over-Wissenschaft aus Neurologie und Hirnforschung, Psychologie und Wirtschaftswissenschaft - meinen, dass Geld selbst bei sonst stark vernunftgeleiteten Menschen zu emotionalen und widersprüchlichen Verhaltensweisen führt. Karl Marx hätten sie angesichts seiner Freude über eine Börsenkrise - die seinen Zielen ja durchaus entgegen kam - einem Lügendetektor gegenübergesetzt. Und vermutlich herausgefunden, dass auch ihm mulmig gewesen wäre.

Das Geld macht uns irre. So viel ist gewiss. Die Abstraktion des Geldes zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Im Geld verdichtet sich so viel, dass wir es nicht knacken können. Als Metallstück, als Schein oder Summe auf dem Kontoauszug ist es abstraktes Gegenstück zu fast allem, was wir bekommen oder verlieren können. So potenzieren sich Gier und Angst vor dem Gewinnen oder Verlieren, sie ballen sich und machen uns rasend und blöd. Eine weitere Umdrehung nimmt das Ganze, wenn das Geld an die Börse geht und die Abstraktion eine weitere Abstraktion erfährt. Wenn das Geld billig oder teuer werden kann und mit der Möglichkeit der Möglichkeit zu gewinnen und der Gefahr der Gefahr des Verlusts gehandelt wird. Das Ergebnis sind Broker, die angeben, am Geräusch des Börsentickers hören zu können, wie sich die Kurse entwickeln. Oder um ihr Geld gebrachte Kleinanleger, die auf Hochhäuser steigen und lieber vom Dach springen wollen, als einen Offenbarungseid zu leisten.

Wenn dies aber schon die ganze Erklärung wäre, würden angesichts einer Börsenkrise vor allem die Anleger die Banken stürmen, auf Dächern turnen oder versuchen, merkwürdigste Vorhersagen zu treffen: Zum Beispiel, dass in der aktuellen Krise mit dem völligen Kollaps im Oktober zu rechnen sei, weil sich Börsencrashs - alle Zusammenbrüche weltweit addiert und das Mittel gebildet, - mit größter Wahrscheinlichkeit in diesem Monat ereignen. Woher aber rührt die Empathie derer, die gar nicht selbst mit dem Geld spekulieren? Weshalb reden wir von “der großen Angst” und dem “Zittern”, wenn es gar nicht um unser Geld geht, das an der Börse zirkuliert? Wir sprechen von der “Ruhe vor dem Sturm”, vom “Sturz” und einer Krise, die “um sich greift” wie eine lauernde, dunkle Gefahr. Das Vokabular der düsteren Bedrohung verwenden wir wohlgemerkt nicht für Folgen einer Börsenkrise, die uns selber treffen könnten. Teurere Kredite, Entlassungen nach Pleiten. Die fürchten wir - aber wir zittern nicht. Wir zittern - tatsächlich - vor dem Börsencrash. Ganz gleich, ob dort unser Geld oder fremdes Geld verfällt. Wir sind verstrickt in das Geld, das immer konkret und abstrakt zugleich ist. Und in die seltsame Furcht vor dem Desaster um das Geld.

Das Geld ist nicht nur Äquivalent für fast alles, was wir gewinnen oder verlieren können, es ist das Äquivalent des Kontrollverlusts, des Entgleitens, der verlorenen Entscheidung selbst. Im Geld geronnen ist das Sehnen und Fürchten und zugleich ein Gesetz, das unser Leben bestimmt. In jede Münze, die wir für ein Eis mit Schokosoße in den Kassierteller legen, ist das Gesetz des Geldes eingeprägt. In jeder Summe, die wir für eine Ikea-Couch überweisen, ist es enthalten. Wir geben es aus und nehmen es ein, es ist wie Atmen. Und das Gesetz, das wir so in uns aufnehmen, ist, dass in China ein Sack Reis umfällt, wenn uns das Eis aus der Hand auf den Asphalt klatscht. Und einen Börsensturz auslöst, weil jemand aus Wut all seine Reisaktien verkauft und die Krise von Asien nach Europa schwappt. Niemand versteht mehr, weshalb das Geld, das man hier leiht oder setzt, dort zu Verwerfungen führt. Welche weiteren Verwerfungen diese nach sich ziehen. Wo sie enden, aus welchem Grund. Seriöse Ökonomen zeichnen sich dadurch aus, dass sie einräumen, Fehler nicht erkennen zu können. Allein die Fehler, die begangen wurden, lassen sich ein nächstes Mal vermeiden. Das hindert nicht, zur selben Zeit ein Dutzend neue zu begehen, deren Folgen nicht absehbar sind. Der Crash - der wirkliche, fatale Crash sei unwahrscheinlicher geworden, heißt es, weil die Verflechtungen komplexer und die Sicherungen vielfältiger sind. Man fügt sich dem Kontrollverlust und vertraut in die Verknäuelung.

Wir haben nie den Entschluss gefasst, Teil eines chaotischen Geldkreislaufs zu sein. Der virtuell seine Runden dreht, in dem ungeahnte Kräfte walten und der sich unseres Zugriffs vollständig entzieht. In ein übermächtiges, chaotisches System kann man nur kindlich vertrauen. Das Entgleiten ignorieren, wie die Bürger New Yorks, die nach dem “Bankensturm” und der größtmöglichen Verunsicherung kollektiv so taten, als hätte kein Wölkchen je die Sonne verfinstert.

Die Furcht vor dem Börsenkrach ist die Ur-Angst, dass sich dieses Entgleiten-Lassen einmal rächen könnte. Plötzlich und von hinten fiele es uns an, der Tag der Strafe bräche an wie der Tag des jüngsten Gerichts. Wenn aufgeklärte Menschen täglich bereitwillig die Kontrolle opfern an ein irrationales System - für ein Eis oder eine Ikea-Couch - ahnen sie, dass das auf die Dauer nicht gut gehen kann. Und zittern. Der Börsencrash ist ein Archetyp dieser Angst. Deshalb hat der Volksmund den verhängnisvollsten historischen Börsenkrach den “Schwarzer Freitag” genannt. Obwohl es ein Donnerstag, ein Montag und ein Dienstag waren, an denen im Oktober 1929 nach der langen Party der Golden Twenties der Dow Jones unverhofft ins Bodenlose stürzte. “Schwarzer Donnerstag” wäre eines Archetypus nicht würdig gewesen. Schwarzer Freitag hingegen klingt schaurig. Nach 13, schwarzer Katze und nach dem Unheil selbst.

Nur Marx bliebe cool und würde sagen: “beautiful”.


erschienen im “Freitag”, 24.08. 2007